Inszenierter Terror und verdeckte Kriegsführung

Oktober 2015

Daniele Ganser ist Historiker und leitet das »Swiss Institute for Peace and Energy Research SIPER« in Basel. Er lehrte an den Universitäten Zürich und Luzern und unterrichtet derzeit an den Universitäten Basel und St. Gallen. In seiner Dissertation forschte er über »Inszenierten Terrorismus und verdeckte Kriegsführung der NATO-Geheimarmeen«. Ganser besuchte die Rudolf Steiner Schule Basel.

Daniel Ganser. Foto: © Johannes Nilo

Erziehungskunst | Herr Ganser, schon Anfang der 1980er Jahre stellte Lloyd de Mause in seiner psychohistorischen Studie »Reagans Amerika« einen Zusammenhang zwischen innenpolitischen Problemen und der Anzettelung von Kriegen her. Mit den Terroranschlägen vom 11. September wurden der Patriot Act beschlossen, der die Bürgerrechte in den USA bis heute beschneidet und die »Achse des Bösen« etabliert, die das geopolitische Geschehen bestimmt. Sie sagen, der 11. September muss neu untersucht werden. Warum?

Daniele Ganser | Als Historiker ist es meine Aufgabe, 9/11 genau zu untersuchen. An diesem Tag stürzten nicht nur zwei, sondern drei Türme in New York zusammen. Also neben WTC1 und WTC2, die man im Fernseher sah, auch WTC7. Wir haben also zwei Flugzeuge und drei Türme. Wenn die Flugzeuge die Ursache für den Einsturz der Türme sind, dann stimmt da etwas nicht. Ich habe daher den 2004 publizierten, offiziellen Untersuchungsbericht zu den Terroranschlägen zusammen mit meinen Studenten am Historischen Seminar der Universität Zürich gelesen. Der Bericht ist 600 Seiten dick, daher hat ihn kaum jemand gelesen. Ich wollte aus dem Bericht erfahren, warum WTC7 einstürzte, weil das Gebäude ja nicht von einem Flugzeug getroffen worden war.

Nach der Lektüre waren wir alle sehr erstaunt, denn im offiziellen Bericht erfährt man zwar über die Existenz von WTC7, aber mit keinem Wort wird dort erwähnt, dass das Gebäude auch eingestürzt ist! Heute dreht sich die Forschung um die Frage, ob WTC7 durch Feuer oder durch Sprengung zum Einsturz kam. Ich habe mit ETH-Professoren für Baustatik gesprochen, die mir sagten, dass WTC7 mit großer Wahrscheinlichkeit gesprengt wurde. Wenn das zutrifft, haben wir ein Wahrheitsproblem.

EK | Was waren die Folgen von 9/11?

DG | Unmittelbar nach den Anschlägen erklärte US-Präsident George Bush, das seien militante Muslime um Osama Bin Laden gewesen. Seither ist bei vielen Menschen in Europa und den USA dieses Feindbild verankert, man glaubt, Muslime sind Terroristen, Muslime sind böse, Muslime sind gefährlich. 9/11 hat also das Feindbild »böser Muslim« erschaffen. Es verging kein Monat und die USA begannen am 7. Oktober 2001 mit der Bombardierung Afghanistans, mit der Begründung, dass Osama Bin Laden sich dort aufhalte. Auch andere NATO-Länder schickten in der Folge Soldaten nach Afghanistan. Seither wurden in diesem Krieg, der immer noch andauert, 220.000 Menschen getötet. Daraus lässt sich schließen, dass Feindbilder sehr gefährlich sind und zu realen Toten führen, egal ob diese Feindbilder stimmen oder nicht.

Gewalt gibt es in allen Religionen, bei den Christen, bei den Muslimen, bei den Juden, bei den Hindus und auch bei den Atheisten. Die NATO-Länder USA, Frankreich, Deutschland und Dänemark sind alles christliche Länder. Mit welchem Recht töten sie 220.000 Afghanen? Wir Christen müssen uns mit den gewalttätigen Christen in unseren Reihen kritisch auseinandersetzen. Aber schon allein dieser Gedanke ruft bei einigen Menschen Irritation hervor. Sie fragen sich: Haben wir solche Gewaltakteure in unseren Reihen? Wir verteidigen uns doch nur gegen die bösen Muslime? Wir wissen, der Angriff auf den Irak durch die NATO-Länder USA und Großbritannien von 2003 war illegal, weil ohne UNO-Mandat. Im Fernsehen haben Präsident Bush und Premier Blair über Massenvernichtungswaffen berichtet, die es nie gegeben hat. Der Irakkrieg hat gemäß einer neuen Studie der Ärzte gegen den Atomkrieg IPPNW mehr als eine Millionen Menschenleben gefordert. Wer also sind jetzt die Bösen? Wer die Guten? Stellen Sie sich vor: Der Irak hätte 2003 die USA angegriffen, die Amerikaner und Briten in orangene Anzüge gesteckt und gefoltert und eine Million Menschen getötet! Oder stellen Sie sich vor, Libyen hätte 2011 Frankreich bombardiert und den französischen Präsidenten getötet, zudem weitere 30.000 Menschen. Trotzdem sind wir fest davon überzeugt, dass die Muslime die Bösen sind, weil wir der Propaganda glauben.

EK | Sie haben nachgewiesen, dass in Europa geheime Militäraktionen der NATO durchgeführt wurden. Betreibt die NATO heute auch eine verdeckte Kriegsführung im Ukraine-Konflikt?

DG | Ja, ich habe die Geheimarmeen der NATO im Kalten Krieg untersucht. Ja, die NATO schürt heute den Konflikt in der Ukraine. Vor allem der NATO-Oberbefehlshaber Breedlove, ein US-General. Schon 2008 hat die NATO beschlossen, dass man die Ukraine in die NATO aufnehmen will. Das möchte Russland aber auf keinen Fall. Ich selber fände es für die Stabilität Europas wichtig, dass die Ukraine wie Österreich und die Schweiz neutral bleibt, also keinem Militärbündnis beitritt. Aber die NATO sieht das anders. Sie möchte unbedingt die Ukraine in die NATO hineinziehen. Daher wurde der ukrainische Präsident Janukowitsch, der nicht in die NATO wollte, im Februar 2014 gestürzt und durch den neuen Präsidenten Poroschenko ersetzt, der die Ukraine in die NATO führen will. Interessant sind auch hier die Details.

Vor dem Sturz hat die US-Strategin Victoria Newland, die mit ihrem Zitat »Fuck the EU« bekannt wurde, erklärt, wer die neuen Machthaber in der Ukraine sein sollten. Am 20. Februar 2014 haben dann Scharfschützen auf dem Maidan ein Blutbad angerichtet, sie haben sowohl Demonstranten als auch Polizisten erschossen. Wer diese Scharfschützen waren, bleibt im Dunkeln. Es ist nicht plausibel, dass das Leute von Janukowitsch waren, denn dieser wollte an der Macht bleiben. Es ist auch nicht plausibel, dass es Russland war, weil es Janukowitsch an der Macht halten wollte, damit die Ukraine nicht in den Einflussraum der NATO fällt. Interesse am Sturz von Janukowitsch hatten die USA und die NATO. Der frühere CIA-Mitarbeiter Ray McGovern sagt daher deutlich und klar, dass der Regierungssturz in der Ukraine durch den Westen, also die NATO und die USA, herbeigeführt wurde. Wenn McGovern Recht hat, tragen die USA und die NATO die Verantwortung für den Krieg in der Ukraine. Unsere Massenmedien berichten aber vor allem über die Krim, die in Folge des Regierungssturzes im März 2014 von Russland annektiert wurde. Man kann dann schnell das Bild vom »bösen Russen« zeichnen, der ohne jeden Grund die Krim besetzt. Propaganda funktioniert, weil man nur die halbe Wahrheit sagt.

EK | Gibt es andere Beispiele geostrategischer Einsätze? Welche Ziele verfolgen sie und wer sind die Akteure?

DG | Es geht in der Geostrategie immer um Macht und Rohstoffe, schon seit Hunderten von Jahren. Im Irak und in Libyen will man Erdöl und Erdgas erbeuten, in der Ukraine will man den NATO-Machtraum erweitern und Militärbasen aufbauen. Die Geschichte von den »bösen Muslimen« oder »bösen Russen« ist für die Dummen. Schon 1953 haben der britische Geheimdienst MI6 und der amerikanische Geheimdienst CIA die Regierung Mossadegh im Iran gestürzt, weil diese das Erdöl verstaatlicht hatte. 1954 haben die USA die Regierung von Arbenz in Guatemala gestürzt, weil Arbenz eine Landreform durchgezogen hatte und das Land der Großgrundbesitzer gegen Entschädigung an die arme Bevölkerung verteilte. Frankreich hat 1985 unter dem sozialistischen Präsidenten Mitterrand das Greenpeace-Schiff Rainbow Warrior in Neuseeland in die Luft gesprengt, also Staatsterror betrieben, weil Greenpeace gegen französische oberirdische Atombombentests protestierte. Frankreich wollte aber seine Atomwaffen, einen integralen Bestandteil der Macht, testen. Das Fazit ist ganz klar: Für Profit und Macht wird getötet. Die Propaganda dient jeweils dazu, das zu verschleiern.

EK | Warum stimmt das Argument nicht, durch verdeckte Militäreinsätze werde die demokratische, freiheitliche Grundordnung verteidigt?

DG | Nun, die Regierung, die man 1953 im Iran gestürzt hatte, war demokratisch gewählt. Übrigens auch die Regierung von Allende in Chile, die vom CIA 1973 gestürzt wurde. Die CIA und andere Geheimdienste sind keine Hilfe, sondern eine Gefahr für die Demokratie. Die verdeckte Kriegsführung treibt die Gewaltspirale an. Die Gewaltspirale führt nur zu Leid und Chaos. Niemand setzt ja verdeckte Kriegsführung bei der Erziehung der eigenen Kinder ein, weil man weiß, die Kombination von Lüge und Gewalt schadet dem Menschen. Das stimmt im Privaten wie im Politischen.

EK | Wer politische Ereignisse hinterfragt oder nach anderen Plausibilitätsmustern sucht, als die vom medialen Mainstream vermittelten, gilt schnell als Verschwörungstheoretiker. Wie erwehren Sie sich als Wissenschaftler dieses Vorwurfs?

DG | Ich wehre mich, indem ich immer wieder erkläre, dass ich Historiker und Friedensforscher bin und nicht Verschwörungstheoretiker. Das Wort wird in der Tat immer wieder benutzt, um alle Wissenschaftler und Bürger davon abzuhalten, kritische Fragen zu stellen oder Propaganda zu hinterfragen. Es erinnert mich an den Begriff »Ketzer«, der während der Reformation allen angehängt wurde, die die herrschende Verteilung der Macht und den Ablasshandel hinterfragten. Man versucht, die Menschen mit Worten zu erschrecken. Wer sich getraut, die Geschichte anzuzweifeln, wird von den Massenmedien und übrigens auch von Wikipedia als Verschwörungstheoretiker angegriffen. Wer aber auf Fakten achtet und sie studiert, muss Fragen stellen. Im Kern geht es also darum, seine eigenen Ängste zu über­winden und Machtmissbrauch offen anzusprechen. Viele schweigen, obwohl sie es besser wissen.

EK | Schüler sind keine Wissenschaftler. Was empfehlen Sie ihnen, um in Zeiten des Internets und des Informationsoverkills sich ein eigenes Urteil zu bilden?

DG | Mutig sein ist zentral. Und zudem soll man unbedingt sein Interesse wach halten, auch das ist zentral. Die Welt ist ein wunderbarer und spannender Ort. Vor allem aber soll man den Glauben an das Gute im Menschen nie verlieren. Klar, es gibt viel Gewalt und viel Lüge, daher soll man genau hinschauen und verschiedene Medien konsultieren, auch Youtube. Oder Menschen verfolgen, denen man traut, über Bücher und über Youtube-Vorträge. Wenn man die Gewaltspirale studiert, muss man immer daran denken, dass das nur ein kleiner, aber sehr mächtiger Teil der Menschheit ist, der täglich lügt und tötet.

Die Fragen stellte Mathias Maurer.

Leserbriefe zu diesem Beitrag finden Sie auch hier

Kommentare

Wilfried Michalski, 20.10.15 11:10

Wer seine Meinungsbildung noch mit einem persönlichen Erleben fundieren oder ergänzen möchte, Bodensee -Anrainer ist, oder dort am 28.10. unterwegs ist, hat beste Gelegenheit:
Am Mittwoch den 28.10. um 20 Uhr wird Dr. Daniele Ganser in der 'Freien Waldorfschule Bodensee' in Überlingen einen Vortrag halten zum Thema: „MEDIENKOMPETENZ: Wie funktioniert Kriegspropaganda und was kann man dagegen tun?“

Zum Thema „Verschwörungstheorien“ möchte ich noch anmerken, dass dahingehend die erste Frage sein muss, ob es „Verschwörungen“ gibt....oder zumindest geben kann, und es somit eine gesamtgesellschaftlich unumgängliche 'Bürgerpflicht' ist, sich analytische „Theorien“ zu geschichtlichen Ereignissträngen zu bilden.
Dies insbesondere vor dem Hintergrund von Ereignissen (z.B. '9/11') die zu Kriegen und massiven Verschiebungen in den Rechtssystemen diverser Staaten, auch Deutschland, geführt haben....und immer noch führen.
Da diese 'Verschiebungen' unter kaum übersehbarer Assistenz eines weiten Teils der Presse stattfinden, erscheint mir die Frage nach der „Medienkompetenz“ als sehr dringlich. Daher kann ich es nur begrüßen, wenn auch den Jugendlichen (Schülern) alles an Methodik zur Seite gestellt wird, um gewissermaßen die 'Wahrheit in der Wirklichkeit' zu ergründen.
Zu dieser Methodik gehören eben (auch) 'Verschwörungs-Theorien'. Daher sollte man den Begriff aus der grundsätzlich negativen 'Einfärbung' heraus nehmen.....und manchem 'Aktivisten' eher in offensiver Freiheit denn in warnender Abschottung begegnen.
In diesem Sinne wäre ein ergänzendes Erziehungskunst-Interview mit Ken Jebsen vielleicht der konstruktiven Vorstellungen nicht der schlechtesten eine....?...??

Hannah , 30.10.15 17:10

... mich erschreckt, dass die Waldorfschulen offenbar weiterhin im Sog von Verschwörungstheorien und Ähnlichem stehen - wer das Umfeld dieser Theoretiker kennt, weiss in welche Richtung es führt ... strikt nach rechts! Ich bin empört über diesen Beitrag in dieser Zeitschrift - das ist keine Auseinandersetzung sondern Demagogie! ... andere Theoretiker kommen ja hier auch nicht zu Wort ... egal ... macht mich traurig - vor allem die Kommentare hier, die genau in den Dunstkreis weisen, dem man kürzlich mit der Schrift zum Reichbürgertum entgegen trat ... Waldorf als Sammelbecken für neue Rechte und Verschwörungstheoretiker - leider sprechen einige Fakten dafür ... schade und verantwortungslos gegenüber den Eltern und Schülern, die diese Politisierung strikt ablehnen --- wir alle werden für dieses Pseudo-Wissen in Haftung genommen ... das Waldorfschüler Ken Jepsen an ihre Schule einladen, ist kein Zufall oder rechtsextreme Lehrer immer wieder Thema werden - leider, das schadet der Waldorfbewegung immens!

Michael , 13.11.15 12:11

@Hannah
Liebe Hannah, ich frage mich wie du diesen Kommentar verfassen konntest. Wo sind die Fakten auf denen du deine Meinung und Beschuldigungen stützt? Bitte helfe mir auf die Sprünge und erkläre mal kurz warum Prof. Ganser und bspw. Ken Jebsen rechts sein sollten, woran du das ausmachst (bitte mit Quellen). Sollte dir das nicht gelingen ist dein Kommentar wertlos und erweckt den Anschein, als hättest du dich gegen jemanden "grundlos" verschworen. Auch ist fragwürdig wie du die historisch belegten Fakten des Artikels einfach ignorieren kannst. Wo liegt dein Problem? Wovor hast du Angst? Wie wünschst du dir zukünftige Artikel?

Mit Gruß, Michael.

Benedikt Grindel, Düsseldorf, 25.11.15 21:11

Was um Himmels Willen haben solche Aussagen in der Erziehungskunst zu suchen? Ich lese die Zeitschrift nach anfänglicher Skepsis inzwischen sehr gerne, da sie immer wieder interessante Fragen aufwirft und einen ungewöhnlichen Blickwinkel einnimmt. Bei einem solch sensiblen Thema wie den Anschlägen des 11. September aber eine solch einseitige Sichtweise einzunehmen, hat mich einfach erschrocken. Fast noch mehr erschrecken mich die Kommentare zu dem Artikel. Ich hatte mit wesentlich klarerer Ablehnung oder zumindest Kritik gerechnet. Soll ich wirklich etwas über kritisches Denken lernen, wenn undifferenziert über krude Theorien geredet werden kann? Hier wird - indirekt - die Deutungshoheit über ein solch traumatisierendes Ereignis wie den 11. September einem zumindest umstrittenen Wissenschaftler überlassen, und zwar zu 100%. Kritisches Nachfragen des Interviewers? Fehlanzeige. Wo bitte ist denn da das kritische Denken, das Hinterfragen? Vor allem ärgert mich, dass viele andere sehr bedenkenswerte Aussagen von Herrn Ganser dadurch in ein sehr schales Licht gestellt werden. Insgesamt kann ich dafür nur ein Wort finden: Peinlich.

Florian , 26.11.15 22:11

Die Erziehungskunst aus dem Oktober 2015 gab Herrn Daniele Ganser ein Forum, seine Gedanken und kritischen Fragen über Geschehnisse bzgl. 9/11 und am Majdan in Kiew zu besprechen.
Vorweg, ich begrüße sowohl freies Denken als auch kritische Fragen. Ich habe den Artikel auch zum Anlass genommen, mich in beiderlei Hinsicht weiter zu informieren, insofern hat der Artikel durchaus meine Neugier erweckt.
Was mich jedoch nach meiner Recherche irritierte, ist der Umstand, dass sich Universitäten, wie die in der Überschrift zur Person erwähnten Universitäten Zürich und Basel bereits seit längerer Zeit deutlich von Hr. Ganser aufgrund seiner Äußerungen zu 9/11, sowie aufgrund nicht autorisierter Nutzung von Universitäts-Logos bei fachfremden Vorträgen distanziert haben, Hr. Ganser aber offenbar weiterhin seine ehemalige Zusammenarbeit mit der Universität als Visitenkarte und zur Unterstreichung seines wissenschaftlichen Expertenstatus nutzt. Hier empfehle ich den Artikel der „Schweiz am Sonntag“ (http://www.schweizamsonntag.ch/ressort/basel/die_ganser-verschwoerung/) oder die Einträge über Hr. Ganser bei Wikipedia. So betrachtet stelle ich mir schon die Frage, wenn es im Artikel um „False-Flag“-Operationen von Geheimarmeen geht und es auch gerade in der Einleitung des Oktober-Heftes (in Bezug auf das Verhältnis von Schülern, Eltern und Lehrern) um Vertrauen geht, ob ein umsichtigerer Umgang mit den Referenzen eines Interviewpartners nicht angemessener gewesen wäre.
Hr. Ganser ist ohne Zweifel ein eloquenter Redner und ein geschickter Fragensteller, indem er Dinge im Sinne von sokratischen Fragen teilweise nicht direkt ausspricht, sondern nur suggeriert. Als Beispiel wäre hier die Frage zu nennen, wem das durch Scharfschützen auf dem Majdan verübte Massaker geholfen habe und gleichzeitig die US-Geheimdienste bzw. die NATO in den Raum gestellt werden, da diese davon profitiert hätten. Solche Aussagen halte ich jedoch für problematisch, da es weder nach unserem allgemein gültigen Rechtsverständnis noch im besten Krimi ein ausreichender Beweis ist, wenn eine Tat einer Person oder einer Gruppe nützt. So ist doch jeder Tatort gestrickt, dass man als Zuschauer durch Vermutungen und Indizien schnell auf die falsche Fährte gelockt wird. Mehr als fragwürdig finde ich die „wissenschaftliche“ Herangehensweise dann, wenn Hr. Ganser einerseits die These in den Raum stellt, auf dem Majdan hätten von US-Geheimdiensten oder der NATO verdeckt beauftragte Scharfschützen ein Massaker verübt, man aber andererseits sogar in einer auf Hr. Gansers Internet-Seiten verlinkten Studie differenzierte Überlegungen nachlesen kann, die eben ganz andere Schlüsse zulassen als die von Ganser erwähnten. Geschichte und Politik sind komplex und obwohl ich sogar Hr. Gansers Befürchtungen teile, dass für Ressourcen und Rohstoffe auch unter dem Deckmantel von Menschenrechten Kriege geführt werden, greifen dennoch reflexhafte antiamerikanische Kurzschlüsse meiner Meinung nicht weit genug. Ohne Frage gibt es seit Ewigkeiten Geheimdienste und Versuche mit deren Hilfe in Staatspolitik anderer Länder einzugreifen, sogar „Freunde“ werden abgehört und ausgespäht, auch sind Versuche der Meinungsbeeinflussung bis heute Teil von Kriegsführung. Das jedoch alle möglichen weltweiten Ereignisse von Geheimarmeen und Geheimdiensten gezielt koordiniert werden, Regierungen lediglich wie Marionetten eingesetzt werden, klingt für mich mit Einschränkungen doch eher paranoid.
Auf die Frage, was er dem Vorwurf ein Verschwörungstheoretiker zu sein entgegensetze, antwortet Hr. Ganser, er widerspreche diesem einfach immer wieder und berufe sich auf seine wissenschaftliche Tätigkeit. Zum wissenschaftlichen Arbeiten gehört nach meinem Verständnis aber neben Mut auch Sorgfalt, Vorsicht und Umsicht.
Am Ende des Interviews gibt Hr. Ganser die Empfehlung, man möge mutig selber denken und sich z.B. bei Youtube informieren, statt der „Propaganda“ der „Massenmedien“ zu folgen. Auf Youtube entdeckt man nach Eingabe des Namens Daniele Ganser dann stundenlange Interviews auf Online-Medienplattformen z.B. zwischen Hr. Ganser und Michael Vogt, der von verschiedenen Seiten als „Durchlauferhitzer für rechtsextremes Gedankengut“ und von der Gesinnung her als „stark neofaschistisch“ eingestuft wird (s. Wikipedia). Warum tut sich Hr. Ganser so etwas an?
Wie erwähnt, ich habe nichts gegen kritische Fragen und umfangreiche Aufklärung. Wie man aber die trotz zunehmender wirtschaftlicher Einflüsse immer noch vielfältige deutsche Presselandschaft unter generellen Propagandaverdacht stellen kann und gleichzeitig nur noch sehr einseitige Schlüsse aus Beobachtungen nutzt bzw. nicht ins Bild passende Informationen unterschlägt, hat für mich nicht genügend Schnittmengen mit Friedensforschung oder Wissenschaft.
Ich weiß nicht, ob die Erziehungskunst gut beraten ist, umkommentiert Sprachrohr für solcher Art von politisch doch sehr einseitigen Gedanken zu sein.
Mit Freude habe ich jedoch in der aktuellen Dezemberausgabe der Erziehungskunst in der Rubrik Forum/Gegenlicht differenzierte und kritische Beiträge von Waldorf-Lehrern aus Offenburg und Köln zum Ganser-Interview gelesen.
Die empfehle ich uneingeschränkt als ergänzende Lektüre!

Henning Kullak-Ublick, Hamburg, 13.12.15 12:12

Hier eine Leseempfehlung zum Thema:
Karl Hepfer: „Verschwörungstheorien. Eine philosophische Kritik der Unvernunft“
PD Dr. Karl Hepfer lehrt Philosophie an der Universität Erfurt.
https://www.uni-erfurt.de/uni/news/2015/neue-publikation-ueber-verschwoerungstheorien/

Marie , 14.12.15 09:12

Bravo, dass die EK sich nicht scheut, solche Artikel zu bringen! Die Bequemlichkeit im Denken und die Bereitschaft, Menschen, die vom Mainstream abweichende Sichtweisen, und seien diese noch so objektiv belegt, zu verhetzen, zeigt auf erschreckende Weise wie es an Bewusstseinskräften mangelt. Schnell ist man bereit, (Tot-)Schlagwörter hervorzuholen und Andersdenkende in politisch inakzeptable Ecken zu werfen. Die Geschichte zeigt, wohin das führt. Leider sind die Waldorfschulen kein Ort, wo Offenheit und kritisches Denken unterstützt werden, da ist jeder selbst für verantwortlich.

Wilfried Michalski, Wolfegg, 14.12.15 12:12

Wer der "Leseempfehlung" von Herrn Kullak-Ublick folgt, liest: "Ob Mondlandung, Illuminati und 9/11, ob Bielefeld-Verschwörung oder Kennedy-Attentat – wie funktionieren Verschwörungstheorien?"
Und es sind solche Reihungen von "9/11" und "Bielefeld-Verschwörung" etc. die die geistige Verelendung in der Argumentationsführung aufzeigen.
Offensichtlich ist dieses 'geistige Elend' bis in die Vorstandsschaft im Bund der Freien Waldorfschulen zu einer respektablen Größe avanciert...!

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