Mut üben …

Von Tomáš Zdražil, Juli 2020

Die Entwicklung des Kindes hängt mit der Aneignung und Eroberung der Welt zusammen. Es birgt in sich gewaltige Potenziale der Entdeckerlust, der Kreativität, der Experimentierfreude, kurz der Willenskraft. Alles in der Welt ist für das sich entwickelnde Kind eine Herausforderung, die angenommen wird, sei es eine Treppe, eine Pfütze, ein Baumstamm.

Foto: © Charlotte Fischer

Das Kind lebt dabei Furchtlosigkeit aus. Natürlich wird es von Ängsten begleitet. Es kennt die Angst in ihren vielfältigen Facetten sehr wohl, es versucht aber, sie zu überwinden. Es wird u.a. auch dadurch zum großen Vorbild des Pädagogen. Das Kind ist ein offenes, freies und unberechenbares Wesen. Seine Individualität macht jede pädagogische Interaktion zu einem einmaligen, unwiederholbaren Prozess, der sich jeder Routine verweigert. Erziehung ist nur bedingt planbar, das Risiko des Scheiterns, des Misslingens, der Niederlage gehört essenziell zu ihr. Die Pädagogik hat somit den Charakter einer Gratwanderung, sie ist immer ein Wagnis.

Eine gesunde Pädagogik ruht deswegen auf dem Boden der Unerschrockenheit und der Furchtlosigkeit; sie atmet die Luft des Mutes. Jeder echte Pädagoge fühlt sich dem Geist des Mutes verpflichtet und der Mut ist sein Lebenselement und seine wichtigste Tugend. Ein Lehrerkollegium muss dieses Element gemeinsam pflegen. Die Befeuerung und Er-MUT-igung für die pädagogische Arbeit mit den Schülern und für die soziale und bildungspolitische Wirksamkeit der Schule erwächst aus den geteilten Gedanken, Erfahrungen, Erlebnissen, aus dem Gespräch und der Zusammenarbeit. Der Mut reift als eine Frucht aktiver, praktisch-spiritueller Gemeinschaftsbildung.

Die aktuelle Zeit umgreift jedoch den ganzen Erdball mit einer unübersehbaren Angst-Klammer. Die Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Infektion trafen schnell auch Kindergärten und Schulen aller Art. 1,5 Milliarden Kinder sind durch Schulschließungen in wohl allen Ländern der Erde betroffen. Das ist in der Menschheitsgeschichte einmalig. Einmalig ist aber vor allem auch die globale Konfrontation mit einem unsichtbaren und weitgehend unbekannten Feind. Unsichtbar und trotzdem – zumindest potenziell – allgegenwärtig. Wir können auf nichts Bekanntes zurückgreifen, wir haben kaum Instrumente zu seiner Kontrolle, wir sind ihm ausgeliefert. Die Menschheit wird damit nicht nur von einem Virus attackiert, sondern auch von der Angst.

In China hat auf dem Höhepunkt der Ansteckungswelle im Februar die Zahl der Angststörungen während weniger Wochen um mehr als ein Drittel zugenommen, jene der Depressionen um 20 Prozent. Die Zahl der durch das Corona-Virus Verängstigten ist in Deutschland innerhalb von drei Wochen – im März/April – von 20 auf 37 Prozent gestiegen. 57 Prozent haben sich Ende März Sorgen gemacht, sie könnten sich anstecken. 40 Prozent sorgten sich um ihre wirtschaftliche Zukunft. Die Angst vor Ansteckung ging im Laufe der Monate März, April und Mai zurück, die Angst vor der Erkrankung und einem Krankenhausaufenthalt blieben konstant. Es scheint keinen Ausweg aus der Angst zu geben, denn man fürchtet sich inzwischen einerseits vor der Verharmlosung der Gefahr, der Lockerung der Maßnahmen, der Grenzöffnung, einer möglichen zweiten Welle der Infektion und der Fortsetzung der Pandemie. Andererseits hat man aber zunehmend auch Angst vor der Aufrechterhaltung der Maßnahmen, ihren unabsehbaren wirtschaftlichen und sozialen Folgen, dem Impf-Zwang, der Unterwanderung der Proteste durch Rechtsextremisten und Verschwörungstheo­retiker oder sogar einer Massenüberwachungs-Diktatur. Dabei scheint es schwer zu fallen, die Angst von der Verantwortung abzugrenzen. Es scheint, dass sich diese Motive in den Überzeugungen, Motiven und Handlungen der Einzelnen sehr individuell durchmischen. Es gibt aber auch eine positive Seite der Angst: Sie macht uns auf echte Gefahren aufmerksam, weckt uns auf und aktiviert in uns sehr basale Reaktionen und Verhaltensmuster, die uns und andere schützen. Darin liegt ihr unverzichtbarer Wert. Das scheint auch der Hintergrund dafür zu sein, dass von der Regierung durch »umfassende Mobilisierungskampagnen« absichtlich und aktiv »gewünschte Schockwirkungen« hervorgerufen wurden (was interne Dokumente belegen) und dass die Medien durch Zahlen, Berichte und Bilder zur Entstehung der Gefühle der Bedrohung und der Angst zum Zweck der Bewusstmachung des Ausmaßes der Gefährdung beigetragen haben, um dadurch die Unterschätzung der Gefahr und die Akzeptanz der vorgenommenen Maßnahmen zu erreichen. Diese Aspekte sollen hier nicht beurteilt und analysiert werden. Es soll auch nicht diskutiert werden, ob es diesmal auch wirtschaftliche »Profiteure der Angst« gibt, wie es von den Dokumentaristen von arte im Jahre 2009 bei der Pandemie der Schweine-Grippe dargestellt wurde. Es soll die Angst selbst in ihrem pädagogischen Kontext beleuchtet werden.

Die Angst trifft den aktiven Willensbereich des Menschen. Sie reduziert die Leistungsfähigkeit, lähmt den Tatendrang, untergräbt die Initiativkraft, macht unsicher oder sogar blind für weitere Schritte und Chancen, unselbstständig und abhängig von anderen – im schlimmsten Fall servil bis sklavisch, stimmt lethargisch bis depressiv. Die Angst ist somit eine toxische, gesundheitsschädigende Emotion.

Schon für Erwachsene sind die Ursachen und Umstände der Infektion undurchschaubar und Furcht einflößend, umso mehr für Kinder. Sie haben einerseits in ihrer Feinfühligkeit an den Verunsicherungs- und Angstzuständen der Erwachsenen teil und nehmen diese auf, andererseits können sie diese emotionellen Zustände viel weniger als Erwachsene rational verarbeiten. Dadurch dringt die Angst bei den Kindern tiefer in die Seele ein und wirkt sich physiologisch und nachhaltig gesundheitlich aus. Eine aktuelle Studie zur Angst in der Kindheit schließt mit den Worten: »Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Angst in der Kindheit ein vorrangiges Ziel der öffentlichen Gesundheit ist, weil sie weit verbreitet ist, erhebliche Schmerzen und Behinderungen verursacht und eine Vorstufe zu Sucht, Depression und Selbstmord darstellt … Wir appellieren an die Praxis, zu handeln und der Angst in der Kindheit die Aufmerksamkeit zu schenken, die sie in der gegenwärtigen Finanzierungslandschaft und im System der psychischen Gesundheitsversorgung verdient« (JAMA Psychiatry 13.5.2020).

Gleichzeitig werden die Kinder oft auf sich selbst zurückgeworfen. Sie werden angehalten, sich von den Gleichaltrigen, den Pädagogen, der Welt zu isolieren. Was mit dem paradoxen Begriffspaar »social distancing« angedeutet wird, kann für die gesunde kindliche Entwicklung schlimme Folgen haben. Die Kinder dürfen sich mit ihren Freunden nicht treffen und spielen, sie dürfen ihre Großeltern nicht besuchen. Kinderärzte berichten von neuen Formen von Angst- und Zwangsstörungen. Eltern und Pädagogen beschreiben Lustlosigkeit, Konzentrationsprobleme, Zappeligkeit und Schlafstörungen. Der mutig-willenshafte Inkarnationsstrom des Kindes, mit dem es sich der Welt zuwendet, wird aufgehalten oder sogar unterbrochen. (Nur erwähnen möchte ich die Tatsache, dass die Corona-Krise weitere 66 Millionen Kinder mit extremer Armut bedroht.) Der im April erschienene UNO-Bericht zur Situation der Kinder in der Corona-Krise schließt u.a. mit dem Satz: »Dies ist eine beispiellose Krise, die beispiellose Risiken für die Rechte, die Sicherheit und die Entwicklung der Kinder in der Welt mit sich bringt« (UN: The Impact of COVID-19 on children). Die Kinder verlieren in einer verängstigten Welt einen Teil ihrer Kindheitskräfte. Auch im schulischen Alltag werden wir immer wieder mit den Facetten der Furcht konfrontiert. Wohl in jeder Schule kennt man verschiedene Ausgestaltungen folgender Fragen: Schließen wir uns dem allgemeinen Trend an, die Prüfungsfragen in den Vordergrund des pädagogischen Geschehens zu stellen und dieser Maxime alles andere an der Schule unterzuordnen (siehe »Ad-hoc-Stellungnahme der Leopoldina« versus Petition »Güterabwägung in der Krise«)? Haben wir den Mut und die Initiative – trotz der widrigen Umstände und sei es Online – unsere kollegiale Erkenntnisarbeit im Rahmen der pädagogischen Konferenzen weiter zu pflegen? Oder erlahmen wir und lassen Einzelne oder eine kleine Gruppe bloß das Technisch-Organisatorische regeln? Bemühen wir uns wirklich darum, alle rechtlichen und anderen Mittel auszuschöpfen, um eine gesunde Pädagogik zu praktizieren oder stellen wir uns mit der sklavisch-engen Auslegung der rasch wechselnden Verordnungen zufrieden? Man könnte beliebig fortsetzen …

Zum Berufsethos des Waldorflehrers gehört der Mut, insbesondere auch im Zusammenhang mit der Weiterentwicklung seiner Erkenntniskräfte: »Habe den Mut zur Wahrheit!« Der Waldorflehrer versucht die unterschwellige Furcht zu erspüren, die ihn einerseits zwingt, nur die materiellen und zahlenmäßig-quantifizierbaren Aspekte der Wirklichkeit anzuerkennen, die ihn aber andererseits behindert, die psychosozialen und spirituell-wesenhaften Aspekte der Wirklichkeit zu begreifen. Die Anthroposophie Rudolf Steiners kann ein guter Begleiter auf diesem vom Mut getragenen Erkenntnisweg werden. Steiner stellte wiederholt sowohl die Furcht wie auch den Mut geistig-wesenhaft dar: in eindrücklichen szenischen Bildern seiner sogenannten Mysteriendramen, in seinen plastisch-bildnerischen Versuchen im Gesamtkunstwerk des Goetheanums und nicht zuletzt in seinen vorgetragenen Beschreibungen. In der Seele des Menschen ringen der mächtige Geist der Angst und der Geist des Mutes miteinander. Wir haben in der Corona-Krise eine einmalige Gelegenheit, diese zwei Geister kennenzulernen und unsere Tapferkeit erfolgreich zu erproben.

Zum Autor: Prof. Dr. Tomáš Zdražil ist Dozent an der Freien Hochschule in Stuttgart.

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