Ständig vernetzt? Risiken und Nebenwirkungen von Computern und Smartphones

Von Robert Neumann, Dezember 2011

Achten Sie doch mal beim nächsten Warten auf den Bus darauf, was der Jugendliche neben Ihnen auf der Bank macht. Ziemlich sicher tippt er etwas in sein Smartphone, ein Mobiltelefon, mit dem man ins Internet gehen und E-Mails verschicken kann. Inzwischen sind 60 Prozent der in Deutschland verkauften Mobiltelefone Smartphones, in Großbritannien besitzen 27 Prozent der Erwachsenen und 47 Prozent der Teenager ein solches Gerät. Dieses wird hauptsächlich genutzt, um Mails zu schreiben oder soziale Netzwerke wie Facebook zu besuchen.

Abgelenkt? Beeinträchtigt das Smartphone unsere Liebesfähigkeit?

Will man eine gesellschaftliche Entwicklung im Unterricht aufgreifen, steht am Anfang der Beobachtung der wertfreie Blick auf das Phänomen: Diese Geräte, wie auch alle Computer mit Internetanschluss, verbinden uns weltweit. Dabei sind sie heute so einfach und bequem zu bedienen, dass ständig die Möglichkeit oder die »Versuchung« vorhanden ist, sie auch zu nutzen.

Was ist damit gemeint? Bei Computern ist ein Blick auf den Bildschirm bei der Benutzung hilfreich.

Wenn man eine typische Bildschirmansicht aus der Zeit der 1990er Jahre mit einer heutigen vergleicht, springt der Unterschied sofort ins Auge: Arbeit mit Word Anfang der 1990er Jahre: Es ist nur das Programm zu sehen, mit dem man gerade arbeitet. Arbeit mit Word 2011: Zusätzlich zur Software, mit der man gerade arbeitet, gibt es über die »Taskleiste« die Möglichkeit, auf andere geöffnete Programme zuzugreifen.

In beiden Fällen ist das Textverarbeitungsprogramm Word geöffnet. Damals konnte man allerdings nur an einem Programm arbeiten. Das heißt, dass die Aufmerksamkeit ganz auf diese eine Tätigkeit konzentriert war.

Heute bieten die Bildschirmansichten schon auf den ersten Blick sehr viel mehr und sind graphisch viel stärker gestaltet. Außerdem können mehrere Programme gleichzeitig geöffnet sein. Diese werden meist in einer Taskleiste angezeigt. Auch signalisieren E-Mailprogramme sofort, wenn eine neue Nachricht eintrifft. Oft sind weitere Kommunikationsprogramme wie der Instant-Messenger oder Skype geöffnet. Diese zeigen an, welche Kontakte gerade online sind. Dazu kommt die Möglichkeit, jederzeit mit einem Knopfdruck ins Internet gehen zu können.

In dem lesenswerten Buch »Wer bin ich, wenn ich online bin …« beschreibt Nicholas Carr, dass es anstrengender ist, einen Text am Computer zu lesen, der Links enthält, als einen gedruckten Text, weil wir jedes Mal halbbewusst entscheiden müssen, ob wir auf den Link klicken wollen oder nicht. Es ist naheliegend, dass dies auch für die Arbeit am heutigen Computerdesktop gilt, wo wir zusätzlich durch eintreffende Nachrichten aus der Konzentration gerissen werden, oder uns selbst herausreißen, indem wir »mal eben« etwas im Internet anschauen – und sei es nur eine Nachrichtenseite. Das Smartphone hat eine ähnliche Wirkung: Es bietet immer und überall die Möglichkeit, etwas zu lesen, zu schreiben oder im Internet zu surfen. In Studien zur Nutzung der Geräte wird beschrieben, was viele Smartphonebesitzer von sich selbst kennen: Man gewöhnt sich schnell an diesen Zustand, soweit, dass der Verzicht auf das Gerät zu Symptomen führt, die man sonst vom Zigarettenentzug kennt.

Von der Schwierigkeit »für sich zu sein«

Wenn man auf die Aufmerksamkeit des Menschen schaut, kann man dabei zwei Hauptrichtungen unterscheiden. Die eine ist die des intentionalen Fokussiert-Seins. Man ist »für sich« mit etwas beschäftigt. Man liest, schreibt oder arbeitet an etwas. Die Aufmerksamkeit ist dabei auf einen Gegenstand oder eine Tätigkeit gerichtet. Im Gegensatz dazu ist beim Zusammensein die Aufmerksamkeit nach außen und auf andere gerichtet. Man ist offen für alles, was auf einen zukommt oder in der Umgebung geschieht – wie ein Lehrer vor seiner Klasse. Diese Unterscheidung kann bei jeder Art von Tätigkeit, sei sie geistiger, kreativer oder handwerklicher Art erlebt werden. Wenn man diese effektiv ausführen will, ist es wichtig, »für sich«, also konzentriert zu sein.

Die Arbeit an einem Text erfordert dieses Gerichtet-Sein der Aufmerksamkeit. Das »Handwerkszeug oder Schreibgerät« der modernen Informationstechnologie weist aber gerade in die andere Richtung: Es richtet den Fokus nach außen und vernetzt den Menschen weltweit.

Durch das ständige »Zusammensein«, fällt es zunehmend schwerer, sich über einen längeren Zeitraum zu konzentrieren, »Für sich« zu sein. Dies geht inzwischen so weit, dass ein amerikanischer Psychologe empfiehlt, nach 15 Minuten Unterricht eine »Tech-Break« zu machen, in der die Schüler via Smartphone ihre sozialen Netze checken können – da sonst die Aufmerksamkeit im Unterricht sinkt und die Schüler das Gefühl haben, sie würden etwas verpassen.

Konzentration muss geübt werden

Da es die Trennung in »auf einen Gegenstand gerichtet sein« und »nach außen gerichtet sein« heute in den meisten Lebenssituationen nicht mehr gibt, muss sie wieder bewusst vollzogen werden. Konzentration ist ja nicht etwas, was die meisten Menschen »einfach so« können, sie muss geübt werden. Dabei ist der Ansatz einer »Tech-Break« prinzipiell zu begrüßen, da die Geräte dabei bewusst bedient werden – allerdings scheint es fraglich, ob eine Aufmerksamkeitsspanne von fünfzehn Minuten erstrebenswert ist, oder ob wir unseren Schülern nicht doch auch ganze Unterrichtsstunden zumuten können. Abgesehen davon kann man sich die Frage stellen, ob Kinder schon ein Smartphone brauchen. Im Umgang mit Computern im Informations­technologie-Unterricht ist es essenziell, die Zeit der Arbeit mit dem Gerät abzugrenzen von der Arbeit ohne – am besten physisch. Zu Unterrichtsbeginn werden die Geräte ausgeschaltet oder zugeklappt. Sie bleiben es auch während des Unterrichtsgesprächs. Erst wenn sie benötigt werden, werden sie aufgeklappt und eingeschaltet.

Es kann sinnvoll sein, das Internet in einer Unterrichtsstunde verfügbar zu haben und in der nächsten nicht. Anschließend spricht man mit den Schülern darüber, ob sie die Arbeit unterschiedlich erlebt haben oder wie sie durch die Verfügbarkeit des Netzes abgelenkt wurden.

Zu Hause, bei der eigenen Arbeit am Computer, kann man ab und an einfach mal das Netzwerkkabel ziehen oder das WLAN während der Arbeit ausschalten. Auch kann man mit den eigenen Kindern für die Nutzung des Internets Zeitkontingente vereinbaren. Gerade in der Phase des Bearbeitens der Hausaufgaben ist das Bedürfnis nach Kontakt am größten, sei es, weil man allein an den Aufgaben arbeiten muss, oder sei es, weil der Kontakt schlicht und einfach ablenkt. Einer der Kernaspekte von Medienkompetenz ist die Fähigkeit, die Medien zu benutzen, und sich nicht von ihnen benutzen zu lassen. Das Ziel sollte sein, Bewusstheit im Umgang mit den Medien zu erzeugen. Gerade weil man heute mit der Dauerverfügbarkeit von Kommunikationsmedien aufwächst, ist es wichtig, gute Gewohnheiten anzulegen, den Kindern und Jugendlichen ein Vorbild zu sein und ihnen einen altersgemäßen Freiheitsrahmen zu geben. Eines ist sicher: Ohne Protest wird das nicht gehen, denn der kommunikative Sog ist ungeheuer stark.

Literatur: Nicholas Carr: Wer bin ich, wenn ich online bin ... und was macht mein Gehirn solange?, München 2010

Zum Autor: Robert Neumann ist Physiker und Waldorflehrer in den Fächern Mathematik, Physik und Informationstechnologie und Dozent am Lehrerseminar in Kassel.

Eine etwas längere Fassung des Artikels können Sie hier als PDF herunterladen.

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