Über die Grenzen hinaus. Jugendsymposion Kassel zum Thema »KULTUREN«

Von Valentin Hacken, Juni 2012

Mit »Scheitert der Euro, scheitert Europa« hat Angela Merkel ein politisches Projekt auf seine ökonomischen Aspekte reduziert und dabei die Kultur komplett aus dem Blick verloren. Die Sommerausgabe des Jugendsymposions in Kassel nahm nun genau dies in den Blick, etwa 250 Schüler und Studenten versammelten sich vom 7.-10. Juni zum Austausch über »KULTUREN«.

Eine Gruppe Symposionsteilnehmer bei der documenta-Führung in der Karlsaue. Sie schauen sich das documenta-13-Kunstwerk des italienischen Künstlers Guiseppe Penone, »Idee di Pietra« (2010) an: ein Baum aus Bronze mit einem Stein in der Baumkrone.

»Deutschland, Deutschland, Deutschland«, grölt es in der Tram. Es ist nicht nur Jugendsymposion in Kassel, sondern auch die dOCUMENTA (13), die neben viel Aufregung als Mitbringsel einen herrlich überspannten Kult produziert, doch am Samstagabend hört man vor allem eines: es ist auch Fußball-EM und die will gefeiert und betrunken sein. Internationale Kunstausstellung, Fan-Kultur, Kult und Ritus, Begegnung von Menschen aus verschiedensten Kulturkreisen – Kassel ist an diesem Wochenende genau der richtige Ort für diese Veranstaltung. 

Mit seinem Vortrag zu »Dimensionen eines zeitgemäßen Kulturbegriffs« eröffnet Michael Zech vom Lehrerseminar Kassel den Reigen der Plenarvorträge. Er gibt Werkzeuge und Begrifflichkeiten zu einer differenzierten Betrachtung an die Hand und formuliert hohe Erwartungen an Toleranz im Umgang der verschiedenen Kulturen miteinander, ohne dabei indifferent zu werden; spricht von »Offenheit und Anspruch«. Diese Fragen erhalten im zweiten – politischen – Vortrag eine starke Zuspitzung, im Beitrag des Redners Aiman Mazyek vom Zentralrat der Muslime zu »Interkulturelle Begegnungen«, ebenso in in der anschließenden Aussprache. Nana Göbel von den Freunden der Eziehungskunst zeigt mit ihrem Beitrag »Waldorf in den Kulturen der Welt«, wie unterschiedlich Unterricht und Lehrpläne sein müssen und sich in ihrer Region, ihrem Kulturkreis verorten, von der Tonalität im Musikunterricht in Thailand bis zu den Mythen und Märchen in Afrika. Mit Mechtild Oltmann von der Christengemeinschaft steht die Religion – insgesamt dominierend in den Vorträgen dieses Symposions und manchmal sehr aus dem eigenen Erleben und weniger aus der Draufsicht gesprochen – wieder auf dem Plan. »Christentum in notwendiger Wandlung« ist Oltmanns Thema, »Religiosität als Kulturleistung«. Weniger die institutionalisierte Religion, als das in sich forschende Wesen steht im Vortrag von Arthur Zajonc aus Colorado / USA »Wissenschaft und Spiritualität – Reflexionen zur Wirtschaftskultur« im Mittelpunkt. Der Forscher, der unter anderem Begegnungen zwischen Wissenschaftlern und dem Dalai Lama organisiert hat, spricht sich für eine Erweiterung des Wissenschaftsbegriffs um eine spirituelle Dimension aus.

Zwischen den Vorträgen liegen die Seminare, u.a. »Performance – Kunst im Dialog«, »Die Herausforderungen der interkulturellen Gesellschaft«, »Kultur in der Kommunikation«. Eine besondere Diskussion ist im Seminar »Was ist und welche Aufgabe hat das ›wahre‹ Europa?« zu erleben, neben Schülern und Studenten aus Deutschland diskutieren hier auch Schüler und Schülerinnen aus den Niederlanden und Tschechien, letztere überwinden die Sprachbarriere teils in Englisch, teils durch die Hilfe eines nahezu simultan übersetzenden Lehrers.

Sonntag ist Festtag und es wird die dOCUMENTA (13) besucht, vorausgehend referiert Jochen Krautz von der Alanus Hochschule über die Frage »Wozu Kunst?« und Johannes Renzenbrink von der Waldorfschule Offenburg gibt eine Einführung in das, was in den nächsten 100 Tagen Menschen aus aller Welt und am letzten Tag dieses Symposions die Teilnehmer sehen. Danach, im letzten Plenum, schlägt Albert Schmelzer von der Freien Hochschule Mannheim einen Bogen über die Beiträge des Symposions und macht »Die Kulturfrage angesichts der Herausforderungen der Gegenwart« konkret durch seine Arbeit an der interkulturellen Waldorfschule in Mannheim.

Die Diskussionen und Beiträge der Teilnehmerinnen und Teilnehmer dieses Jugendsymposions zeigen wieder den dringlichen Wunsch, weiter über die Grenzen des üblichen Schulstoffes, am liebsten über die Grenzen der Wissenschaft hinaus in sich selbst und um sich zu forschen. Sie zeigen aber auch, dass eine Erweiterung des klassischen Wissenschaftsbegriffs solide Grundlagen erfordert, dass es absolut unabdingbar ist, auch in Systemen und modellhaft denken zu können – jedes Ich hat einen Kontext. Deswegen ist das Jugendsymposion mit seinem Anspruch – den es in manchen Momenten auch gegen die Teilnehmer behaupten muss – eine so wichtige Veranstaltung. Doch Erkenntnis braucht Zeit und Wissenschaft ist kleinteilig, auf den Symposion kann man erleben, welch ungeheurer Aufwand Kultur- und Wissenschaftsleistungen sind. Verantwortungsvolles Leben in Freiheit bedeutet auch, Kontroversen auszuhalten und dabei den eigenen Idealismus nicht zu verlieren, sich die Zeit zu nehmen, wirklich verstehen zu wollen, was um einen und in einem geschieht und wissenschaftliche Begriffe nutzen zu können, ohne sich von ihnen benutzen zu lassen. Das kommende Jugendsymposion im Winter wird sich mit »ZEIT« beschäftigen. Gut, dass es diese Veranstaltungsreihe gibt; sie ist immer wieder eine wunderbare Herausforderung.

Valentin Hacken, Jahrgang 1991, studiert an der Universität Freiburg Philosophie und Neue Deutsche Literatur und ist Geschäftsführer der WaldorfSV – Bundesschülerrat.

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