Vom Beruf zum Projekt

Von Lars Grünewald, Juni 2015

Die zunehmende Differenzierung im Arbeitsleben führt zu immer spezialisierteren Berufsbildern. In einem genügend eng umgrenzten Arbeitsgebiet lassen sich sämtliche Tätigkeitsabläufe exakt definieren und programmieren. Für die Durchführung mechanisierter Arbeiten sind Menschen überflüssig und können – wie Hegel bereits 1820 erkannt hat – durch Maschinen ersetzt werden.

Foto: © .marqs/photocase.de

Alle mechanischen, auf Reproduktion beruhenden Arbeiten werden längerfristig vollkommen durch Maschinen ersetzt werden, was – laut Berechnungen des amerikanischen Verteidigungsministeriums – zu einer Arbeitslosenquote von rund 80 Prozent führen wird. Die mittlerweile in mehreren europäischen Staaten erreichte Jugendarbeitslosigkeit zeigt, dass derartige Prognosen nicht utopisch sind. Wenn Maschinen den Menschen aber von allen reproduktiven Arbeiten entlasten, dann bleiben nur noch produktive, schöpferische Tätigkeiten übrig, für die der Mensch jetzt frei wird. Allerdings wird schöpferische, individualisierte Arbeit für andere nur dort von Interesse sein, wo sie auf individualisierte Bedürfnisse trifft. Individuelle Bedürfnisse sind aber nicht berechenbar; sie entstehen und vergehen prinzipiell unerwartet. In genau demselben Tempo und mit derselben Unberechenbarkeit entstehen und verschwinden dann auch die entsprechenden Arbeitsmöglichkeiten, deren Ziel die Befriedigung dieser Bedürfnisse ist.

Ein Arbeitsleben, das sich dem Wandel individueller Bedürfnisse anpasst, hat daher keinen Berufscharakter mehr, sondern Projektcharakter: Ein Projekt ist – laut DIN-Begriffsnorm – ein Vorhaben, das durch die Einmaligkeit seiner Bedingungen gekennzeichnet ist.

Die Bestimmung von Projekten als »Erst- und Einmalvorhaben« schließt eine allgemeine Fixierung von Projektbedingungen aus; diese müssen vielmehr bei jedem neuen Projekt neu entworfen und individuell bestimmt werden. Wenn menschliche Arbeit in unserer Gesellschaft eine Zukunft haben soll, dann werden wir uns zunehmend von der Berufsarbeit weg hin zur Projektarbeit orientieren müssen.

Individuelle Bedeutung

Da es sich bei jedem Projekt um eine individuell zu gestaltende und zu bewältigende Arbeitsaufgabe handelt, ermöglicht Projektarbeit eine wesentlich größere Abwechslung und Vielseitigkeit als die herkömmliche Berufsarbeit. Durch die Aufeinanderfolge unterschiedlicher Projekte bildet sich für jeden Menschen im Laufe seines Lebens eine individuelle Arbeitsbiographie heraus.

Jede Arbeitsbiographie kann auf diese Weise zum Ausdruck der Individualität ihres Gestalters werden. Das hätte gegenüber der traditionellen Einteilung in Berufsgruppen eine wesentlich stärkere Individualisierung der Menschen zur Folge. Zudem besteht die Möglichkeit, sich je nach Bedarf in immer neue Sachgebiete einzuarbeiten sowie in unterschiedlichen Projekten mit unterschiedlichen Menschen zusammenzuarbeiten.

Insofern können sich der Umfang des eigenen Wissens und Könnens sowie das soziale Umfeld eines Menschen und seine sozialen Fähigkeiten im Laufe seines Lebens fortwährend erweitern.

Persönliche Anforderungen

Projektarbeit setzt persönliche Flexibilität voraus, nämlich die Bereitschaft zur Anpassung an sich wandelnde gesellschaftliche Umstände. Ein Projekt umfasst nicht die Dauer des gesamten Arbeitslebens, sondern ist nur auf die Gestaltung einer bestimmten Lebensphase hin angelegt. Wer sich der Projektarbeit zuwendet, muss bereit sein, seine Arbeitsbiographie selbst zu gestalten. Das eigene Arbeitsleben zu gestalten, wird damit primär zu einer Frage der Selbstmotivation. Als Konsequenz ergibt sich, dass bei der Erziehung vor allem der Wille und die Initiative geschult werden müssen, statt bloß reproduzierbares Wissen zu vermitteln.

Ein Einkommen lässt sich mit Projektarbeit nur dann erzielen, wenn diese auf individualisierte Bedürfnisse trifft. Die Konzentration auf Projektarbeit erfordert daher ein geschultes Wahrnehmungs- und Beobachtungsvermögen für die offenen oder auch latenten Bedürfnisse anderer Menschen sowie die Fähigkeit, diese Bedürfnisse gezielt anzusprechen, um die eigene Arbeit auf die Interessen anderer abstimmen zu können. Zugleich ist jeder Mensch in unterschiedlichen Lebensphasen mit seinen eigenen Bedürfnissen und Entwicklungsimpulsen konfrontiert, die ebenfalls deutlich wahrgenommen und in ihrer Bedeutung erkannt werden müssen. Da die eigenen Bedürfnisse mit den Bedürfnissen anderer Menschen in Konflikt kommen können, bedarf es der Fähigkeit, in bestimmten Situationen immer wieder neu zu entscheiden, welche Prioritätensetzung jeweils »richtig« ist.

Rudolf Steiner bezeichnet eine solche unvoreingenommene Entscheidung zu einer bestimmten Handlung in einer bestimmten Situation als moralische Intuition. Ohne Intuitionsvermögen besteht die Gefahr, bei der Gestaltung des eigenen Arbeitslebens entweder die Bedürfnisse anderer oder aber die eigenen Bedürfnisse zu übersehen oder zu übergehen.

Selbstausbildung

Projektarbeit setzt eine flexible, praxisorientierte Ausbildung voraus, die sich zeitnah an den jeweils erforderlichen Fähigkeiten orientiert. Langjährige, rein theoretische Ausbildungen müssen abgelöst werden durch solche, die soweit wie möglich in das Arbeitsleben integriert sind. Vom Einzelnen erfordert Projektarbeit die Bereitschaft, sich immer wieder selbstständig in neue Gebiete einzuarbeiten. Durch die beständige Weiterbildung des einzelnen Menschen entwickelt sich parallel zur individuellen Arbeitsbiographie eine ebenso individuelle Bildungsbiographie, deren Gestaltung gleichfalls ein erhebliches Maß an Initiative und Willensstärke erfordert.

Professionalisierung

Im Mittelpunkt einer auf Projektarbeit ausgerichteten Entwicklung des Arbeitslebens steht der aus eigenem Antrieb für sich und für andere arbeitende Mensch. Die Lehrpläne der allgemeinbildenden Schulen müssen sich dem stellen. Welche Fähigkeiten und Kenntnisse sind bei der Ausbildung zur Projektarbeit zu vermitteln?

1. Zunächst geht es darum, die Idee der Projektarbeit sowie die gesellschaftliche Bedeutung dieser Arbeitsform und deren individuelle Bedeutung für die eigene Lebensgestaltung herauszuarbeiten.

2. Sodann kommt es auf die Fähigkeit an, aus einem Überblick über die momentanen Lebensziele und -perspektiven sowie aus einer realistischen Einschätzung der gegenwärtigen Lebenssituation heraus geeignete Projekte auszuwählen.

3. An die Projektauswahl schließt sich die Projektvorbereitung an: Ziele, Arbeitsmethoden und Arbeitsphasen müssen bestimmt sowie der erforderliche Zeitaufwand und die Kosten abgeschätzt werden.

4. Bei der Projektdurchführung stellt sich die Frage, welche Fähigkeiten das Projekt erfordert und welche Fähigkeiten erst noch ausgebildet werden müssen. Falls sich die erforderlichen Fähigkeiten nicht während eines Arbeitsprojektes erwerben lassen, stellt ihre Ausbildung ein eigenes Bildungsprojekt dar. Schließlich müssen die einzelnen Arbeitsschritte eines Projekts gezielt in Angriff genommen und konzentriert durchgeführt werden. Dazu braucht es Selbstdisziplin und Willensstärke.

5. Von herausragender Bedeutung für selbstständiges Arbeiten ist die Fähigkeit zur Reflexion und Selbstkritik, um die eigenen Aktivitäten und deren Ergebnisse immer wieder bezüglich ihrer Fortschritte zu reflektieren sowie Ziele, Methoden, Zeitpläne zu korrigieren und der aktuellen Situationseinschätzung anzupassen. Die kontinuierliche Selbst- reflexion stellt zugleich die notwendige »Qualitätskontrolle« des eigenen Handelns und seiner Ergebnisse dar – die Basis für ein systematisches Lernen aus den eigenen Erfahrungen.

6. Da viele Projekte nicht solistisch, sondern nur in gemeinsamer Arbeit durchführbar sind, hat die Ausbildung der Fähigkeit zur Zusammenarbeit einen hohen Stellenwert. Hierfür kommen sowohl organisatorische als auch soziale Aspekte in Betracht; insbesondere geht es darum, die Kommunikationsfähigkeiten methodisch auszubilden.

7. Schließlich erfordert das Arbeiten für andere Menschen die Ausbildung der Fähigkeit zur Dienstleistung: Die eigene Arbeit ist auf die anvisierten Projektinteressenten abzustimmen, die jeweiligen Erwartungen müssen geklärt, Arbeitsziele und -leistungen verabredet und ein angemessener Preis ausgehandelt werden: Alle diese Aspekte müssen immer unter partnerschaftlicher Berücksichtigung der Interessen beider Seiten besprochen und gestaltet werden.

Die hier genannten sieben Aspekte stellen die allgemeinen Ziele einer Ausbildung zur Projektarbeit dar. Jeder dieser Aspekte wäre in sich systematisch zu differenzieren und zu entwickeln. Die Ergebnisse einer solchen differenzierteren Ausarbeitung würden allerdings keineswegs nur auf Projektarbeit ausgerichteten Menschen zugute kommen, sondern allen Menschen, die ein selbstständiges Arbeiten anstreben. Eine zeitgemäße Pädagogik müsste dringend ein Konzept für eine systematische Ausbildung zum selbstständigen Arbeiten entwickeln, um junge Menschen angemessen auf ein Arbeitsleben unter den zu erwartenden gesellschaftlichen Bedingungen vorbereiten zu können.

Zum Autor: Lars Grünewald gibt Sozialkundeunterricht in der Oberstufe; freie Bildungsarbeit mit Jugendlichen, Seminarleitung auf Lehrertagungen, methodische Arbeit mit Lehrerkollegien, Schulberatung.

Website: www.selbstorganisierte-bildung.de

Literatur: G.W.F. Hegel: Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften, § 526 | Rudolf Steiner: Die Philosophie der Freiheit, Dornach 1978

Kommentare

Keine Kommentare

Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld

Folgen