Zuhören – eine vernachlässigte Kunst

Von Reinhild Brass, Mai 2010

Warum ist es gut, dass wir unsere Ohren nicht schließen können? – Diese Frage hat Reinhild Brass schon als Kind beschäftigt. Sie schildert, welche Bedeutung dem unterschätzten Hören zukommt und wie dieses Hören – die Grundlage allen gegenseitigen Verstehens –, ausgebildet werden kann. Denn auch das (Zu-)Hören ist eine Kunst.

Die Augen kann man schließen, aber die Ohren stehen Tag und Nacht offen. Die Ohren und das Hören begleiten uns durch das Leben. Schon im Mutterleib entstehen Prägungen durch die Geräusche, die wir über die Organtätigkeit und die Stimme der Mutter erfahren. Der französische Arzt und Hörforscher Alfred Tomatis bezeichnete diese Geräusche als den »Klang des Lebens«, der sich in unseren Leib einschreibt.

Wenn wir geboren werden, sind wir umgeben von einer Welt der Klänge und Geräusche, die uns allmählich vertraut wird und uns Sicherheit gibt. Der Säugling hört, wie die Mutter sich bewegt, wie sie geht und kommt, wie die Tür geschlossen wird, wie es in der Küche klappert, das Wasser rauscht, der Vater kommt, er hört vielleicht die Stimmen der Geschwister. Völlig unbewusst bildet sich unsere »Hör-Heimat«: eine Umgebung der Geräusche und Klänge. Eine Umgebung, in der das Kind seine Erfahrungen macht und seinen Körper spüren lernt. Die Geräusche kann es mit der Zeit immer besser zuordnen. Menschen, die taub geboren wurden, müssen diese Sicherheit entbehren, das zeigen manche Erfahrungsberichte.

Es ist eine weise Einrichtung der Natur, dass wir unser Hören ständig zur Verfügung haben. Nur wenn unser Bewusstsein schwindet, schwindet auch das Hören. Jeder, der im Zug oder Auto eingeschlafen ist, weiß, wie sich die Motorengeräusche langsam entfernen, leiser werden und schließlich ganz verschwinden und wie umgekehrt zuerst die Geräusche wieder auftauchen, wenn wir wach werden. Das Bewusstsein ist der »Manager« dieses Hör-Vorganges.

Je mehr Hörerfahrungen wir als Kind gemacht haben, desto mehr Hörerlebnisse können wir uns beim Heranwachsen bewusst machen. Je größer die Schatztruhe der Hörerlebnisse ist, desto mehr kann man darin später wiederfinden.

»Das Kind wird als Musikinstrument geboren«

Mit dem Hören stehen wir immer an einer Schwelle. Das Hören ist wie eine Schwingtür, die uns das Tor zur Welt oder zu uns selber öffnen kann. Je mehr Wachheit wir an dieser Stelle aufbringen, desto mehr können wir von dem auffangen, was als zu Hörendes durch uns hindurchfließt.

»Das Kind wird als Musikinstrument geboren«, bemerkt Rudolf Steiner. Jeder, der ein Musikinstrument in Händen hält, kann erahnen, wie viel Arbeit nötig ist, um es spielen zu können. Das Hören ist ein Instrument, an dem wir selber mitgestalten – ein Leben lang. Manche Instrumente werden anfangs so schlecht behandelt, dass sie später nur schwer bespielbar sind; manche werden so gepflegt, dass sie einen großartigen Klang entfalten.

Das Zuhören ist eine schöpferische Kraft

Jedes Instrument aber ist einmalig und hat seinen einzigartigen Klang. Mit jedem neuen Erdenbürger kommt ein neuer Klang in die Welt. Wird dieses neue Instrument, wird diese Stimme sich erheben können und gehört werden? Wird durch den Klang dieses Instrumentes gehört werden, was durch es in die Welt kommen soll? Nur durch das Zuhören der Mitmenschen kann ein Instrument seinen eigenen Klang entdecken. Das Zuhören selber ist eine schöpferische Kraft, die das Instrument zum Tönen bringt.

Dem Zuhören stehen zwei große Hemmnisse entgegen. Der Lärm, der es uns erschwert, zu hören. Und die Beschleunigung, die uns immer weniger erlaubt, uns gegenseitig zuzuhören. Sich in den anderen Menschen hinein zu versetzen braucht Zeit und Offenheit. Wir müssen aufmerksam zuhören, wenn wir uns auf den anderen einlassen, wenn wir ihn in uns hereinlassen wollen. Wir müssen seine Worte oder seine Stimme auf uns wirken lassen und auf das hören, was außer der Information mitschwingt: Was noch gesagt werden will, was gar nicht gesagt wird, aber mitklingt, der seelische Zustand, in dem der Singende oder Sprechende sich befindet, und noch vieles mehr kann durch aufmerksames Zuhören erfahren werden.

Hören lernt man mit den Füßen

Wenn die Kinder in die Schule kommen, ist das Instrument zwar noch bildbar, aber oft auch schon so behandelt worden, dass es rau klingt, sich gar nicht mehr zeigen will, sich zurückgezogen hat. Welche Möglichkeit hat nun der Erwachsene, den Klang hervorzulocken? Es braucht Mut, die eigene Stimme zu erheben. Das kennt jeder, der aufgefordert wird: »Sing mal!« Es schiebt und staut sich in der Kehle, da wird es eng, da klopft das Herz und die Stimme sagt: »Nein!«

Das Hören kann durch zwei wichtige Aktivitäten angeregt werden: durch Zuhören und durch geführte Bewegungen, zum Beispiel nach Klängen oder zum Singen.

Wir wissen, dass das Hören zwar ein gesundes Ohr als Grundlage braucht, dass das allein aber noch nicht ausreicht, um zuhören zu können. Wir hören mit dem gesamten Körper, über die Haut, über den Knochenapparat. Die Vibrationen des Innen- und Außenklanges teilen sich dem Zuhörer über den Körper mit. Das heißt, wenn ich das Kind zum Zuhören anregen will, gibt es ein einfaches, aber sehr wirksames Zaubermittel: Das sind die leisen Bewegungen der Füße.

Das Hören setzt das Gehört-Werden voraus

»Sei still, hör doch mal zu, pass auf!« – diese Sätze ver­hallen in Sekundenschnelle und bewirken gar nichts, wenn wir ein Kind in eine lustvolle Hörstimmung bringen wollen. Denn Lust darf es machen, es soll schließlich Neues entdeckt werden! Ohne Freude und Neugier kommen wir dem Neuen nicht auf die Spur.

Viel wirkungsvoller ist die Aufforderung: »Geh mit leisen Füßen! Achte auf die Füße!« So kann allmählich das Instrument von unten her erlebt und ergriffen werden. Dann kann eine Hörstimmung entstehen, in der das Kind vom Klang berührt wird. Nur durch solch eine Berührung kann es sich erleben, kann es die Entdeckung machen: Zuhören bringt einen Gewinn. Ich erlebe mich, ich erlebe die anderen!

Erst wenn das Kind erlebt, dass es gehört wird, kann es sich selbst neu erleben und »hören«. Ist es nicht die Aufgabe jeder Erziehungskunst, Kinder stark zu machen und sie zu ermutigen, dass sie ihre Stimme erheben? Ist es nicht das Höchste, auf seine innere Stimme zu hören?

Dies gilt nicht nur für den Musikunterricht – es ist das große Ziel einer jeden pädagogischen Arbeit und menschlichen Begegnung.

Zur Autorin: Reinhild Brass begründete die Widar Schule Wattenscheid mit, wo sie als Musik- und Klassenlehrerin unterrichtet. Seit 2000 ist sie Dozentin für Musik am Institut für Waldorfpädagogik, Witten/Annen, 2005 Gründung des Institutes für Audiopädie.

Literatur: Fiona Bollag, Das Mädchen, das aus der Stille kam, Bergisch Gladbach 2007 / Alfred Tomatis, Der Klang des Lebens, Reinbek 1987

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