Zukunftsangst

Von Henning Köhler, April 2015

Viele Eltern machen sich Sorgen um die Zukunft ihrer Kinder. Niemand wird behaupten wollen, das sei unbegründet. Man müsste Drogen nehmen, um den nächsten Jahrzehnten mit ungetrübtem Optimismus entgegenzublicken. Doch wenn sich die Sorge zu einer handlungsleitenden Angststimmung steigert, geht das auf Kosten der pädago- gischen Besonnenheit. Und man sieht Gefahren, wo gar keine sind.

Dann wird »das Recht des Kindes auf den heutigen Tag« (Janusz Korczak) einem unsensiblen und letztlich illusorischen Aktionismus der Zukunftssicherung geopfert. Illusorisch deshalb, weil niemand weiß, was in 30, 40 Jahren sein wird.  Vieles spricht dafür, dass ungemütlichere Zeiten anbrechen, ansonsten sind Zukunftsprognosen wenig zuverlässig – auch die Prognosen der Bildungsplaner und Ökonomen.

Jérôme Bindé, Direktor der UNESCO-Abteilung für Antizipation und Zukunftsforschung, schreibt: »Weniger denn je können wir voraussagen, in was für einer Zeit wir leben werden. Ungewissheit wird vielleicht das prägende Merkmal des 21. Jahrhunderts sein. Wir stehen vor dem Ende der Gewissheiten.« Das ist es ja, was Angst macht – mehr als alle benennbaren Gefahren. Nur: Man kann die fundamentale Ungewissheit nicht magisch bannen, indem man sie trotzig ignoriert und sich umso mehr dem Drang hingibt, bis weit in die Zukunft hinein alles vorsorglich regeln zu wollen. Was der Gegenwartsmensch am meisten braucht, ist eine ordentliche Portion von der Kraft, die man früher Gottvertrauen nannte und heute vielleicht Vertrauen in das schöpferische Potenzial des freien Menschen nennen sollte. Auch wenn es noch ein kindlicher Mensch ist.

Aus alledem folgt für die Pädagogik: Wir müssen uns in Bescheidenheit üben, den Dingen ihre Zeit lassen und lernen, das Wesentliche vom Unwesentlichen zu unterscheiden. Kinder brauchen Liebe, Vertrauen, Aufmerksamkeit und Freiheit, damit sie sich gemäß ihren eigenen inneren Richtungsimpulsen entwickeln können.

Es beschädigt unsere Beziehungen zu den Kindern, wenn wir ständig damit beschäftigt sind, vorausschauend ihre Lebenschancen optimieren zu wollen – statt einfach für sie da zu sein, hier und heute.

Ein gutes Beispiel dafür, wie man sich ins Bockshorn jagen lässt, ist das Thema Bildung, an dem sich die neue Elternangst gern festmacht. Exzellente Bildung, heißt es, ist das Ticket für ein gelingendes Leben. Und in den Köpfen erscheint die simple Gleichung: Abitur + Studium = gute Zukunftschancen. Wie falsch das gedacht ist und zu welchen Absurditäten es mittlerweile führt, hat Julian Nida Rümelin in seinem Buch »Der Akademisierungswahn« eindrucksvoll dargestellt. Zwei Fakten nur: In Ländern mit überdurchschnittlich vielen Studenten gibt es auch überdurchschnittlich viele junge Arbeitslose. Inzwischen bricht hierzulande jeder Dritte das Studium ab … Und unsere Gesellschaft braucht keineswegs immer mehr Akademiker, um zukunftsfähig zu sein. Sie braucht Menschen, die beherzt und risikobereit ihren eigenen Weg gehen – vielleicht in bescheidenen materiellen Verhältnissen – ohne allzu große Rücksicht auf gesellschaftliches Prestige.

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