Zukunftsfähigkeit und Elternpartizipation

Von Heinz Brodbeck, Juli 2019

Wissenschaftler haben untersucht, wie zufrieden die Eltern in Deutschland und der Schweiz mit den Waldorfschulen sind. Was sagt das Ergebnis über den Zustand der Schulen? Wohin müssen sie sich weiterentwickeln?

Foto: © go2/photocase.de

Zukünftig ja, innovativ weniger

Die Eltern in beiden Ländern finden, dass die Waldorfschulen zukunftsfähig sind. Drei Viertel meinen, dass sie genügend Erneuerungskraft haben, um ihre Pädagogik auch in Zukunft zeitgemäß zu gestalten und über 90 Prozent neigen dazu, sie weiterzuempfehlen. Allerdings taxiert nur die Hälfte die Schulen als fortschrittlich oder beweglich und gar nur ein Drittel findet sie innovativ. Sorge ist angebracht, weil der Blick in die Gründerjahre eine Schulinnovation par excellence zeigt, die in ihrem pädagogischen Konzept entwicklungsoffen war, was Veränderung impliziert. 

Eine Imagekorrektur tut Not 

Nun ist es nicht so, dass es an Waldorfschulen keinen Fortschritt gäbe. Er geschieht täglich im Unterricht, in kleinen Schritten, für das Publikum unsichtbar. Trotzdem tut eine Imagekorrektur Not. Es muss der Waldorfpädagogik gelingen zu zeigen, dass sie aus jeder Kindergeneration neu entsteht und niemals fertig ist. Trotz unbestritten großer Erfolge und eindrücklicher Absolventenkarrieren bleibt die Herausforderung, überzeugend darzustellen, was diese Schule für die Zukunft bereithält, so dass ihre Erziehungskunst weit über die eigenen Schulhöfe hinauszuwachsen vermag. Sonst bleiben wir eine beliebte Alternative für Bildungsbürger, anstatt zu einer Schule mit einer menschengemäßen Pädagogik für alle Kinder und Jugendlichen zu werden.

Die Schule der Zukunft solle sich fokussieren auf: Kreativität, Empathie, Achtsamkeit, Natur und Klima, vernetztes Denken sowie digitales Leben, findet die Neue Zürcher Zeitung (30.12.2018). Grüßt da nicht die DNA der Rudolf-Steiner-Schule? Selbst für die Vorbereitung auf ein »digitales Leben« hat Edwin Hübner (siehe Literatur) schon Grundlagen geschaffen. Er weist nach, wie indirekte Medienpädagogik seit jeher in der Waldorfschule angelegt ist. Was er als direkte Medienpädagogik vorschlägt, steckt in den Schulen aber mancherorts noch in den Geburtswehen.

Den Impuls neu ergreifen

Nach 100 Jahren Aufbauarbeit im deutschsprachigen Europa besuchen heute in Deutschland 83.000, in der Schweiz 5.200, in Österreich 2.700 Schüler Waldorfschulen. Ihr Anteil, bezogen auf alle Schüler an allgemeinbildenden Schulen, liegt in Deutschland bei einem, in der Schweiz bei einem halben Prozent. Der Schüleranteil an allgemeinbildenden Privatschulen beträgt heute in Deutschland knapp 17 und in der Schweiz etwas über drei Prozent. Einerseits mag man über die damit ausgedrückte Wertschätzung staunen. Andererseits kann man aber kaum von einem Durchbruch der Waldorfpädagogik sprechen. Ist es nach Wachstum und Konsolidierung jetzt an der Zeit, den Waldorfimpuls neu zu greifen, damit auch die Schülerzahlen wieder steigen? Der Waldorf100-Slogan »Learn to change the world« spornt jedenfalls dazu an, verspricht Erneuerung und Ziel.

Am Leitbild arbeiten

Leitbildarbeit versucht, die Aufgaben zu erkennen, die aufgrund neuer technologischer und gesellschaftlicher Phänomene das Erwachsenenleben heutiger Schüler bestimmen werden und wie man pädagogisch auf sie antworten will. Es genügt nicht, die Identität der Schule schöngeistig zu definieren. Das zementiert Bestehendes und behindert eher Zukunftsfähigkeit. Leitbildarbeit ist gemeinsame Willensarbeit und prospektiv, woraus Intuitionen für die Schulentwicklung erwachsen können. Deshalb ist eigentlich der Prozess entscheidender als das später ausformulierte Ergebnis.

Mehr Transparenz

Obwohl Waldorfschulen relativ einfache Gebilde sind, zeigt das Organigramm mancher Schule eine hochkomplexe Institution voller Kontrollen und Gegenkontrollen. Was gut gemeint war, schafft mehr Verwirrung als Durchsicht. Zuständigkeiten und Prozesse sollten auch ohne besondere »Einweihung« verständlich sein. Das Ziel des Organisierens ist, Chaos zu vermeiden, Transparenz und gleichzeitig weitgehende Freiheit zu schaffen, damit Ideen entstehen und ausprobiert werden können. Das System »Wege zur Qualität« zum Beispiel hilft, die Beziehungsdienstleistungen der Schule aus anthroposophischer Perspektive zu gestalten.

Zur Verbesserung von Organisation, Führung und Management gehört die Reform der Selbstverwaltung hin zu Professionalität, Entwicklungs- und Qualitäts-Controlling, mehr Effizienz und Effektivität und vor allem zu einer lernenden Organisation. Die Qualität des Angebotes, der Schülerzufluss, das Lehrerpotenzial und der finanzielle Ausgleich sind voneinander abhängig.

Das Potenzial der Eltern

Den Lehrern stehen Eltern gegenüber, die größtenteils über eine formal gleichwertige Ausbildung verfügen, starke Affinität zur Pädagogik und ein gewisses Interesse an anthroposophischen Fragen haben. Eltern schauen darauf, ob die Schule die versprochene Qualität einlöst und wach bleibt. Im Sinne moderner Co-Creation könnte das Fachpotenzial der Eltern für die Schulentwicklung mehr genutzt werden. Eltern sollten Verantwortung übernehmen und sich in den Dienst der Schule stellen dürfen.

Nicht nur die Interaktion mit den Eltern wird für die Schulen wichtiger und anspruchsvoller, sondern auch die Kooperation zwischen den Schulen, der Austausch mit den Erziehungswissenschaften und der Bildungspolitik. Vielgestaltige Interaktion, um voneinander zu lernen, führt zu Erkenntnissen und kann die Reputation der Waldorfschule als fortschrittliche Bildungsalternative für alle Kinder fördern.

Waldorf drauf, Waldorf drin

Den Umfragen zufolge wählen Eltern die Waldorfschule wegen ihrer pädagogischen Besonderheiten. Einige sehen dabei Differenzen zwischen ihrem Verständnis von Waldorfpädagogik und dem, was die Schulen bieten. Nun stellt sich die schwierige Frage, was denn eine richtige Waldorfschule ist und was es braucht, damit diese ihre Erziehungskunst voll entfalten kann. Wirkt sie ohne intensive geisteswissenschaftliche Arbeit überhaupt? Genügt es, den Lehrplan mit methodischen Formalien, wie zum Beispiel Epochenunterricht, Theater und kein Sitzenbleiben, umzusetzen? 

Die stärksten Alleinstellungsmerkmale der Waldorfschule sind ihr Menschenbild und die Anthroposophie. Diese gilt es zu wahren und nach innen und außen zu erklären. So schärft sich das Profil der Schule. Das macht uns gegenüber anderen gewichtig, einzigartig, zukunftsträchtig und dank unübersehbarer pädagogischer Erfolge attraktiv. Allein die Pflege und Stärkung dieser Ingredienzien gibt Waldorfschulen ihre Berechtigung, und man darf dann darauf vertrauen, dass die Rahmenbedingungen sich in genügendem Maße einstellen werden. 

Dr. Heinz Brodbeck war Schulvater und ist ehrenamtlicher Mitarbeiter in Leitungsgremien der schweizerischen Waldorfschulbewegung. 2018 führte er für den Verband Rudolf-Steiner-Schulen Schweiz eine erstmalige empirische Elternstudie durch.

Literatur: H. Brodbeck: Rudolf Steiner Schule im Elterntest – Lob, Kritik, Zukunft. Norderstedt 2018 | E. Hübner: Medien und Pädagogik, Stuttgart 2015 | S. Kohlmann, L. Petersen, P. Ehrler (Hrsg.): Waldorf-Eltern in Deutschland – Status, Motive, Einstellungen, Zukunftsideen, Weinheim 2018

Kommentare

Keine Kommentare

Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld

Folgen