Zum Gedächtnis

Von Ute Hallaschka, Mai 2016

30 Jahre liegt sie zurück – die Katastrophe von Tschernobyl. Die ersten Menschen, die ungeschützt den Strahlungskräften ausgesetzt waren, sind tot. Man nannte sie Liquidatoren – die Männer und Frauen, die den giftigen Müll für die Menschheit mit bloßen Händen abtrugen.

Die Stadt Pripyat wurde 1970 etwa drei Kilometer vom Reaktor entfernt für die Kraftwerkarbeiter und ihre Familien erbaut. Die Modellstadt, die einst 50.000 Menschen beherbergte, ist heute eine Geisterstadt, die von der Natur zurückerobert wird. – Foto: © Michael Kötter / https://www.flickr.com/photos/cmdrcord/10711100873

Unzählige Generationen werden mit der andauernden Katastrophe beschäftigt sein. Die erste Hülle, unter der man den Reaktor begrub, ist brüchig, die nächste – noch nicht fertig gestellt – nennt man Sarkophag.

Das Sperrgebiet, die unbewohnbare Erde an der Grenze zwischen Weißrussland und der Ukraine, ist für Menschen tabu. Für die Tiere scheint es ein Paradies. Ausgestorbene Arten wandern ein, sie realisieren die Abwesenheit des Menschen als ungestörten Lebensraum. Sie fühlen sich geschützt in der Wildnis. Die Tiere – Wölfe, Biber, Elche und Vögel – sind alle verstrahlt. Man hat ihnen Sendehalsbänder angelegt, um die weitere Entwicklung, die Auswirkung auf die folgenden Generationen zu untersuchen. Was untersuchen wir darin genau?

Vielleicht insgeheim eine Hoffnung. Die Aussicht, dass die Evolution klüger ist als wir. Die phantastische Hoffnung, dass die Natur Gesetze der Wandlung kennt, die uns unbekannt sind. Wir wissen ja nicht wirklich Bescheid, um die Partitur der Lebenskräfte zu lesen. Trotz aller Genforschung weiß kein Mensch, wie man Milch aus Gras macht, wenn man keine Kuh ist. Doch wir opfern unverdrossen die Weltkräfte auf den Altären der Technik. Dies ist die zweite Hoffnung. In der Robotik uns selbst zu übertreffen. Schicken wir in Zukunft halt Maschinen hin, ferngesteuerte Sondermüllentsorger. Einerseits also der kindliche Glaube: die Tiere sind älter als wir und weise, ebenso die Pflanzen und Steine. All das, was vor uns war mit seiner eingeborenen Weisheit – die Erde wird schon wissen, wie sie es macht, uns zu überleben. Alles, was wir ihr an Schaden zufügen, irgendwie wieder gut zu machen. Andererseits erschaffen wir in spezieller menschlicher Klugheit aus ihr – aus den »seltenen Erden«, auf denen unsere Elektronik basiert – maschinelle Lebensformen, die sich um alles kümmern sollen, womit wir nicht fertig werden, worin wir nicht weiterwissen. Pflegeroboter, an die wir die kommende Sozialproblematik des Alterns delegieren, industrielle Dienstleistungsmaschinen, die für uns die Drecksarbeit erledigen – und selbst der Krieg ist fernhin führbar auf Knopfdruck. Krieg und Frieden des sozialen Lebens basierend auf der Intelligenz der Kühlschränke und der selbstfahrenden Automaten. Wir Maschinisten auf der Erde im Weltraum sind sonderbare Wesen. Das Leben wahrnehmend, setzen wir alles ein, um intelligente Formen hervorzubringen, die denen gleichen, die wir über oder unter uns erleben. Zwischen dem naiven Glauben an die Natur und dem heiligen Geist der Technik verdrängen wir eines permanent – das eigene Würdewesen. Die Brüderlichkeit und Schwesterlichkeit der spezifisch menschlichen Herzensklugheit.

Wir wissen doch aus Erfahrung, dass ein Übel, welches der Mensch angerichtet hat, nicht einfach weggeht. Wohin soll es verschwinden? In welchem Milieu sich auflösen, als wäre es nie gewesen? Menschliche Taten müssen ausdrücklich vergeben, verziehen werden. Das radioaktive Paradies der Tiere in Tschernobyl ist Golgatha, das uns nachdrücklich erinnert.

Neue Lebenskräfte der Erde sind nicht zu beziehen aus neuer Technik tödlicher Gedanken, die einfach fortgesetzt werden. Erst warfen wir Atombomben vom Himmel, dann bauten wir Atomkraftwerke auf, nun suchen wir nach Endlagerstätten. Wo wir das verbergen und verstecken können, irgendwo im Erdgestein, was keiner haben will, in seiner Nähe. Was wir den Kommenden hinterlassen.

Vom extraterrestrischen Standpunkt aus – und definitiv leben wir dort, wo alle Weltvorgänge aus den Facettenaugen der Satelliten als Bild eingespeist, zahlenbasierte Figuren sind – von dort aus gesehen, wo wir wirklich sind, imaginativ realisiert, ist die Erde das Hoheitsgebiet menschlich inspirierten Denkens. Darin sind wir souverän und Souverän. Erde erwartet Menschenwürde, um bewohnbar zu bleiben. Dass der Mensch sich endlich der Tatsache seiner Denkkraft als Gabe des Heiligen Geistes bewusst wird. Die Tiere, die Pflanzen, die Steine, bis ins atomare Leben und darüber hinaus, erwarten uns Erde. Denn wir wissen inzwischen, dass sie kein Ende hat. Nicht der Kern, noch seine Spaltung, ihre Wirklichkeit ist Schwingung zwischen Gravitation und Levitation. Erde auf Himmelfahrt erwartet jetzt pfingstliche Einfälle.

Sie als kosmischen Leib zu verstehen, kann sich jeder in ihrer Herzmitte im Sonnengeflecht fühlen. Wir sind Angehörige, einander, alle. Kein Ort auf Erden, den nicht die Sonne erreicht. Was wir sind, was wir werden wollen, teilt sich dem Weltraum mit. Es ist die Information der Zukunft.

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