Zwölfjähriger Film

Von Ute Hallaschka, Oktober 2014

Richard Linklater, bekannt für seine Sunrise-Trilogie, hat eine neue Kunstform geschaffen. Der Film Boyhood erzählt die fiktive Lebensgeschichte eines Jungen von der Kindheit bis zum Erwachsenwerden – und doch ist er zugleich eine Dokumentation.

Zwölf Jahre lang, von 2002 bis 2013 wurden jedes Jahr zwei Wochen die einzelnen Episoden mit denselben Darstellern gedreht – ein einzigartiges cineastisches Experiment. Man merkt die Montage nicht und meint eine fortlaufende Erzählung zu sehen. Da die Schauspieler jedoch real altern, komprimiert sich ihr wirkliches Leben in den Bildern dieses Spielfilms. Alle vier Darsteller sind großartig, köstlich im Spiel und innig im Umgang mit ihrer jeweiligen Figur. Als wären ihnen im Lauf der Jahre die Rollen als Herzensgeschöpfe zugewachsen, die einen Teil ihres Lebens bilden. Alle vier spielen phantasievoll die individuellen Reifungspotenziale der fiktiven Persönlichkeiten aus, der Figur treu und doch jeweils aus dem eigenen Lebensmoment geschöpft. Der Film ist geeignet, europäische Klischees von Amerika aufzubrechen. Ganz unaufdringlich vermittelt sich die Selbstverständlichkeit der Neuanfänge: Die Protagonisten gehen mit ihrem Scheitern unbefangen um und lassen sich davon nicht belasten. Wenn eine Familie in Deutschland in dieselbe soziale Schräglage geriete wie die Protagonisten im Film – sie käme hierzulande aus eigener Kraft nie mehr heraus. Dieses gesellschaftspolitische Lehrstück leistet der Film ganz ohne intellektuelles Stirnrunzeln und Zeigefinger, einfach im Spiel und zu Herzen gehend.

Boyhood, Regie: Richard Linklater, Laufzeit: 166 Min., FSK: ab 6 Jahren

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