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Der Tiere Dienst, des Menschen Dank

Von  Mathias Maurer, März 2013

Liebe Leserin, lieber Leser!  Neulich stehen wir in der Metzgerei und kaufen ein. Die Fünfjährige lugt interessiert in die Theke. Sie mag Salami. Foxi wedelt ungeduldig draußen vor der Tür – es winkt ihm ein Rädchen Lyoner. Am Wochenende soll es Rouladen geben. Da fragt die Tochter laut: »Wie hat der Metzger das Schwein totgemacht?« – Ich antworte: »Das ist Fleisch vom Rind, das hat er mit dem Messer geschlachtet.« Das Töchterchen fragt unverzagt weiter: »Tut das nicht weh?« – Die Kundschaft schaut leicht irritiert, die Verkäuferin freundlich angespannt und mir fehlen die Worte. Ohne abzuwarten folgt gleich die bange Frage: »Aber Foxi wird nicht geschlachtet!« – »Natürlich nicht, mein Kind«. Die Erleichterung ist groß.... [mehr]

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Mensch, spiele!

Von  Mathias Maurer, Februar 2013

Liebe Leserin, lieber Leser! Raphael ist verschwunden. Ich rufe. Keine Antwort. Stille. Wo ist er? Ich mache mich auf die Suche. In seinem Zimmer, im Haus, im Keller, auf der Straße … Leichte Panik. Raphael ist weg. Und tatsächlich: Als ich Raphael hinter dem Schrank finde, ist er nicht da, sondern wie in einem anderen Raum, in einer anderen Zeit. Der Zweijährige spielt, selbstvergessen und intensiv. Die Backen glühen, die Zungenspitze aus dem halboffenen Mund. Er hat das Nähkästchen entdeckt. Um ihn herum Scheren, Nadeln, Garnrollen, Knöpfe … Seine Fingerchen bemühen sich unablässig, einen Faden durch die Nadel zu bekommen. – Soll ich ihn stören, korrigieren, helfen und damit herausreißen aus seinem Spiel? Ich ziehe mich leise zurück. Nach einer halben... [mehr]

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»Mama, er spricht italienisch!«

Januar 2013

Liebe Leserin, lieber Leser, Julian (3) war mit seiner Familie und seinen Geschwistern in den Sommerferien in Italien. Man gönnte sich zum Frühstück täglich frische Brötchen. Wieder in Deutschland, steht die Familie Samstag morgens in der Bäckerei. Julians Bruder Lukas (2) wendet sich dringlich an seine Mutter, doch sie versteht nicht, was er will. Seine Worte sind unverständlich. Was will er sagen? Lukas ist verzweifelt, zerrt am Ärmel seiner Mutter und wiederholt in dem vollen Laden nervtötend immer wieder den gleichen Satz: »Tschono Lisa ei?« Lukas wird jetzt richtig wütend. Der Vater kommt hinzu, auch er versteht ihn nicht. Die Szene nimmt dramatische Züge an. Keiner versteht Lukas. Hat er wieder einen... [mehr]

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Den eigenen Rhythmus finden

Januar 2013

Liebe Leserin, lieber Leser!  Rhythmus trägt das Leben, Rhythmus spart und gibt Kraft. Unsere gesamte menschliche Organisation baut auf rhythmischen Prozessen auf, die sich physisch, seelisch und geistig wechselseitig beeinflussen. Das kleine Kind liebt den Rhythmus; er gibt ihm Orientierung, Raum für sein Wachstum und seine Entwicklung. Spätestens als Schulkind beginnt es, Variationen des »Ewig-Gleichen« anfangs mit Vorsicht, später mit Absicht durchzuspielen. Im Jugendalter kommt es dann zu einer meist strapaziösen Umkehr alles Gewohnten. Die Nacht wird zum Tag, gegessen wird unabhängig von den Mahlzeiten, Hausaufgaben kann man auch spät abends oder kurz vor Schulbeginn machen. Für die... [mehr]

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Ich bin gemein

Dezember 2012

Liebe Leserin, lieber Leser!  Ein Kind wäre ohne Gemeinschaft verloren. Ein Erwachsener weniger – oder täuschen wir uns? Während Ersteres augenscheinlich ist, scheint jedes erwachsene Individuum sein maximales Selbstverwirklichungsprogramm und seine Interessen im Leben umsetzen zu wollen. Dafür benutzt er die kleine und große Gemeinschaft. Oder bräuchte er sie für mehr? Man weiß aus der Kindheitsforschung: Jedes Kind kann nur in und an der Gemeinschaft zum Individuum reifen. Ein Erwachsener nicht? Ist seine Entwicklung fertig?  Mitnichten. Erst am Du erkennt sich das Ich und spiegelt sich in der Gemeinschaft. Was ist dann das Ich? Ein Reflex der... [mehr]

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Ortswechsel

Von  Mathias Maurer, November 2012

Liebe Leserin, lieber Leser! Die vierjährige Vanessa erzählt mir ganz genau, wie das ist, wenn man gestorben ist. »Die Oma schaut vom Himmel herunter und winkt uns zu. Und dann kommt sie wieder als Baby. Und dann kommt der Papa in den Himmel und dann die Mama.« Es geht so der Reihenfolge nach weiter mit den älteren Geschwistern. Schließlich: »Und dann komme ich und winke auch.« Es kehren alle wieder zurück, das Leben wird nicht unterbrochen: »Und alle kommen wieder!« Der Tod führt sie alle nur an einen anderen Ort, wie auf einem Ausflug. – »Fallen wir da nicht runter?« Ich höre gespannt zu und denke noch über eine Antwort nach: »Die Wolken sind ja weich und Mamas Bauch auch«, lacht sie. Vanessa hat Krebs... [mehr]

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Billig ist dumm

Von  Mathias Maurer, Oktober 2012

Liebe Leserin, lieber Leser! Billig heißt: Am Ende hat einer einen Verlust gemacht, vielleicht sogar mit seinem Leben bezahlt. Unsere Schnäppchen – seien es Bananen oder Autos – ruinieren einem Arbeiter auf einer pestizidverseuchten Großplantage in Südamerika oder in einer Erzgrube in Südafrika die Gesundheit. In der globalen Wertschöpfungskette stabilisiert der Konsument eines Billigprodukts unmenschliche Lebensverhältnisse. Den Letzten beißen die Hunde. Aber das ist ja weit weg. Billigheimer heißt, Raubau an Pflanze, Tier, Mensch und Erde treiben. Wir verdrängen diese Tatsache und freuen uns über die 70-Cent-Butter oder die Hähnchenschlegel für 1,99 Euro das Kilo im... [mehr]

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Aller guten Dinge sind drei

September 2012

Liebe Leserin, lieber Leser! Teresa, sechs Jahre, ist ein waches aufgewecktes Kind. Eines Tages bekommt sie heftige Herzbeschwerden. Sie kommt ins Krankenhaus und muss operiert werden. Zehn Jahre später: Teresa hat psychische Probleme, isst nur noch, um zu erbrechen. Ihre Magersucht wird psychotherapeutisch behandelt. Wieder zehn Jahre später: Teresa promoviert zu einem ungelösten Problem der Mathematik: Dass es zwar richtige Sätze gibt, die aber nicht beweisbar sind. Das Thema treibt sie in den Wahnsinn. Teresas Geschichte en miniature erinnert an Biographie und Schicksal des genialen Mathematikers Kurt Gödel (1906 –1978), der ein enger Freund Albert Einsteins und einer der bedeutendsten Logiker des 20. Jahrhunderts war. Prominente und weniger... [mehr]

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Multikulti reicht nicht

Von  Mathias Maurer, Juli 2012

Liebe Leserin, lieber Leser! Amerika, »the melting pot«, die Leitkultur, ein multikulturelles Paradies aller Einwanderer, so lernte ich es noch in der Schule. Doch folgt man den Thesen des Politologen Samuel Huntington und seines umstrittenen Buches »Kampf der Kulturen«, hat es eine friedliche Koexistenz und Durchmischung der Kulturen nie gegeben. Die Einwanderer bleiben unter sich, bilden Ghettos in den Städten, grenzen sich kulturell und religiös ab, heiraten untereinander, halten an ihrer Muttersprache fest ... Der Schmelztiegel erweist sich als kulturpolitische Wunschvorstellung. Die Geschehnisse in Nordrhein-Westfalen, wo sich Salafisten und Pro-NRW-Aktivisten bekriegen, scheinen diese Annahme zu bestätigen. Wachsende Intoleranz auf allen Seiten.... [mehr]

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Verloren und wiedergewonnen

Von  Mathias Maurer, Juni 2012

Liebe Leserin, lieber Leser! Moral – was ist das? Und gar Tugend? Schnee von gestern? Mittelalterliche Ritterlichkeit oder mönchisches ora et labora, die protestantische Ethik, die uns zu Fleiß, Gehorsam und Pünktlichkeit aufrief, oder das anything goes im Kleide libertärer Toleranz und eines unverbindlichen Werterelativismus – chacun à sa façon. Mit Nachhaltigkeit, Klimawandel und Energiewende erleben wir heute eine weltweite Renaissance ethischer Werte, die bis in die Leitbilder von Großkonzernen und Banken Eingang finden. Sie treiben Occupy und Arabellion, die Gegner von Globalisierung, Gentechnik und Atomstrom wie die fundamentalistischen Koranverteiler und den Shitstorm der digitalen Bürger gleichermaßen an – wiederentdeckt, um eigenen Interessen... [mehr]

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