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Ernst des Lebens

März 2014

Liebe Leserin, lieber Leser! »Kann mein Kind hier Abitur machen?« Das ist – meist vor allen pädagogischen Fragen – die erste Frage, die Eltern auf einer Infoveranstaltung an einer Waldorfschule stellen. Viele Eltern scheinen Zweifel zu hegen, dass trotz oder wegen einer »heilen« Waldorfkindergartenzeit die Klassenlehrerzeit »leistungsorientiert« genug ist, um ihre Kinder auf den »Ernst des Lebens«, der nun einmal mit der Schulzeit beginnt, vorzubereiten. Den Kindern soll es doch besser gehen als den Eltern und alle Optionen für eine berufliche Karriere sollen ihnen offen stehen, die das Bildungssystem bietet. Ein weiterer Teil macht die »Kuschelpädagogik« noch bis zum Ende der Klassenlehrerzeit mit. Denn in Anbetracht der schulischen Leistungen ihrer... [mehr]

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Weil!

Von  Mathias Maurer, Februar 2014

Liebe Leserin, lieber Leser! Gebrauchtes Geschirr stapelt sich im Zimmer, die auf dem Boden verstreuten Kleidungsstücke und Handtücher bilden verschieden hohe Haufen, garniert mit massiv duftenden Pflegemitteln für Haut und Haar, CDs und Föhn dazwischen, Laptop und Handy im Onlinestatus auf dem zerwühlten Bett. Wer trotzdem das Zimmer betritt, um vielleicht einmal zu lüften, muss waten oder von begehbarer Insel zu Insel springen. Was allerdings aus dem Zimmer herauskommt, ist wie aus dem Ei gepellt, in unterschiedlichen Stilen gestylt und (nahezu) makellos. Alles sitzt bis auf die letzte Haarsträhne … Ready to go! Die Türe schlägt, als hätte sie keine Klinke. Der gelegentliche, noch freundliche Vorschlag, einmal Großputz zu machen, verpufft im Nichts.... [mehr]

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Klasse Lehrer

Januar 2014

Liebe Leserin, lieber Leser! Das werdende Kind verlangt den werdenden Lehrer. Das stellt ungewöhnlich hohe Ansprüche an ihn. Er soll nicht erziehen, sondern Fähigkeiten freilegen – bei sich und dem Kind. Vor dem Hintergrund einer geisteswissenschaftlich begründeten Menschenkunde sah Rudolf Steiner den Lehrer nicht nur in einer pädagogischen, sondern auch therapeutisch-seelsorgerischen Verantwortung. Nicht genug: Seine Aufgabe macht ihn verantwortlich für das Schicksal jedes einzelnen seiner Schüler. Das heißt, ein Klassenlehrer muss damit rechnen, dass er von seinen Schülern als Mensch herausgefordert wird. Keine Noten, kein Sitzenbleiben schützen ihn vor schwierigen Schülern und Krisenzeiten, besonders dann, wenn er eine Klassengemeinschaft über... [mehr]

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Das ist Kult

Von  Mathias Maurer, Dezember 2013

Liebe Leserin, lieber Leser! Anruf von der Polizei. Die Eltern könnten ihre Tochter abholen. – Was war passiert? Maria (16) war in ihrem Dirndl nachmittags auf die »Wiesn« gezogen. Man fand sie abends sturzbetrunken hinter einem Festzelt. Zur Ausnüchterung behielt man sie noch eine Weile auf der Wache. Mutter und Vater sind entsetzt. Sie machen sich Vorwürfe. Haben sie ihrer Tochter zu viele Freiheiten gelassen? Sie fragen ihre Tochter, warum sie das gemacht hat. »Ja, halt so, wir haben gefeiert. Dann bin ich raus und umgekippt.« Musste sie denn dahin gehen? »Das ist einfach wahnsinnig lustig mit den Leuten. Das ist Kult.« Sie sehen noch Klein-Maria im Kindergarten andächtig durch die Adventsspirale gehen, mit großen Augen unterm... [mehr]

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Vertrauensfrage

November 2013

Liebe Leserin, lieber Leser! Lars wächst in wohlgeordneten Verhältnissen und in einer liebevollen Umgebung mit zwei älteren Geschwistern auf. Er hat viel Zeit zum Spielen, ein anregendes, gebildetes soziales Umfeld, in dem auch ein religiöses Leben gepflegt wird; er ist viel draußen in der Natur. Seine Eltern hätten es kaum besser machen können. Mit neun fängt es an: Lars wird furchtbar anstrengend. Kaum ein Mittagessen ohne Geschrei, kaum ein Unterricht, aus dem er nicht rausfliegt. Lars lebt, als wäre er allein auf der Welt, auch mit seinen Gefühlsäußerungen und Handlungsweisen. Sein Lern- und Kommunikationsstil, heißt es, wird zu einem »untragbaren« Problem. Von diesem Problem scheint Lars keinerlei Bewusstsein zu haben, er fühlt sich immer nur... [mehr]

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Unser kleiner Astrophysiker

Oktober 2013

Liebe Leserin, lieber Leser! Wir sitzen abends im Garten und Sarah (5) ruft: »Schaut, die Sonne geht unter!« Ein glutroter Ball versinkt langsam am Horizont, ein gewaltiger Anblick. Sven (9) beugt sich zu mir herüber und flüstert mir konspirativ ins Ohr: »Weißt Du, die geht gar nicht unter. Die Sonne dreht sich nicht um die Erde. Das macht nur der Mond. Die Erde dreht sich in Wirklichkeit um die Sonne.« Ich frage ihn: »Woher weißt Du denn das? Von hier aus sieht doch beides gleich aus?« Svens schnelle Antwort: »Ich habe das vor kurzem in der Zeitung gesehen. Da war ein Bild aus dem Weltraum, wo man die Erde ganz klitzeklein sieht. Ich glaube, das haben die Raumfahrer entdeckt.«  [mehr]

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Wie geht’s?

Von  Mathias Maurer, September 2013

Liebe Leserin, lieber Leser! Worum geht’s, wenn wir fragen: »Wie geht’s?« Was geht denn da – mal gut, mal schlecht? – Das äußere sichtbare Gehen ist wohl in den wenigsten Fällen damit gemeint und doch steht das, wonach gefragt wird, mit ihm in einem inneren Zusammenhang. Johann Gottfried Herder schrieb in den »Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit«: »Mit dem aufgerichteten Gange wurde der Mensch ein Kunstgeschöpf; denn durch ihn, die erste und schwerste Kunst, die ein Mensch lernet, wird er eingeweihet, alle zu lernen und gleichsam eine lebendige Kunst zu werden ... Indessen wären alle diese Kunstwerkzeuge, Gehirn, Sinne und Hand auch in der aufrechten Gestalt unwirksam geblieben, wenn uns der Schöpfer nicht eine Triebfeder gegeben hätte,... [mehr]

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Das ist ja nicht auszuhalten!

Von  Mathias Maurer, Juli 2013

Liebe Leserin, lieber Leser! Neulich saßen wir am Tisch und redeten – wieder einmal über die Schule. Sarah, 9. Klasse, Nicolas, 5. Klasse, und ich. »Der bescheuerte Morgenspruch, warum sprechen wir den eigentlich noch? ›Ich schaue in die Welt ... ‹, Nur peinlich, wie im Kindergarten«, wetterte Sarah. »Wieso bescheuert?«, fragte Nicolas, »meine Lehrerin erzählte uns, dass wir alle Pflanzen und Tiere liebhaben sollen. Das stimmt doch auch!« Ich frage: »Kann jemand von euch den Morgenspruch aufsagen?« Pause. Dann in Bruchstücken: »... die Steine lagern ..., im Sonn´- und Seelenlicht ..., o Gottesgeist« ... Sie brachten ihn nicht heraus, das geht wohl nur gemeinsam in der Klasse. Ich schaue ins Regal, ziehe das Buch heraus und will nachschauen:... [mehr]

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All inclusive

Von  Mathias Maurer, Juli 2013

Liebe Leserin, lieber Leser,­ wer den Inklusionsbegriff nur weit genug fasst, entdeckt unweigerlich: Unsere Gesellschaft separiert. Für die Kleinsten die Krippen und Kindergärten, für die Alten und Kranken die Altersheime und Krankenhäuser, für die schulpflichtigen Kinder die Schulen, die dann nochmals sortieren und auslesen, schließlich für die sogenannten Behinderten, die heilpädagogischen Einrichtungen. Wo sitzt noch die Großmutter im Lehnstuhl und erfreut sich des familiären Geschehens? Wo darf der »Verwirrte« noch brüllend durch die Straßen laufen, wenn er wieder einen Anfall hat? Selbst dem flüchtigen Blick kann eine gesamtgesellschaftliche Tendenz nicht entgehen: die Ausgrenzung, ja das Verschwinden ganzer Bevölkerungsgruppen aus dem alltäglichen... [mehr]

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Bewegtes Gleichgewicht

Von  Mathias Maurer, Juni 2013

Liebe Leserin, lieber Leser!  Der kleine Manuel liegt in seinem Bettchen und strampelt wild mit Armen und Beinen. Seine Schwester schaut zu ihm rein und fragt: »Warum zappelt Manu denn so in der Luft herum?« Die Mutter antwortet ihr: »Weißt Du, er muss erst einmal lernen, wie er seine Ärmchen und Beinchen richtig bewegen kann.« – »Musste ich das auch lernen?«, fragt die Schwester nach. »Ja, natürlich. Und jetzt kannst Du schon Seilspringen!« Die Schwester schaut noch mal vergewissernd hinein: »Aber ich bin doch viel langsamer!« Bewegung ist nicht Motorik oder Reflex, sie ist schierer Wille. Dieser Bewegungswille wird mit dem Heran­wachsen zunehmend verinnerlicht, geführter, immer stärker mit... [mehr]

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