Hilfe nach dem Tsunami

Von Bernd Ruf, Oktober 2018

Die Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners leisten Notfallpädagogik im indonesischen Katastrophengebiet.

Ein 15-köpfiges notfallpädagogisches Kriseninterventionsteam der Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners reiste nach Indonesien, um betroffenen Kindern bei der Bewältigung ihrer Traumata zu helfen. Dort hatte am 28. September 2018 ein schweres Erdbeben mit anschließendem Tsunami der Stärke 7,4 den Norden der indonesischen Insel Sulawesi erschüttert. Betroffen war vor allem die Küstenstadt Palu. 

Risky betreibt eine kleine Kaffeerösterei in Palu. Als das Beben Palu erschüttert, und mehrere Tsunamiwellen von bis zu zwölf Metern Höhe und 800 Stundenkilometern Geschwindigkeit Tod und Zerstörung über die Stadt bringen, befindet er sich mit seiner Frau in seinem kleinen Café-Shop am Strand. Als sie die Wellen kommen sehen, flüchtet seine Frau panisch, während er seinen Motorroller holen will. Dann trifft ihn die Welle. Er verliert das Bewusstsein und kommt erst wieder zu sich, als ein Mann an ihm rüttelt. Risky rennt zu seinem Haus. Die Erleichterung kommt erst etwa drei Stunden später. Seine Frau kommt nach Hause. Auch sie hat überlebt.

Soviel Glück hatten viele andere nicht. Es wird vermutet, dass über 15.000 Tote und mehrere zehntausend Verletzte zu beklagen sind. Die Überlebenden hausen immer noch in notdürftigen Unterkünften aus Plastikplanen und müssen um ihr Überleben kämpfen. Am härtesten hat es die Alten, Kranken-, Behinderten- und Kinder getroffen. Viele sind schwer traumatisiert.

Risky und seine Frau leiden seit dem Tag des Bebens an panischen Ängsten, Albträumen und Schlafstörungen. Ausgelöst durch die vielen, teils heftigen Nachbeben, werden sie in sogenannten Flashbacks immer wieder in ihrem Erleben in die Katastrophe zurückgeworfen. Risky stürzt sich mit wildem Aktionismus in seine Arbeit, um die schmerzhaften Erinnerungen zu verdrängen. Bei seinen schon jugendlichen Kindern sind Regressionserscheinungen, wie Bettnässen oder Babysprache, aufgetreten. Das ist kein Einzelfall: Viele Kinder haben ähnliche Symptome, aber auch Ess- und Verdauungsstörungen, Gedächtnis-und Aufmerksamkeitsdefizite, Konzentrationsprobleme oder depressive Tendenzen. Um diese Traumafolgestörungen zu vermeiden, leisten die »Freunde« erste Hilfe.

In der Schule des vom Erdbeben völlig zerstörten Dorfes Lombonga, nördlich von Palu, wird während der notfallpädagogischen Intervention mit fast 670 Kindern und Jugendlichen gearbeitet. Mit Rhythmusübungen, Bewegungsspielen und mittels erlebnispädagogischer Ansätze wird versucht, die Blockaden zu lösen und die gestörten physiologischen und psychischen Rhythmen wieder zu harmonisieren. Mitten in einem Palmenwald-Dschungel wurde eine zeltartige provisorische Notunterkunft errichtet, in der getanzt, gesungen, gemalt und gezeichnet wird.

In dem vom Erdboden verschluckte Stadtteil Balaroa liegen noch Tausende von Opfern unter den Trümmern; die Bergungsarbeiten wurden eingestellt, zu unwahrscheinlich ist es, noch Überlebende zu finden. Überall in der Luft liegt Verwesungsgeruch.

Direkt an der Abbruchkante steht die Schule Madrasah Ibtidaiyak Neger. Wie viele Kinder, Eltern und Lehrer dieser Schulgemeinschaft zu den Opfern der Katastrophe gehören, ist bis heute unbekannt. Die Schulleiterin weiß, dass die Schule nach einer derartigen kollektiven Traumatisierung eine zentrale Funktion für die seelische Gesundheit der Kinder einnimmt und will die Schule zu einem sicheren Ort für Kinder machen, an dem sie ihre Traumata auskurieren können.

Vor allem liebevolle Zuwendung, verlässliche Beziehungsangebote, heilende innere Bilder in Form von Märchen, Geschichten und Biographien, Rituale und die Wiederherstellung von haltgebenden Alltagsstrukturen sollen wieder neue Orientierung bieten. Darüber hinaus können die meisten Pädagogen die Traumareaktionen der Kinder nicht richtig einordnen. Oft interpretieren sie die Symptome falsch und verschlimmern die Traumata durch unangemessene Erziehungsmaßnahmen.

Die Notfallpädagogen aus Deutschland, Argentinien, Norwegen und der Schweiz beraten und unterstützen ihre indonesischen Kollegen beim Aufbau der Schule. Zusätzlich werden psychoedukative Elternberatungen angeboten und in Zusammenarbeit SKP-HAM, einer Partnerorganisation von Caritas-Germany, notfallpädagogischen Fortbildungen für Lehrer und Erzieher an der Universität von Palu durchgeführt.

Alle Nachrichten in dieser Kategorie

Jetzt anmelden zum 22. WOW-Day

»Waldorf One World-Day, das ist so, als ob die Welt für alle wäre. Ohne Unterschiede.« So beschreibt eine Schülerin des Colégio Micael in São Paulo... [mehr]

Ausblick auf die Agrarkultur der Zukunft

Demeter International: Mitgliederversammlung in Finnland verabschiedet Leitmotiv für zukünftige Arbeit. [mehr]

Norwegen: Waldorflehrerin öffentlich geehrt

Alljährlich verleiht der norwegische Mathematik-Rat den Holmboe-Preis für hervorragende Leistungen auf dem Gebiet des Mathematikunterrichts.  [mehr]

Für 150 Franken zum Faust am Goetheanum

Damit ein Besuch der Neuinszenierung von Goethes »Faust 1 und 2« (ungekürzt) nicht an den Finanzen scheitert, ermöglichen Stiftungen, den Preis für... [mehr]

Freie Waldorflehrerausbildung in Dornach

Seit August 2015 gibt es in der Schweiz neben der etablierten Akademie für anthroposophische Pädagogik eine zweite Möglichkeit, Waldorflehrer zu... [mehr]

Leidenschaftliche Bewunderung für die Arbeit Rudolf Steiners

Nach Zwischenlandungen in Deutschland, Kroatien, Österreich, Ägypten und Großbritannien ist die Rudolf Steiner Friedenstaube von London nach Genf... [mehr]

Wittener Studierende engagieren sich in Jordanien

Initiative »Al Salam« hilft Flüchtlingen nahe der Krisenherde. [mehr]

Anthroposophische Medizin international

Die medizinische Sektion am Goetheanum legt eine Broschüre vor, die umfassend über die internationalen Aktivitäten der anthroposophischen Medizin... [mehr]

ZDF: Notfallpädagogik in Nepal

Am 12. Mai 2015 erschütterte um die Mittagszeit ein zweites schweres Erdbeben der Stärke 7,3 Nepal. Ein 13-köpfiges notfallpädagogisches... [mehr]

Nepal nach Erdbeben in großer Not

Das schwere Erdbeben hat die Menschen in Nepal in große Not gebracht. Wir haben uns die letzten Tage bemüht, Nachrichten von den mit uns verbundenen... [mehr]

Treffer 41 bis 50 von 155

< Vorherige

1

2

3

4

5

6

7

Nächste >

Folgen