Staatliche Inspektionen stürzen englische Waldorfschulen in die Krise

Von Sylvie Sklan, Oktober 2019

Drei englische Waldorfschulen sind nach harter Kritik der Schulaufsicht Ofsted von einem neuen Träger übernommen worden. Die anderen müssen zügig ihr Haus in Ordnung bringen. Betroffen sind die Steiner Academies in Frome, Bristol und Exeter.

Die Steiner Academy Exeter, eine der Schulen, die jetzt dem Avanti Schools Trust angehören.

Academies sind in England unabhängige Schulen, die mit öffentlichen Geldern finanziert werden, aber ihr eigenes Curriculum entwickeln können. Für sie ist direkt das Erziehungsministerium zuständig und nicht ihre örtliche Gemeinde.

Bei dem neuen Träger handelt es sich um den Avanti Schools Trust (AST). 

Einige seiner Schulen arbeiten auf der Grundlage des hinduistischen Glaubens, aber der Trust ist auch offen für die Entwicklung anderer Schulformen, die allgemeine menschliche Werte und spirituelle Entwicklung in ihrer Arbeit zugrunde legen. Unter AST werden die drei Schulen voraussichtlich als »inspiriert von Waldorfprinzipien« betrieben, einen Zusatz, den sie auch möglicherweise in ihrem Namen führen werden. 

»Wir freuen uns, diese drei Schulen in der Avantifamilie begrüßen zu dürfen, es wird sicherlich eine Herausforderung werden, die sich aber lohnt, um den Schülern der drei Schulen die bestmögliche Erziehung zu garantieren«, heißt es dazu in einer Stellungnahme von Prof. Mike Younger, Mitglied des AST-Vorstandes.

Dunkle Wolken

Die Schulbehörde Ofsted hatte im vergangenen Schuljahr alle englischen Waldorfschulen unter die Lupe genommen und viele von ihnen sahen sich mit einer ungünstigen Ofsted-Bewertung konfrontiert. So hängt jetzt eine dunkle Wolke über den Waldorfschulen in England, die nahezu die gesamte Schulbewegung betrifft. 

Wie kam es dazu, dass die Schulbehörde ihre Aufmerksamkeit in bisher nicht gekanntem Ausmaß auf die englischen Waldorfschulen gerichtet hat? 

Alles begann im November 2018 mit einer Ofsted-Inspektion der Steiner Academy Exeter, einer der Schulen, die jetzt zum AST gehört. Die Inspektoren waren von ihren Befunden alarmiert und die Schule wurde sogar für einige Tage geschlossen, damit dort wichtige Sicherheitsstandards unmittelbar umgesetzt werden konnten. 

Eine Schulschließung – auch wenn sie nur einige Tage gedauert hat – zieht unweigerlich die Aufmerksamkeit der Medien auf sich und Exeter machte dabei keine Ausnahme. Das Medieninteresse explodierte sogar regelrecht. Vor diesem Hintergrund wandte sich ein Mitglied des Parlaments aus der Region an Erziehungsminister Damian Hinds und verlangte, dass ähnliche Schulen auch einer Inspektion unterzogen werden sollten. 

So dauerte es nicht lang, bis Inspektoren unangemeldet auch bei drei anderen Steiner Academies auftauchten, ebenso an fünf unabhängigen Steiner Schulen. Das Ergebnis war, dass weitere vier Schulen (zwei Academies und zwei unabhängige Schulen) als »unzulänglich« eingestuft wurden. Nur eine Schule, die Steiner Academy Hereford, erhielt die Bewertung »gut«. 

Schwere Vorwürfe

Die Serie von Inspektionen versetzte die Schulbewegung in Alarmbereitschaft. Es wurde viel darüber spekuliert, ob die Anti-Waldorf-Lobby ihre Hand im Spiel gehabt habe und manche sprachen auch von einer Hexenjagd. Aber es wurde auch eine Diskussion darüber ausgelöst, warum so viele Schulen so schlecht abgeschnitten haben. 

Einerseits wurde argumentiert, die Ofsted-Inspektoren hätten kein Verständnis für die von ihnen kontrollierte Schulform mitgebracht und es sei ein Nachteil gewesen, dass die unabhängigen Schulen von Ofsted kontrolliert worden seien und nicht vom Schulinspektionsservice, einer unabhängigen Einrichtung, die normalerweise die Inspektion der unabhängigen Schulen in England durchführt. 

Andererseits gibt es auch viele, die sich der Kritik von Ofsted anschließen und die Situation als ein Symptom dafür sehen, dass viele Schulen es versäumt haben, mit der Zeit zu gehen und – im Fall der Academies – versucht hätten, zu schnell zu groß zu werden. Die Diskussion hält noch an. 

Wie immer die Erklärung auch sein mag – nur eine von neun inspizierten Schulen hatte das Prädikat »gut« bekommen. Dadurch kam es auch zu einem öffentlichen Schriftwechsel zwischen Amanda Spielman, der Leiterin von Ofsted, und Erziehungsminister Damian Hinds, in dem schwere Vorwürfe gegen die Waldorfschulen und die ihnen zugrunde liegende Waldorfpädagogik erhoben wurden. 

So heißt es in einem Brief von Spielman: »Die Wurzel der Probleme liegt in Unzulänglichkeiten der Führung, im Management und bei der Verwaltung. Viele der Schulen, die inspiziert wurden, lassen klare Zuordnungen von Verantwortlichkeit vermissen. Zu oft ziehen Führungskräfte Mitarbeiter nicht zur Verantwortung, während die Schulleitung ihren Verpflichtungen nicht nachkommt, die Führungskräfte zur Verantwortung zu ziehen.« 

Mit Ausnahme der Steiner Academy in Hereford seien Mängel in der Qualität des Unterrichts und seiner Ergebnisse für die Schüler festgestellt worden, heißt es weiter in dem Brief. Da die Kritiken sowohl die staatlich finanzierten wie auch die unabhängigen Waldorfschulen beträfen, stelle sich die Frage, inwieweit die festgestellten Mängel auf die Prinzipien der Waldorfpädagogik zurückzuführen seien, die allen Schulen zugrunde liege. Spielman forderte das Kultusministerium auf, der Frage noch weiter nachzugehen, warum so viele Waldorfschulen ihre Schüler nicht angemessen schützen und ihnen keine ausreichenden Bildungsstandards ermöglichten. 

Kein generelles Vorgehen

In seiner Antwort bestand der Erziehungsminister auf der Inspektion aller Waldorfschulen und versicherte, dass seine Behörde unverzüglich gegenüber jeder unabhängigen Schule tätig werde, die nicht bereit sei, zügig die Standards für unabhängige Schulen umzusetzen. Einem generellen Vorgehen gegen die Waldorfschulen erteilte der Minister eine Absage: es müsse in jedem einzelnen Fall geklärt werden, worin die Probleme lägen. Die Regionalen Schulaufsichtteams hätten im Fall der drei beanstandeten Steiner Acadamies bereits damit begonnen, über eine Umwandlung der Academies in starke Mehr-Akademien-Trusts zu verhandeln, um so eine Verbesserung zu erreichen. 

Seitdem sind alle Waldorfschulen einer Inspektion unterzogen worden und fünf weitere wurden als »ungenügend« eingestuft, darunter auch zwei der ältesten Schulen, drei erhielten die Bewertung »Verbesserung notwendig«. Eine gute Nachricht gab es für vier Schulen: sie wurden für gut befunden. Zwei Schulberichte stehen noch aus. 

Die Tatsache, dass einige der inspizierten Schulen für gut befunden wurden, belegt, dass die Mängel nicht auf die Waldorfpädagogik zurückgeführt werden können. Außerdem zeigt es, dass auch die anderen Waldorfschulen ihr Haus zügig in Ordnung bringen können, wenn klar ist, worin die Mängel bestehen. 

Da neun unabhängige Waldorfschulen, die von Eltern finanziert werden, mit »mangelhaft« bewertet worden sind, und sieben mit »Verbesserung notwendig«, müssen diese Schulen jetzt schnell unter Beweis stellen, dass sie über die Fähigkeit verfügen, sich selbst zu erneuern. Es besteht die Hoffnung, dass jede Schule die Herausforderung auf ihre Weise annimmt und sie in eine Chance verwandelt. Sie müssen dabei sicherstellen, dass die Tradition nicht die Möglichkeiten blockiert, den Anforderungen der Gegenwart gerecht zu werden.

Authentisch Waldorf

Es stellt sich die Frage, wie viele der betroffenen unabhängigen Waldorfschulen schnell und effektiv auf diese Herausforderung reagieren werden. Positivität und Energien sind notwendig, um sich den Anforderungen zu stellen. Wenn es den Schulen nicht gelingt, wird die Ansage aus dem Brief des Erziehungsministers greifen, der ein schnelles Vorgehen gegen alle beanstandeten Waldorfschulen in Aussicht gestellt hat, die nicht zügig Abhilfe schaffen. 

Hinsichtlich der drei Academies, die jetzt zu AST gehören, stellt sich die Frage, wie authentisch eine Waldorfschule sein kann, die »von Waldorfprinzipien inspiriert« arbeitet. Es besteht Anlass zu vorsichtigem Optimismus. Durch die Initiative von AST können die drei Schulen, wenn nicht dem Namen nach, so doch wenigstens dem Geist ihrer Arbeit nach erhalten bleiben. Auf jeden Fall sähe die Zukunft dieser Schulen ohne AST sehr schwarz aus.

Ähnliches gilt für Langley Hill, wo die Avanti Stiftung eine Schule auf dem Gelände eröffnen will, auf dem früher die Steiner Schule Kings Langley bestand. (Avanti Stifung und AST sind unabhängige Organisationen, die auf der Basis derselben Werte arbeiten). Die Steiner Schule Kings Langley ist im Sommer 2018 geschlossen worden, da sie den Anforderungen der Inspektion nicht nachgekommen ist. Sie wurde viermal inspiziert und bekam bereits 2016 die Bewertung »mangelhaft«. 

Man weiß nicht, was die Zukunft für die englischen Walddorfschulen bringen wird, aber es gibt immer Licht am Horizont, auch wenn er gegenwärtig noch so dunkel erscheinen mag. 

Sylvie Sklan war vor ihrer Pensionierung bei der britischen Waldorforganisation Steiner Waldorf Schools Fellowship (SWSF) in leitender Funktion für die Steiner Academies zuständig.  

Nexus News Agency. nna/cva/nh

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