World Goetheanum Forum – ein neuer Geist findet seine Form

Von Sven Saar, Oktober 2018

Als vor zwei Jahren die Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft zu einer großen Tagung ans Goetheanum in Dornach einlud, um einen neuen Impuls zu begünden, war noch nicht klar, welche Form dieser bekommen würde. Damit ein Gedanke in der Welt wirken kann, braucht er eine Gestalt: Die Wold Goetheanum Association.

Diese Vereiningung entstand im Mai 2018 mit der Frage, wie Zentrum und Peripherie – Goetheanum und Lebensfelder – in Zukunft ihr Verhältnis gestalten wollen.

Als Rudolf Steiner im Jahr 1923 die Anthroposophische Gesellschaft neu begründete, gab es 12.000 Mitglieder und nur fünf anthroposophisch inspirierte Firmen oder Einrichtungen, darunter zwei Waldorfschulen, ein Krankenhaus und schon damals die Weleda. Heute hat die Gesellschaft etwa 40.000 Mitglieder, die Zahl der Betriebe ist auf 30.000 gewachsen. Darunter sind über 1.500 Waldorfschulen und Kindergärten, Krankenhäuser, biodynamische Bauernhöfe, Camphill- und andere Lebensgemeinschaften, Altenheime, Ausbildungsstätten und Seminare, bekannte und weniger bekannte Kosmetik- und Lebensmittelfirmen. Insgesamt beschäftigen sie eine geschätzte halbe Million Menschen, davon allein rund 100.000 Waldorflehrer und -erzieher weltweit.

Ende September 2018 trafen sich in Dornach viele interessierte Menschen von nah und fern zum World Goetheanum Forum, um sich besser kennenzulernen und sich gemeinsam zu fragen, wie man sich gegenseitig stärken und inspirieren könnte. In Vorträgen und Arbeitsgruppen saßen unter anderem Geschäftsführer und leitende Mitarbeiter von Weleda, den Banken GLS und Triodos, Sekem, Voelkel und der Filderklinik sowie unabhängige Entrepreneure, Waldorflehrer, Bauern, Wissenschaftler und Künstler und erlebten miteinander das Goetheanum in seiner Herzfunktion: Hier wird das Blut der Bewegung nicht in die Peripherie gepumpt, sondern es öffnen sich Türen, es entsteht ein Moment der Stille und aus der Begegnung entstehen neue Impulse. Gerald Häfner, der Leiter der sozialwissenschaftlichen Sektion, drückte das so aus: »Was wir wollen, ist nicht eine Tagung, sondern einen Raum schaffen, in dem sich die in der Welt tätigen Institutionen und Menschen begegnen können, die miteinander zu tun haben.«

Auch aus Sicht der Waldorfschulen sind diese neuen Gedanken relevant: Früher gab es einmal Quellen – zum Beispiel in Stuttgart und in Dornach – aus denen »Weisheit quoll«. Hier waren die führenden Geister unserer Bewegung, und man kam zu Tagungen und Konferenzen, um sich zu stärken und auch zu verjüngen. Heute haben diese Orte immer noch Relevanz: Man trifft sich hier, denn es gibt eine Art geistige Infrastruktur, die fruchtbare Begegnungen ermöglicht. Doch Weisheit gibt es auch in der Peripherie. Das neue Paradigma das Lernens auf Augenhöhe lässt sich gut mit diesem englischen Satz beschreiben: »From the sage on the stage to the guide by your side.«

Das Goetheanum – oder auch der Bund der Freien Waldorfschulen – ist überall dort, wo Menschen sich in seinem Geiste treffen. Wichtig ist natürlich auch, diese Orte und Institutionen durch Beiträge geistiger, seelischer und wirtschaftlicher Art effektiv zu fördern und zu unterstützen, damit sie ihrer Herzfunktion gerecht werden können.

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