Die Uhle wird hundert

Von Mathias Maurer, September 2019

Was für ein Fest! Liederhalle Stuttgart, politische und Waldorfprominenz, voller Saal, pralles Programm – 100 Jahre Freie Waldorfschule Uhlandshöhe.

Es beginnt mit einem eigens von Sebastian Bartmann komponierten Stück, gespielt vom Oberstufenorchester der Freien Waldorfschule Uhlandshöhe: beeindruckend hohes musikalische Niveau; dann die Begrüßung durch Schüler in 24 Sprachen. Ministerpräsident Winfried Kretschmann wünscht, dass die Waldorfschule »ihren Eigensinn behält«, würdigt ihre »hohe Schule der Empathie«, Oberbürgermeister Fritz Kuhn hofft, dass sie »Hefe im Reformteig des staatlichen Schulsystems« bleibt – beide finden anerkennende Worte, die deutlich über Sonntagsredenniveau liegen. Es sprechen Vertreter der Waldorfschule Uhlandshöhe, der Freien Hochschule Stuttgart, der Pädagogischen Sektion am Goetheanum und des Bundes der Freien Waldorfschulen. Eine zentrale Aussage ist: Eine freie individuelle und gesellschaftliche Entwicklung bedarf eines freien Schulwesens, unbeeinflusst von staatlichen und wirtschaftlichen Interessen. Ein Interessantes Aperçu: Die Politiker und Bundesvorstandsmitglied Henning Kullak-Ublick eint eine gemeinsame Vergangenheit: Sie gehörten zu den Gründern der GRÜNEN und beschäftigten sich mit Rudolf Steiners Gesellschaftsordnung der sozialen Dreigliederung.

Eine japanische Trommlergruppe und ein namibischer Schülerchor lockerten die gewichtigen Reden auf und brachten internationalen Schwung in den Saal – so verschieden präsentiert sich waldorf, eine reformpädagogische Bewegung, die mit der Eröffnungsfeier im Stuttgarter Stadtgarten exakt am gleichen Tag, zur gleichen Uhrzeit vor hundert Jahren begonnen hat und zu einer Bewegung von gegenwärtig über 1.100 Schulen und über 1.900 Kindergärten anwächst, von der Favela in Sao Paulo bis in die Hightechwelt des Silicon Valley, von Vietnam bis Irkutsk – ein im Foyer schwebender Globus mit roten Lichtern zeigt an, wo sonst noch überall auf der Welt.

Und dann kommt eine Mammut-Monatsfeier mit künstlerischen Darstellungen von Schülern aller Stuttgarter Waldorfschulen, an der man sich sattsehen kann, parallel laufen Jim Knopf von Michael Ende im Figurentheater und eine Podiumsdiskussion mit ehemaligen Uhlandshöhe-Schülern, launig moderiert von Frank Stöckle – »Wie der Steiner  kann´s keiner –, Ehemaliger und heute als Schauspieler und Musiker unterwegs. Gespräch querbeet: Es geht um Eurythmie, Klimaschutz, Sonntagshandlung, Migration, Jahresarbeiten, Kinderarmut, Zwölftklassfahrt, Digitalisierung, Monatsfeiern und die lebenslange prägende Wirkung von Lehrern auf die Schüler. Eine Forderung sticht hervor: Die Schule solle für die Schüler noch radikaler in die Praxis gehen, denn die gegenwärtigen Probleme weltweit sind riesengroß und es gibt unendlich viel zu tun.

Christof Wiechert, langjähriger Klassenlehrer in den Niederlanden und ehemaliger Leiter der Pädagogischen Sektion am Goetheanum schließt den Festakt und eröffnet damit gleichzeitig den folgenden Kongress »Am Anfang steht der Mensch«. Wiechert verdeutlicht an Beispielen aus Literatur, Film und dem wirklichen Leben eindrücklich die »transformatorische Macht der Phantasie« als eine zentrale erzieherische Tugend, die moralbildend auf die Kinder wirke, kritisiert das »industrielle Modell« und behavioristische In-Out-Denken der Bildung und deren »eindimensionales« Menschenbild. Es sei Steiners Verdienst und der anthroposophischen Pädagogik zu verdanken, dass das Bild des Menschen als dreigliedriges Wesen mit Seele, Geist und Leib in die Gegenwart herübergerettet und seine vorgeburtliche als auch nachtodliche Entwicklung in die Pädagogik mit einbezogen zu haben – eine Ouvertüre für die inhaltliche Arbeit an der »Allgemeinen Menschenkunde«, die die Thematik des Kongresses bestimmen wird: Die pädagogische Aufgabe, Seelisches und Geistiges in Einklang zu bringen mit dem »Körperleib«. Doch zuerst erfolgt noch eine abendfüllende Eurythmieaufführung der zwölften Klassen der Waldorfschule Uhlandshöhe, die Stücke von Beethoven bis Arvo Pärt, Gedichte von Goethe bis Rose Ausländer künstlerisch interpretieren, so dass sichtbar wird, wie »Individualität Aktualität werden kann«.

Der Kongress auf der Uhlandshöhe zieht nicht die tausend erhofften, sondern nur die Hälfte an Teilnehmern an. Wenn auch der internationale Charakter durch Lehrer aus allen Kontinenten anwesend ist, man hätte sich umso mehr die Präsenz hiesiger Lehrer gewünscht. Schließlich gibt es im unmittelbaren Umkreis mehr als ein halbes Dutzend Waldorfschulen, die sich jedoch in ihrem Schulbetrieb nicht weiter vom hundertjährigen Geburtstag ihrer »Mutter« stören ließen. Oder liegt es daran, dass das Thema »Allgemeine Menschenkunde« schon mehrfach auf internationalen großen Tagungen von Sao Paulo, über Bangkok bis Dornach abgehandelt wurde, oder daran, dass nur zu diesem einen Thema in einem Kraftakt ein halbes Dutzend Bücher publiziert wurden, so dass es für die nächsten hundert Jahre reichen könnte?  – Wie auch immer: Qualitativ hatte die Uhlandshöhe – Schule und Hochschule – etwas zu bieten, was den pädagogischen genius loci dieses Ortes schon immer prägt: eine gewisse nähere Nähe zur Anthroposophie, ein Tick mehr an geisteswissenschaftlicher Exzellenz, das heißt mehr Steiner, von dem man sich, wie viele Tageszeitungen zum Jubiläum tönen, verabschieden sollte. Zum Glück tun sie das nicht, auch wenn das reale äußere Bild zur Zeit eine Baustelle ist: Das im Bau befindliche Oberstufengebäude, vom Architekturbüro Behnisch entworfen, macht das Schulgelände für Schüler und Gäste zur Zeit nur eingeschränkt attraktiv und belastet den Schulhaushalt stark. Trotzdem bieten die Dozenten, Vortragenden, Arbeitsgruppen- und Workshopleiter – nahezu hundert an der Zahl – eine solche Themenvielfalt, dass die Auswahl schwer fällt. Um nur einige Beispiele herauszugreifen: Rita Schumacher (Kassel) behandelt das hochaktuelle Thema Bildung in Zeiten der Virtualität und was Mensch und Maschine unterscheidet, Albrecht Schad (Stuttgart) zeigt erstaunliche Parallelen zwischen kosmischer und ontogenetischer Entwicklung auf, Michael Zech (Kassel) und Florian Osswald (Dornach) geben Anregungen für neue Oberstufenmodelle, man konnte aber auch Kochlöffel schnitzen oder Plakat- und Hauswände künstlerisch gestalten. Schließlich wird das besondere »Forschungsprojekt« von Maria Knilli vorgestellt, die eine Waldorfklasse über ihre ganze Schulzeit filmisch begleitete (»Guten Morgen, liebe Kinder« und »Eine Brücke zur Welt«), und in einer Preview nun den dritten Teil »Auf meinem Weg« zeigt (www.forschung-waldorf.de/publikationen/streaming-portal) – eine eindrückliche Dokumentation, welche tiefsinnigen Fragen junge Menschen gegen Ende ihrer Schulzeit mit ins Leben nehmen.

Es würde etwas fehlen, wenn das künstlerisch-kulturelle Angebot nicht erwähnt würde: Es gibt Klassik (Brahms und Mozart), Ein-Mann Theater zu den vier Temperamenten nach Frieder Nögge, Eurythmie vom Else-Klink-Ensemble unter dem herzergreifendem Titel »Ich möchte leben« des Holocaustopfers Selma Meerbaum-Eisinger und schließlich die Worldbeat-Pop-Band »RasgaRasga«, die den Stuttgarter Hügel bis in die Nacht abrocken lässt. Nochmals klassisch der Abschluss in der Liederhalle: Das Waldorf Philharmonieorchester mit der Solistin Dorothea Stepp, dirigiert von Patrick Strub spielte Werke von Mendelsohn, Brahms und Dvořák; der musikalische Höhepunkt reißt die zweitausend Zuhörer zu Standing Ovations von den Stühlen.

Insgesamt eine runde Waldorf-Performance für Kopf, Herz und Hand, die hoffen lässt, dass die Leitideen der Waldorfpädagogik und die aus ihr heute entwickelten Gestaltungsmöglichkeiten mutig weiter ergriffen werden.

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