Erste Hilfe für die Seele

Von Bonnie Berendes, Mai 2019

Notfallpädagogischer Einsatz nach der Katastrophe durch Zyklon Idai in Südostafrika.

Larissa Küllmar, Mosambik

Etwa zwei Monate sind vergangen, seit Zyklon »Idai« mit unvorstellbarer Stärke über Südostafrika hinweggezogen ist und unzählige Menschen das Leben gekostet hat. Neben Simbabwe und Malawi wurde vor allem Mosambik schwer getroffen. Massive Überschwemmungen verwüsteten große Teile des Landes und die Betroffenen warteten lange Zeit auf Hilfe. Um Kinder und Jugendliche bei der Verarbeitung der traumatischen Erlebnisse psychosozial zu unterstützen reiste ein Notfallpädagogik-Team Anfang April in die Katastrophenregion. Waldorfpädagogische Methoden gehören zum festen Bestandteil der notfall- und traumapädagogischen Arbeit, da durch sie die Selbstheilungskräfte freigesetzt und aktiviert werden können. 

Hunderttausende Familien sind obdachlos, viele Kinder haben ihre Eltern verloren und die Gefahr vor der Ausbreitung von Krankheiten war groß. Die Lage in Mosambik war auch Wochen nach der Katastrophe noch verheerend. Viele Menschen lebten zunächst in notdürftigen Zeltunterkünften. Insbesondere den Kindern fällt es schwer, die Situation und das Erlebte zu verarbeiten. Sie werden durch solche Geschehnisse aus ihren Strukturen gerissen und können häufig nicht über das Erlebte sprechen oder andere Wege der Verarbeitung finden. 

Das 12-köpfige internationalen Notfallpädagogik-Team der Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners e.V. hat inmitten der Zerstörung und des Chaos in drei verschiedenen Camps, etwa 80 Kilometer westlich der Küstenstadt Beira so genannte Child Friendly Spaces aufgebaut. An diesen geschützten Orten wurde mit insgesamt über 600 Kindern spielerisch versucht, kindgerechte Bewältigungsmöglichkeiten im Umgang mit Verlust, Trauer und Verunsicherung zu erarbeiten. Elemente der Waldorfpädagogik spielen dabei eine entscheidende Rolle. Durch Singen, Malen oder rhythmische Tänze, können belastende Erfahrungen auf einer anderen Ebene verarbeitet und nonverbal zum Ausdruck gebracht werden. Rituale geben Sicherheit, Halt und Orientierung. Eurythmie und Bewegungsspiele helfen dabei, die durch das traumatische Ohnmachtserleben ausgelösten blockadeartigen Lähmungen zu lösen. Ein geregelter Tagesablauf mit Ruhe- und Aktionsphasen ist zudem essentiell, um die Selbstheilungskräfte der Kinder zu stabilisieren. Traumafolgestörungen werden dadurch abgemildert oder möglichst vollständig verhindert. Bei allen notfallpädagogischen Einsätzen ist die Rhythmuspflege enorm wichtig, um eine Heilung zu ermöglichen und sowohl die körperliche als auch die geistige Gesundheit wieder herzustellen. 

Das Team bestand aus erfahrenen Pädagogen, Kunst- und Bewegungstherapeuten und zwei Ärzten. Wie wichtig notfall- und traumapädagogische Arbeit in der Region ist, wird auch am Beispiel eines völlig zerstörten Jungeninternats in Simbabwe deutlich. Hier lösten heftige Regenfälle einen Erdrutsch aus, der Schulgebäude und Menschen unter seinem Schlamm begrub. Ein Sicherheitsmann und zwei Kinder verloren dabei ihr Leben, weitere 170 Schüler konnten sich teilweise selbst aus den Trümmern befreien und sich mit ihren Lehrern in Sicherheit bringen. Menschen, die solche Dinge erleben mussten, stehen schwer unter Schock und sind auf schnelle Hilfe angewiesen. 

Ende Mai ist ein weiterer Notfallpädagogik-Einsatz in Simbabwe geplant. Auch hier soll möglichst vielen Kindern und Jugendlichen dabei geholfen werden, das seelische Leid, welches Zyklon Idai ihnen zugefügt hat, durch gezielte Pädagogik zu lindern. 

Mit den Kernelementen der Notfallpädagogik werden sich namhafte internationale Experten während der achten notfallpädagogischen Jahrestagung vom 20. Bis 23. Juni 2019 in den Räumlichkeiten des Parzival-Zentrums in Karlsruhe befassen. Unter dem Titel »Notfallpädagogik – Wie Pädagogik verletzten Kinderseelen helfen kann« geben sie im Rahmen von Vorträgen und Workshops Einblicke in die Notfall- und Traumapädagogik. Ministerpräsident Winfried Kretschmann wird die Schirmherrschaft der Veranstaltung übernehmen. Die diesjährige Tagung ist international ausgerichtet: Vorträge werden ins Englische übersetzt und es wird Workshops in allen drei Sprachen geben.

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