Schulverzagen – Wendepunkte einer holprigen Schullaufbahn

Von Laura Arens, August 2022

Die Autorin Laura Arens

Mein Name ist Laura. Ich war eine Waldorfschülerin mit Schulangst, eine Schulabbrecherin und Schulflüchterin. Obwohl ich gerne lerne – das ist bis heute so – ging ich mit 14 Jahren nicht in die Schule, sondern betrank mich mit Freund:innen im Park. Die Schule war mir zuwider. Lehrer:innen, Therapeut:innen und meine Eltern glaubten nicht mehr daran, dass ich wieder beschulbar werden würde. Trotzdem habe ich irgendwann die Kurve bekommen. Heute arbeite ich als Sozialpädagogin mit verhaltensauffälligen und lernbehinderten Kindern. Daher weiß ich, dass Schulabbrüche und Schulängste weit verbreitet sind. Eltern und Pädagog:innen fühlen sich angesichts von Schulbauchweh und Schulverweigerung hilflos. Ich habe mich gefragt: Was hat bei mir geholfen? Welche Angebote unterstützten mich? Wer kam an mich heran? Und wie? Was waren die Wendepunkte meiner Geschichte? 

Meine Geschichte 

Ich kann mich gut an den anthroposophischen Kindergarten erinnern, an das warme Licht dort, die freundlichen Erzieherinnen, an das Gefühl von Geborgenheit und Nestwärme. Am Nachmittag spielte ich auf einem Waldgrundstück. Feen, Tiere und Zwerge waren meine Spielkameraden und manchmal kam eine Freundin hinzu. Ich durfte die magische Phase ausleben. Bereits in der ersten Klasse begann mein Unbehagen. Da die Waldorfschule mich zunächst nicht aufnahm, ging ich auf die Dorfschule bei uns am Ort. War ich zu verträumt? Jedenfalls konnte und wollte ich dort nicht lernen. Meine Eltern ermöglichten mir in der 6. Klasse den Wechsel auf die Waldorfschule, wo ich ebenfalls nicht richtig landete. Es half auch nicht, dass diverse Lerntherapeut:innen eingeschaltet wurden und die Diagnose »Legasthenie« sowie »Dyskalkulie« fällten. Im Gegenteil! Das Gefühl zu versagen wurde dadurch verstärkt. Vormittags drückte ich mit Bauchschmerzen die Schulbank und nachmittags musste ich die Bemühungen der Therapeut:innen über mich ergehen lassen. In dieser Zeit sammelten sich bei mir Schultraumata an. Es wurde schlimmer, nicht besser. Mit der beginnenden Pubertät lehnte ich mich auf. Ich beleidigte Lehrer:innen und stiftete Unruhe im Klassenverband, wenn ich in die Schule ging. Oft schwänzte ich. Mit vierzehn Jahren galt ich als unbeschulbar und ein Internat für Schwererziehbare schien der einzige Ausweg zu sein. 

Wendepunkte 

Freizeit 

Beim Reiten und im Zusammensein mit Freundinnen konnte ich aufatmen. Ich brauchte unbeobachtete Räume, in denen Schule kein Thema war. Ohne diesen Ausgleich hätte ich es wohl nicht geschafft. 

Die Therapeutin 

Es gab eine Therapeutin unter vielen, die einen Zugang zu mir gewonnen hat. Ich hatte keinen Bock, zu ihr zu gehen. Also saß ich da und sagte nichts. Sie hat es ausgehalten, mir wortlos gegenüberzusitzen. Im Nachhinein bewundere ich sie dafür. Nach fast drei Monaten fragte sie mich, ob wir beim Schweigen vielleicht auch etwas trinken könnten. Sie besorgte orangefarbene Multivitaminbrausetabletten, die man in Wasser auflöst. Das war damals mein Lieblingsgetränk. Und dann hat sie mich positiv bestärkt. Endlich ging es mal nicht um meine Probleme, sondern um meine Ressourcen. Brause trinken und darüber reden, wie super ich bin, das hat mich gestärkt. 

Die Schule 

Sicherlich konnte man mir oft gar nicht ansehen, wie wohltuend zum Beispiel die Eurhythmie für mich war oder wie gern ich in den Schulgarten ging. Ich habe ein langes Gesicht gezogen und muffig mitgemacht, aber insgeheim habe ich davon profitiert. Trotz der Blockade kam doch etwas an. Das ist vielleicht eine Ermutigung für alle Lehrer:innen. Die äußere Fassade ist nur ein Schutz. Man sollte sich davon gar nicht so beeindrucken lassen. 

Der Lehrer 

Mein Waldorfklassenlehrer hat mit mir auf Augenhöhe kommuniziert. Er fragte: »Wenn du nicht zur Schule möchtest, was willst du denn sonst werden?« Und da kam es aus mir herausgesprudelt. »Erzieherin.« Das war mir bis zu unserem Gespräch gar nicht bewusst gewesen. Irgendwie war diese Festlegung gut. Auf einmal hatte ich ein Ziel. Und mein Klassenlehrer hat mich beim Wort genommen. Er hat es eingefädelt, dass ich ein längeres Praktikum im anthroposophischen Kindergarten machen durfte. Anstatt zur Schule, ging ich nun arbeiten. 

Das Praktikum 

Im Praktikum wurde ich nachgenährt. Durch die einfachen Aufgaben, die ich übernommen habe, die Ruhe, den Rhythmus der kleineren Kinder konnte ich nachreifen. Gut war auch, dass man mich ernst nahm. Ich habe das erste Mal seit langem selbst bestimmt, was ich machen möchte. Gleichzeitig wurde ich nicht aus meinen Pflichten entlassen. Ich musste wie die anderen meine Jahresarbeit schreiben und wurde dabei intensiv unterstützt. 

Die Familie 

Vormittags habe ich im anthroposophischen Kindergarten geholfen und am Nachmittag durfte ich bei einer Familie unterkriechen. Das Besondere dort war, dass eine der drei Töchter Down-Syndrom hatte. Dadurch lebte die Familie einen strukturierten und gemächlichen Alltag. Ich konnte mit zu Mittag essen. Und nachmittags war ich mit der Mutter und den anderen Kindern zusammen im Wohn-Essbereich. Wir haben gewebt, gespielt und gesungen. Das war manchmal langweilig, aber dadurch konnte ich mich sammeln. Und vor allem: Ich fühlte mich nicht defizitär.

Fazit 

Was hat mir geholfen, die Schulkrise zu überwinden? Wenn ich es heute retrospektiv zusammenfasse, sind es die folgenden Faktoren: Authentische Menschen, die mir nichts vorspielten. So hat zum Beispiel die Therapeutin irgendwann einfach zugegeben, dass sie sich angesichts meines Schweigens hilflos fühlt. Ernstgenommen werden und Augenhöhe wie der Lehrer, der wirklich zugehört hat, und meinen Wunsch, Erzieherin zu werden, nicht vom Tisch wischte. Ermutigung und Zuspruch. Weniger in den Problemen herumstochern, sondern schauen, was läuft gut. Wer so viele Misserfolge erlebt wie ich, sehnt sich danach, dass andere das Positive in ihm sehen. Die Nestwärme, die mir beiläufig gegeben wurde. Ein freundliches Wort, wenn ich morgens in die Schule kam, die Wärme vom Kaminofen, das gemeinsame Singen – das hat mir gutgetan. Gottseidank standen meine Eltern immer an meiner Seite. Obwohl sie manchmal verzweifelt waren, wusste ich doch immer, dass sie mich lieben und es gut mit mir meinen.

Laura Arens, *1988, Sozialpädagogin in der Kinder- und Jugendhilfe. Zurzeit in der Gründung einer teilstationäre Einrichtung für Kinder und Jugendliche mit multiplen Schwierigkeiten. Beim Verfassen des Textes hatte ich Hilfe von Julia Tomuschat. 

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