100 Jahre Waldorf. Ein Fest in Frankfurt – ein Fest für Hessen – ein Fest für die ganze Welt

Von Silvia Groß, Juni 2019

Mit einem rauschenden Fest haben die hessischen Waldorfeinrichtungen am 15. Juni in und vor der Alten Oper Frankfurt 100 Jahre Waldorfpädagogik gefeiert. Von 11 Uhr morgens bis spät in die Nacht waren das ehrwürdige Gebäude und auch der Opernplatz ganz in der Hand der Schulen. Diese nutzten die einmalige Gelegenheit, um nicht nur sich selbst zu feiern, sondern sich nach außen zu zeigen als eine Bewegung, die trotz ihres einhundertjährigen Bestehens gar nicht angestaubt ist und jede Menge Perspektiven für die Zukunft bietet.

Monatsfeier vor der Alten Oper. Foto: © C. Kusche

Abendgala in der Alten Oper. Foto: © Stefan Pohl

Für die vielen Beteiligten und Besucher war es ein Tag der Superlative, ein Höhepunkt jagte den nächsten. Los ging es bereits am Morgen mit einer hochkarätig besetzten Podiumsdiskussion zum Thema »Das wirtschaftliche Wir« mit Götz Rehn, (Alnatura), Andreas Kaufmann (Leica), Thomas Gutberlet (Tegut), Jona Christians (Sono Motors) und Inke Kruse (Stockmar) moderiert von Steffen Borzner (Landesarbeitsgemeinschaft der Freien Waldorfschulen in Hessen). Die Entwicklung der individuellen Persönlichkeit, Kreativität und Urteilsfähigkeit sowie das Vertrauen in die eigenen Kräfte, das alles nehmen junge Menschen aus ihrer Waldorfschulzeit mit und werden damit in die Lage versetzt, getreu dem Motto »Learn to change the world« ihren Platz in einer immer komplexer werdenden Welt zu finden. Darin waren sich die Anwesenden einig und die Podiumsteilnehmer boten selbst lebendige Beispiele dafür.

Anziehungspunkt nicht nur für Fotofreunde war am Nachmittag die Ausstellungseröffnung und Buchvorstellung #waldorfweltweit. Für das Projekt haben renommierte Fotografen im Auftrag der Leica Camera AG das bunte Leben an Waldorfschulen weltweit portraitiert und daraus in Zusammenarbeit mit den Freunden der Erziehungskunst einen Fotoband gemacht, der in der Alten Oper erstmals vorgestellt wurde.

Im Mozartsaal konnten die Besucher den ganzen Tag über ein buntes Programm erleben, von einer musikalischen Politrevue über das Eurythmie-Märchen »Teufel Grünrock« bis hin zu einem Vortrag über die Anfänge der anthroposophischen Siedlung Loheland, die eng mit der Bauhaus-Bewegung verknüpft war und in diesem Jahr selbst ihr 100jähriges Jubiläum feiert. Die Zaubershow der Frankfurter Waldorfschule rundete das Programm ab und ließ die Zuschauer mit Staunen und Begeisterung zurück.

Aber selbst wer nicht bis in den Mozartsaal kam, dem wurde auf dem Opernplatz und in den Foyers des Hauses eine Menge geboten. Da wurde gebastelt und gesungen, gekostet und gefühlt, gehämmert und Blumenkränze gebunden. Kinder und Erwachsene konnten den Weg vom Korn zum Brot erleben und selbst Mehl mahlen, die Lichtgeschwindigkeit mittels Schokolade in der Mikrowelle ermitteln, beim Steinmetz mit Hammer und Meißel Kunstwerke kreieren und in einem Selfie-Spot erzählen, was sie mit Waldorfpädagogik verbinden oder was sie schon immer einmal loswerden wollten. Am Stand der Freien Waldorfschule Wiesbaden konnte Unterricht zeitgleich traditionell und modern erlebt werden. Formenzeichnen und Bewegungen direkt neben Multimedia-Angeboten auf großen Monitoren – ein spannender Vergleich!

Es gab geschützte Räume mit ganz individuellen Angeboten wie die Jurte, die mehrere heilpädagogische Einrichtungen aufgebaut hatten. Es gab die längste Monatsfeier der Welt, die den ganzen Tag lang auf dem Opernplatz Tausende Besucher begeisterte. Der E-Käfer vom Berufsbildungswerk der Freien Waldorfschule Kassel konnte direkt neben seinem Bruder aus München bestaunt werden. Die Sono-Motors Gründer hatten den Prototyp ihres solargetriebenen Elektroautos Sion dabei.

Höhepunkt des Tages war die große Abendgala im mit 2.200 Plätzen ausverkauften Saal der Alten Oper. Neben einer Eurythmieaufführung und Weltklasseartistik ehemaliger Waldorfschülerinnen erwartete die Zuschauer hier die Uraufführung des Waldorf-100-Songs der Band Hausi’s Finest aus der Freien Waldorfschule Oberursel, für den Waldorfschüler aus aller Welt Strophen ergänzt haben.

Ein weiterer Höhepunkt war die Uraufführung der Lichtoper »Das Wesen der Farbe« des renommierten Licht- und Tonkünstlers Ingo Bracke, der dieses Werk eigens für das hundertjährige Jubiläum entwickelt hat.

Kammer- und Schulorchester der Freien Waldorfschule Frankfurt sowie das knapp 200 Musikerinnen und Musiker zählende Hessenorchester und der 300 Stimmen starke Hessenchor boten außerdem musikalische Unterhaltung auf höchstem Niveau. Nicht zu vergessen die beiden Moderatoren Samuel und Sören, beides ehemalige Waldorfschüler, die mit Witz, Charme und verblüffenden Zaubertricks durch das Programm führten.

Es war ein großartiger, rundum gelungener Tag, der mit seiner positiven Stimmung und den vielen gut angenommenen Angeboten nicht nur den Besuchern Waldorfpädagogik von einer ganz neuen Seite zeigte. Er bescherte auch den hunderten Beteiligten, die seit vielen Monaten darauf hingearbeitet hatten, viele beglückende Momente und erfüllte alle mit einem großen Gefühl der Freude, Gemeinsamkeit und Dankbarkeit. Dieses Gefühl zu bewahren und weiter nach außen zu tragen, die positive Energie zu nutzen, das ist nicht nur Aufgabe im Jubiläumsjahr, sondern weit darüber hinaus. Learn to change the world!

Für Hausi’s Finest hat der Abend noch ein positives Nachspiel. Ihr Waldorf-100-Song hat spontan so begeistert, dass die Band zum bundesweiten Waldorf-Festival nach Berlin eingeladen wurde, um ihn dort im Tempodrom vorzustellen.

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