Ausblick von heute – Rückblick von morgen

Von Elias Götte, Mai 2019

Ein Blick auf das Zeitgeschehen heute zeigt: Wir leben in einer Welt, in der die Komplexität der Herausforderungen auf allen Ebenen rasant zunimmt. Wir sehen uns wachsenden Problemen und Fragen gegenüber, die sich mit althergebrachten Lösungsansätzen nicht mehr bewältigen lassen. Die ökologischen Fragen, die zunehmenden Konflikte zwischen Gesellschaften und die Frage nach der Individualität und Freiheit des Menschen rufen nach Handeln mit Weitsicht und einer neuen Qualität der Verständigung.

Junge Menschen erleben heute eine Welt der Erwachsenen, in der zwar einerseits die Notwendigkeit eines planvollen und konsequenten Handelns mit Weitsicht dringend geboten wäre, tatsächlich aber ein »Fahren auf Sicht«, Orientierungslosigkeit und Verunsicherung um sich greifen. Dies ist auch in Schulen zu beobachten. Hier springt die Kompassnadel abwechselnd auf Digitalisierung, »PISA« oder die sogenannten »wichtigen« Prüfungsfächer derart schnell, dass einem schwindlig werden kann. In der Oberstufe sind orientierungsfördernde und wertebildende Fächer wie Philosophie und das Künstlerische zugunsten der Prüfungsfächer auf ein Minimum reduziert oder gleich ganz abgeschafft worden. Den Maßstab in der Erziehung bilden »wirtschaftsdienliche« Parameter.

Dabei kommen große Zweifel und die Frage auf, ob wir nicht an der Lebenswirklichkeit junger Menschen vorbei erziehen. Ein gedanklicher Rückblick von morgen, ein Betrachten des Jetzigen aus der Zukunft kann vielleicht bei der Klärung dieser Fragen helfen und Orientierung geben: Wie werden wir uns aus einer zukünftigen Perspektive sehen; wie unser Handeln bewerten? Haben wir die Fragen, Herausforderungen und zu entwickelnden Fähigkeiten erkannt und ernst genommen? Haben wir jungen Menschen bei der Entwicklung ihrer Individualität geholfen, ihr Anders-Sein zu pflegen, ihre Stimme zu finden, konsequent zu leben? Oder haben wir sie daran gehindert? Die allgemeinen Bewertungskriterien in Schulen sprechen eine deutliche Sprache. Gut ist, wenn man das macht was verlangt wird. Wenn man das sagt und denkt, was vorgegeben wurde. Aber, wollten wir nicht zur Freiheit erziehen und »…in Freiheit entlassen? Fordert das nicht diese Maßstäbe: Kreativität, die Fähigkeit zur Imagination, Hilfsbereitschaft und Mut zur Veränderung?

Die Lebenswirklichkeit Jugendlicher sieht im Moment so aus: sie haben es offensichtlich erkannt, dass die Situation des Menschen und die der Erde nach Veränderung und zum Handeln ruft. Weil wir es nicht tun, stellen sie nun die »wichtigen« Fächer freitags einfach selbst hinten an und zeigen was uns Erwachsenen fehlt: Geistesgegenwart und Mut zur Veränderung. Ich möchte etwas tun! Ist häufig ihr spontaner Impuls; ich möchte die Herausforderungen annehmen, mich beteiligen am Zukünftigen! Und da tauchen auf einmal ernste Gegenwartsfragen auf: wie und wo kann ich mich sinnvoll einbringen? An welcher Zukunft möchte ich mitgestalten? Fragen die man seltener in der Schule hört, deren Beantwortung irgendwo hinter dem Horizont liegt, bei deren Erkundung man sich auf unbekanntes Gebiet wagen muss, in den Raum des noch Ungeborenen hinein: Wer bin ich? Wer werde ich sein? Wer will ich sein? Auf dieser Reise wird man Grenzen – auch die des eigenen sicheren Terrains -wahrnehmen und überschreiten müssen.

In der Überwindung von Grenzen, liegt eine der großen Herausforderungen unserer Zeit: werden wir es schaffen, die Kluft zwischen Individuum und der Welt, zwischen Ich und Du zu überschreiten und zu überbrücken? Werden wir »über-setzen« lernen zum Anderen, zum Fremden; werden wir die Grenzzonen zum Fremden als den Ort der Entstehung von Neuem feiern und verstehen lernen? Werden wir lernen zuzuhören? 

Der Zustand unserer menschlichen Umwelt wie der der Natur legt Zeugnis davon ab, dass wir zu wenig von dieser wahrnehmen, dass wir uns durch ein in der Tendenz monologisches Denken und Handeln, in eine Wahrnehmungskrise manövriert haben. Die Fragen vor denen wir heute stehen, sind nicht im Monolog zu lösen, ihre Lösung ruft nach Dialog, nach einem anderen Welt-Verständnis, einem anderen »sich in der Welt verstehen«. So ist die Situation ein Aufruf und die Chance zur Wende, eine, in der wir als Voraussetzung zur Wahrnehmung zunächst die Haltung des Hörenden, des Fragenden einnehmen, selbst stiller werden. Im Zustand des Still seins wird es erst möglich sich selbst und die gegenwärtig wirksamen Herausforderungen wahrzunehmen. Es ist ein Zustand des Wachseins und höchster Sensibilität. Er ermöglicht den Ausblick auf das zukünftig Wichtige und kann zum Ausgangspunkt eines planvollen und wirksamen Handels werden. 

Im Raum Freiburg haben sich Künstler, Waldorflehrer und -schüler, Philosophen und Naturwissenschaftler im Verein TakepArt e.V. zusammengetan um einen konsequenten Vorstoß in diese Richtung zu unternehmen. Hierzu wurde das künstlerische Tagungsprojekt »Z« ins Leben gerufen. Neben dem Denken wird vor allem das Tun in den künstlerischen Bereichen (Musik, Tanz Objektkunst und Schauspiel) zur Geltung kommen; im Künstlerischen, weil hier die Resonanz, das Dialogische als Voraussetzung und Bedingung zugrunde liegen. Das Projekt richtet sich an Jugendliche und Erwachsene. Start ist der 5. September 2019.

Anmeldeschluss ist der 31. Juli. Mehr Informationen unter www.take-part.info.

Wir werden das Künstlerische begleitet von Philosophie und Naturwissenschaft kompromisslos in den Vordergrund stellen. 

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