Die große Jubiläumswaldorfshow im Tempodrom

Von Mathias Maurer, September 2019

Auf diesen Tag hat die Waldorfwelt hingefiebert: 19. September 2019, Tempodrom, Berlin.

Fotos: © Kati Jurischka

Über 30 Beiträge von Waldorfschulen aus über 20 Ländern, präsentiert in drei dicht gepackten Abschnitten: vormittags »See the World«, nachmittags »Love the World«, abends »Change the World« – eine mit über tausend Akteuren aus aller Welt besetzte Ganztages-Monatsfeier, ein Augen- und Ohrenschmaus für rund 3.000 Gäste, eine beeindruckende Präsentation, was diese Schulart künstlerisch leistet, ob in Australien oder Kleinmachnow, in Japan oder Windhoek, in Spanien oder Erftstadt, in den Vereinigten Staaten oder Chengdu. Es gibt – eigens für das Festival zusammengestellt – einen Chor und ein Sinfonieorchester der Berliner Waldorfschulen, Eurythmie von Schülern und Studenten aus Flensburg, Witten, Stuttgart, Berlin und Alfter, Ausschnitte aus den Musicals »Hair« und »Les Miserables«, Klompen- und Lichtkugeltanz, Flötenmusik und Trommelklänge, Zirkusartistik und Stabreime aus der Kalevala. Unter Kora-Klängen entfaltet die fünf Meter hohe Lichtdraht-Puppe »The gentle giant of light« ihre eigene technische Magie. »Hausi´s Finest« mit »66 Nations« und Jan Wiebe mit »Waldorf war gut für mich« – zu regelrechten Waldorfhits avanciert – dürfen auch hier nicht fehlen.

Es folgt ein dichte Abfolge persönlicher Statements zum Stand und zu den zukünftigen Herausforderungen der Waldorfpädagogik. Janis McDavid, ehemaliger Waldorfschüler, dem ab Geburt Arme und Beine fehlen, heute als UNICEF-Botschafter und Motivationsredner weltweit unterwegs, spricht darüber, wie ihn trotz seiner extremen Behinderung selbst der Machu Picchu nicht stoppen kann. Der Grünen-Politiker Çem Özdemir fordert, an die Anfänge der Waldorfschule als Arbeiterschule erinnernd, dass Waldorfschulen Schulen für alle Kinder sein sollten, für Kinder von Hartz IV-Empfängern und für Kinder von Chefärzten – damit sie »Freunde fürs Leben« werden – und hebt besonders die interkulturellen Waldorfschulen als begrüßenswerten zukünftigen Impuls hervor. Überaus engagiert ist Monique Brinson, Leiterin der »Community School of Creative Education«, einer Brennpunktschule in Oakland, die sich für eine verstärkte Öffnung der Schulen für sozial Benachteiligte einsetzt. Florian Osswald von der Pädagogischen Sektion am Goetheanum fragt im Blick auf die nächsten hundert Jahre nach dem Risiko- und Erneuerungspotenzial der Waldorfschulen und ermuntert, »Unmögliches zu wagen«. Es sprechen Waldorfpioniere wie Victor Mwai Wahome aus Kenia und der bekannte Kinderarzt Remo Largo mit dem Filmemacher Paul Zehrer zum Thema Digitalisierung. Der ehemalige Grünen-Politiker und Leiter der Sozialwissenschaftlichen Sektion am Goetheanum, Gerald Häfner, fordert die gleiche Finanzierung für freie Schulen. Christoph Wiechert, ehemaliger Leiter der pädagogischen Sektion am Goetheanum, erinnert an die vielen verstorbenen Pioniere, die die Waldorfschulbewegung weltweit vorangebracht haben, während Nana Göbel von den »Freunden der Erziehungskunst Rudolf Steiners« an dessen Intention, einen Weltschulverein zu begründen, anknüpft: »Wir können nur dann die Welt verändern, wenn wir uns versprechen, Beziehungen zu stiften und weiter zusammenzuarbeiten.« Philipp Reubke von der internationalen Waldorfkindergartenvereinigung setzt dabei vor allem auf das kleine Kind, das die kreativen Freiräume, das »Unfertige und Unverstandene« für seine Entwicklung braucht, während die Waldorfpädagogik – »ein Geschenk mit hundertjährigem Haltbarkeitsdatum«, so die junge Überlinger Klassenlehrerin Regine Ott –, ohne Anthroposophie nicht denkbar sei; es dürften von den Schulen nicht zu viele Kompromisse und Abstriche gemacht werden. Jost Schieren, Bildungswissenschaftler von der Alanus Hochschule, greift die von Kritikern in vielen Zeitungsberichten nahegelegte Verabschiedung von Rudolf Steiner und dessen Menschenbildes auf und hält diesen ein Zitat des Philosophen Georg Picht entgegen, um das der Waldorfpädagogik zugrundeliegende Wissenschaftsverständnis zu verdeutlichen: »Eine Erkenntnis, die sich dadurch bezeugt, das sie das, was erkannt werden soll, vernichtet, kann nicht wahr sein.« Schließlich zwei junge Vertreterinnen der Waldorf-SV und der »Demokratischen Stimme der Jugend«, die der auch an Waldorfschulen vorhandenen Prüfungsangst das Motto »Stell Dir vor, es ist Schule und alle gehen (gerne) hin!« entgegenhalten.

Dann ein Jubel aus der Südkurve: Schüler aus der Greifswalder Waldorfschule treffen mit ihrem Drachenboot nach 400 Kilometern in Berlin ein und übergeben das Holz des grenzüberschreitenden, 70.000 Kilometer langen Staffellaufes, an dem sich über 4.000 Schüler – auf Schusters Rappen, auf Eseln, vom Ein- bis zu Rennrad –beteiligt haben.

Henning Kullak-Ublick, der mit seinem Hamburger Öffentlichkeitsteam diese Mega-Show in vierjähriger Vorarbeit auf die Bühne stemmte, lenkt den Blick vom schönen Schein auf die Bretter der politischen Realität und stellt die »7 Kernforderungen« des Bundes der Freien Waldorfschulen an die Bildungspolitik vor. Die freien Schulen dürften nicht länger durch zu geringe öffentliche Zuschüsse in eine private Ecke abgeschoben werden, sondern müssten als Teil des öffentlichen Schulwesens eine angemessene finanzielle Absicherung erfahren. Nur so könnten Eltern von ihrem Wahlrecht Gebrauch machen. Dazu gehörten eine echte Chancengleichheit unabhängig von der Finanzkraft der Elternhäuser, das Recht auf selektionsfreie Bildung und das Recht auf eine Bildung, die mehr als ein Prüfungs- und Berechtigungswesen darstelle.

Diese Forderungen werden von einer tags zuvor vorgestellte Studie, einer bundesweiten Befragung von über 2.000 Eltern von schulpflichtigen Kindern, bestätigt: Viele Erwartungen der Eltern an die Schule und Schulbildung im gegenwärtigen System werden demnach nicht erfüllt. Vor allem wünschen sich die Eltern mehr Schulvielfalt und eine freie Schulwahl ohne Zusatzkosten, das heißt, der Staat sollte bei der Finanzierung staatlicher und freier Schulen keinen Unterschied machen. Mehr als die Hälfte der Eltern würden dann ihr Kind auf eine freie Schule schicken. Zudem sprechen sie sich klar gegen Noten und feste Lehrplane aus und fordern die individuelle und kreative Förderung ihrer Kinder.

So wie man im öffentlichen und politischen Raum nicht mehr umhinkommt, den Erfolg der Waldorfschulen zumindest anzuerkennen, so wird es jetzt darauf ankommen, den »7 Kernforderungen« mit Nachdruck politisches Gewicht zu verleihen. Dann ist vielleicht doch bald die Zeit reif für die Einführung eines Bildungsgutscheins für alle.

Buchtipp zur Elternumfrage: Heiner Barz (Hrsg.): Bildung und Schule – Elternstudie 2019. Einstellungen von Eltern in Deutschland zur Schulpolitik, Münster 2019

Filmtipp zum Waldorffestival in Berlin: Livestream aller drei Aufführungsteile (insgesamt knapp neun Stunden) auf: https://www.waldorf-100.org/livestream-aufzeichnung/

Film von Paul Zehrer zum Thema Digitalisierung (in Vorbereitung): »Digital rEvolution« (Trailer: https://vimeo.com/359190179)

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