Erstmal Ritalin, dann sehen wir weiter

Juli 2018

Gemäß der neuen ärztlichen Leitlinie zu ADHS soll die medikamentöse Therapie mit dem Wirkstoff Methylphenidat (z.B. Ritalin® u.a.) schon bei Kindern mit mittelschweren Symptomen beginnen. Neben dem Einsatz der genannten Medikamente, sollen begleitend Verhaltenstherapie und Psychoedukation, also zum Beispiel Elterntrainings oder Interventionen, verordnet werden. Kinder im Vorschulalter sowie Kinder mit leichter Symptomatik sollen nach wie vor vorrangig verhaltenstherapeutisch behandelt werden.

Leitlinien als Orientierung für Ärzte

Grundsätzlich sollen Leitlinien den neuesten Stand der Wissenschaft abbilden und den behandelnden Ärzten entsprechende Therapieempfehlungen geben. »Wahrscheinlich wird sich in der Praxis für Kinder und Eltern gar nicht mal so viel ändern«, sagt Dr. Christoph Meinecke, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin und Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeut. »Es ist schon heute so, dass viele Ärzte bei ADHS Medikamente verschreiben, auch wenn die Krankheit nicht so stark ausgeprägt ist. Durch die neue Leitlinie wird diese Praxis nun quasi ›offiziell‹ gemacht. Banal ist das natürlich trotzdem nicht. Denn die neue Leitlinie ist eine Kapitulation davor, dass wir den betroffenen Kindern ohne Medikamente überhaupt noch gerecht werden können.«

Was ist (noch) normal?

So ruft die neue Leitlinie nicht wenige Kritiker auf den Plan. Schon heute kritisieren viele Experten, dass Medikamente zu vorschnell verordnet werden. Zumindest bei einem Teil der Kinder seien eher Überforderung und Stress für Verhaltensauffälligkeiten verantwortlich, zum Teil seien diese im Rahmen der kindlichen Entwicklung auch normal.

»Um es kurz zu machen: Eine optimale pädagogische Begleitung ersetzt (in den allermeisten Fällen) Ritalin & Co. Es gibt nur wenige Kinder, deren Problematik so stark ist, dass man ihnen Psychopharmaka geben muss. In der Realität müssen wir uns aber auch eingestehen, dass das Umfeld eben pädagogisch oft nicht optimal funktioniert. Was wir brauchen, sind Therapien, Elterntrainings, Zusammenarbeit mit Lehrern und Erziehern, um ADHS ohne Medikamente gut zu behandeln. Und vielleicht noch wichtiger: In unserer Gesellschaft ist die Bereitschaft, den Kindern Entwicklungsräume zu geben, oft nicht vorhanden. Dabei wünschen wir uns ja alle, dass Kinder eine gesunde Selbstwirksamkeit ausbilden und lernen, sich selbst zu regulieren«, ergänzt Meinecke.

Problemfall Schule?

»Wir leben in einer Zeit, in der Kinder einem hohen Anpassungsdruck ausgesetzt sind, was sich eben auch im Verhalten zeigt«, meint auch Stefan Schmidt-Troschke, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin sowie geschäftsführender Vorstand von GESUNDHEIT AKTIV e. V. »Am meisten müssen sich Kinder und Jugendliche in der Schule anpassen. Stimulanzien werden heute schon in der 2. und 3. Klasse verordnet, also dann, wenn es um die Vorbereitung auf die höhere Schule geht. Gleichzeitig haben viele Eltern Angst, dass ihre Kinder den Anschluss verlieren könnten und damit Entscheidendes für das ganze Leben verpassen. Es ist doch paradox: Die Menschen werden dem Bildungssystem angepasst und nicht das Bildungssystem an die Bedürfnisse der Menschen!«

Dass es auch anders geht, soll die Konferenz »EduHealth Summit« am 25. Oktober 2018 in Mannheim zeigen – dort wird diskutiert werden, was es braucht, damit Bildung nicht krank macht.

Der EduHealth Summit – Konferenz für gesunde Bildungswelten – findet am 25. Oktober 2018 in Mannheim im Vorfeld des EduAction Bildungsgipfels statt. Die Konferenz wird veranstaltet von GESUNDHEIT AKTIV e. V. und dem Berufsverband der Präventologen e. V. in Kooperation mit dem Bund der Freien Waldorfschulen.

Mehr Infos zu Programm, Referenten und Anmeldung finden Sie hier.

Zu ADHS gibt es eine Broschüre von GESUNDHEIT AKTIV

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