Verfassungsrichter für radikalen Umbau des deutschen Bildungswesens

Dezember 2011

Für einen radikalen Umbau des deutschen Bildungswesens plädiert in der heutigen FAZ der Bundesverfassungsrichter Johannes Masing. Er kritisiert die Früheinschulung, die Verkürzung der Gymnasialzeit und die Bolognareformen.

29.12.2011. (lr) Das deutsche Bildungssystem »ist zu sehr auf Wissen und zu wenig auf Verstehen angelegt. Es muss daher tiefgreifend reformiert werden – und zwar weithin in einer Richtung, die der bisherigen entgegengesetzt ist«, so Masing. Ähnlich wie einst Schiller, diagnostiziert Masing, dass in unserer Gesellschaft Wissen und Handeln immer mehr auseinanderfallen, dass Spezialistentum und Partikularisierung auf dem Vormarsch sind. Die Welt, in der wir leben, wird in rasantem Tempo komplexer, die neuen Kommunikationstechnologien treiben die Fragmentierung des Wissens und der Gesellschaft zusätzlich voran. Was bei dieser Entwicklung verloren zu gehen droht, ist der Zusammenhang und Zusammenhalt, von dem die Demokratie lebt. Eine freiheitliche Gesellschaft, so Masing, beruht nicht auf gemeinsamem Wissen, sondern auf gemeinsamem Verstehen. Dieses gemeinsame Verstehen wird nicht durch »eindimensionale Effizienzkriterien« oder »ökonomische Nützlichkeitserwägungen« erreicht, sondern durch ein Schulwesen, »das allen Schülern unabhängig von ihrer Herkunft eine gute Ausbildung ermöglicht und der Ghettoisierung stärker als bisher entgegenwirkt«.

Die jüngsten Reformen von Gymnasium und Hochschulen verkürzen dagegen Bildung auf Wissensvermittlung, sie wollen die Bildungssysteme effizienter machen, »nivellieren« aber die europäischen Bildungssysteme »nach unten«. Die Kinder werden früher eingeschult, »in Lehrpläne gepresst, deren möglichst quantifizierbare Erfüllung durch Tests abgefragt wird.« Die Verkürzung der Gymnasialzeit verstärke die einseitige Ausrichtung des Bildungswesens auf quantifizierbare Wissensaneignung. »Nutzlose« Fächer blieben auf der Strecke, aber auch die Vertiefung des angeeigneten Wissens. Auch der Lehrbetrieb der Bologna-Universitäten fördert laut Masing nicht die Eigenständigkeit oder Freiheit des Geistes. Stattdessen »jagen« die Studenten »nach Punkten und Noten«. Eingeübt werde durch dieses effizientoptimierte Bildungssystem ein »Zweckdenken«, »das auf dem Weg des geringsten Widerstandes unter optimaler Ausnutzung des Kurzzeitgedächtnisses« die größtmöglichen Wirkungen im Konkurrenzkampf zu erreichen suche.

Gerade wenn das Studium nach der Intention der OECD eine »berufsvorbereitende Massenveranstaltung« sein soll, kann es sich nicht mehr auf die Vermittlung von Fachwissen beschränken, sondern muss darauf abzielen, »Verstehen« einzuüben.

Masing plädiert für »Entschleunigung«, »Freiräume« und »Flexibilität«. Sie sind nach seiner Ansicht Voraussetzung für »Kritikfähigkeit«, »Eigeninitiative« und »Innovation«. In der Folge würden sich die Ausbildungszeiten wieder verlängern, aber die Alternative sind kurzatmige Fachidioten ohne tiefer greifenden Verstehenshorizont, die nach wenigen Jahren Berufspraxis ausgebrannt sind.

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