Waldorfschulen: Mehr Mittel für Lehrerbildung und Beratung bei Flüchtlingsklassen

November 2015

Wichtige Weichenstellungen für die Waldorflehrerbildung sowie die Aufnahme von Flüchtlingskindern an Waldorfschulen sind auf der Mitgliederversammlung des Bundes der Freien Waldorfschulen (BdFWS) am Wochenende in Kassel erfolgt. Thema war außerdem ein Vorblick auf das 100-jährige Jubiläum der Waldorfschule im Jahr 2019.

»Das 100-jährige Jubiläum ist alles andere als ein nostalgischer Rückblick – hier geht es um die Herausforderungen für die Zukunft. Wie kann der Impuls, der 1919 mit der Gründung der ersten Waldorfschule seinen Anfang nahm und heute weltweit wirksam geworden ist, lebendig erneuert werden? Was bedeutet er für das 21. Jahrhundert?« formulierte BdFWS-Vorstandssprecher Henning Kullak-Ublick den Tenor der Veranstaltung. In nahezu allen Themen, die die Mitgliederversammlung der Waldorfschulen zu beraten hatte, war immer wieder von »Gesten, die in die Zukunft reichen«, die Rede und auch davon, dass von der Waldorfschulbewegung Neues gewagt werden müsse. 

Ein erheblicher Programmteil der Versammlung galt der Frage, wie die Ausbildung der WaldorflehrerInnen, die die Waldorfschulen selbst auf der Basis ihrer Elternbeiträge bestreiten, in den kommenden fünf Jahren sichergestellt werden kann. Die Mitgliederversammlung beschloss dazu mit überwältigender Mehrheit einen Rahmenplan, durch den ein zusätzliches Finanzvolumen von 2,6 Mio. EUR bis zum Schuljahr 2019/20 in die Waldorflehrerbildung fließen soll. Im laufenden Haushaltsjahr sind dafür 9,8 Mio. EUR veranschlagt, sie kommen zu 88 Prozent den Vollzeitseminaren der Waldorflehrerbildung zugute. 

Der neue Rahmenplan für die Waldorflehrerbildung war in einem umfangreichen Beratungsprozess entwickelt worden, an dem auch Vertreter der Regionen, der Seminare und der Eltern beteiligt waren. Ein rund 30 Personen umfassendes Kompetenzteam hatte dazu mehrfach getagt und einen externen Prozessbegleiter einbezogen. Diese professionelle und gründliche Vorbereitung des Entscheidungsprozesses wurde von der Versammlung ausdrücklich gelobt. Auch für weitere anstehende Grundsatzfragen könne er als Vorbild dienen, betonte BdFWS-Vorstandsmitglied Hans Hutzel. Der Rahmenplan sieht einen Ausbau der berufsbegleitenden und schulpraktischen Waldorflehrerbildung vor, außerdem werden die Vollzeitseminare in Stuttgart, Witten und Mannheim freie Mittel einwerben, so dass sich ihr Bedarf an Zuschüssen reduziert. Ein weiterer Schwerpunkt soll in der verstärkten Gewinnung und Ausbildung der OberstufenlehrerInnen liegen. Für die Region Mitte-Ost, d.h. die neuen Bundesländer, sollen erhebliche Mittel zur Etablierung eines Zentrums für Waldorfpädagogik mit eigenen Ausbildungsoptionen bereitgestellt werden. Außerdem wurde eine Verbesserung der finanziellen Situation der Eurythmieschulen beschlossen. Die Zuschüsse, die die Waldorfschulen in die Lehrerbildung einbringen, erhöhen sich durch den Beschluss inflationsbereinigt um rund 6 Prozent jährlich bis 2019/20. 

Die verstärkte Förderung der berufsbegleitenden Ausbildungsstätten, von denen es insgesamt 25 in Deutschland gibt, bedeutet für den BdFWS einen »Paradigmenwechsel« in der Finanzierung der Lehrerbildung, da die berufsbegleitenden Ausbildungen sich bisher allein durch Studiengebühren finanzieren mussten. 

Da sich zunehmend mehr Waldorfschulen für die Aufnahme von Flüchtlingskindern interessieren, hat der BdFWS in Zusammenarbeit mit der international tätigen Waldorforganisation »Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners« eine Koordinations- und Beratungsstelle mit Sitz in Karlsruhe eingerichtet. Hier sollen die Erfahrungen aus der Notfallpädagogik einfließen, die von den »Freunden« und »stART international« maßgeblich entwickelt wurde und in den letzten zehn Jahren in zahlreichen Krisenregionen der Welt zum Einsatz kam. Sie unterstützt Betroffene bei der Be- und Verarbeitung traumatischer Erfahrungen, um Spätfolgen wie die Entwicklung einer Posttraumatischen Belastungsstörung zu vermeiden oder zumindest zu verringern. Vor diesem Hintergrund ermutigte der Arzt und Buchautor Dr. Martin Straube in seinem Vortrag zum Thema »Willkommensklassen – was erwartet uns?« die anwesenden VertreterInnen der Waldorfschulen dazu, sich der Aufgabe der Beschulung der Flüchtlingskinder zu stellen. Die Waldorfpädagogik habe das Potenzial dazu. 

Zum 100-jährigen Jubiläum der Waldorfschulen 2019 wurden in Kassel erste Ideen vorgestellt. Bei den geplanten Aktivitäten solle insbesondere deutlich werden, so BdFWS-Vorstandsmitglied Stefan Grosse, dass die Waldorfpädagogik ein »weltumspannender Impuls« ist. 

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