Corona und kein Ende

Von Albrecht Schad, Christof Wiechert, Henning Kullak-Ublick, April 2021

Vor einem Jahr haben die Waldorfschulen weltweit ihr 100-jähriges Bestehen gefeiert. Das Schuljahr 2019/20 war von vielen und erfolgreichen Aktivitäten charakterisiert und die Öffentlichkeit hat den runden Geburtstag überwiegend wohlwollend und positiv begleitet.

Aufgrund der Corona-Pandemie wurden am 17. März 2020 die Schulen in Baden-Württemberg wegen des ersten Lockdowns geschlossen, zum ersten Mal seit über 70 Jahren. Ein sehr einschneidendes Ereignis. Seitdem wirbelt die Pandemie alles durcheinander, kein Stein bleibt auf dem anderen.

Interessanterweise steht das heutige Geschehen in einem zeitlichen Zusammenhang mit dem Gründungsgeschehen der ersten Waldorfschule in Stuttgart. Damals handelte es sich ebenfalls um eine Pandemie, verursacht durch die Spanische Grippe. Es hat über zehn Jahre gedauert, bis das Grippe-Virus als Ursache identifiziert werden konnte. Damals starben weltweit über 20 Millionen Menschen. Das damalige Kriegsgeschehen hatte seinerzeit dieselbe Funktion, wie heute die großräumige Reisetätigkeit, die heute das Corona-Virus weltweit verbreitet hat.

Das Ende des Ersten Weltkrieges hinterließ ein zerstörtes Europa. Es ging vielen Menschen sehr schlecht, und es stellte sich in vielen Lebensbereichen die Notwendigkeit, das Leben neu zu gestalten. In der kleinen Schrift Die Erziehung des Kindes vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft sprach Rudolf Steiner von Zeitfragen, von Zeitforderungen wie etwa die Frauenfrage, Erziehungs- und Schulfragen, Gesundheitsfragen, Rechtsfragen usw. (Steiner R.  GA 34, S. 309). Aus dieser Wahrnehmung der Nöte der Zeit heraus ist die Waldorfschule gegründet worden.

Wo sah Steiner Möglichkeiten, Reformideen zu entwickeln, die fruchtbar und praktisch werden können? Er sah sie in der Geisteswissenschaft. Steiner legte Wert darauf, dass es dabei nicht um das Formulieren von Idealen gehe, sondern um eine konkret praktische Weltauffassung (vgl. GA 34 S. 310). Natürlich hat Steiner aus Idealen heraus gesprochen und natürlich versuchen wir auch heute unsere Ideale zu verwirklichen. Aber die schönsten Ideale sind unfruchtbar, wenn sie nicht auf den Boden kommen. Es verändert in der Welt nichts zum Positiven, wenn man schöne Ideale formuliert, am besten noch für andere, sie aber nicht selber verwirklicht.

Steiner hat damals für die zu gründende Waldorfschule nicht Maximalforderungen gestellt. Er hat zum einen aus den Idealen heraus gesprochen und zum anderen ist er aktiv und positiv mit den durchaus widrigen äußeren Forderungen seiner Zeit umgegangen. Am Vorabend des Kurses zur »Allgemeinen Menschenkunde« am 20. August 1919 drückte er das so aus: »Kompromisse sind notwendig, denn wir sind noch nicht soweit, um eine wirklich freie Tat zu vollbringen. Schlechte Lehrziele, schlechte Abschlussziele werden uns vom Staat vorgeschrieben« (GA 293, S. 13). Und dann weiter: »Wir werden einem harten Kampf entgegen gehen und müssen doch diese Kulturtat tun. Zwei widersprechende Kräfte sind dabei in Einklang zu bringen. Auf der einen Seite müssen wir wissen, was unsere Ideale sind, und müssen doch die Geschmeidigkeit haben, uns anzupassen an das, was weit abstehen wird von unseren Idealen. Wie diese zwei Kräfte in Einklang zu bringen sind, das wird schwierig sein für jeden Einzelnen von Ihnen. Das wird nur zu erreichen sein, wenn jeder seine volle Persönlichkeit einsetzt.« (GA 293, S. 14).

Heute sind wir in vielfacher Weise in einer ähnlichen Situation.

Und wenn wir in die über 250 Schulen in Deutschland schauen, dann wagen die Kolleginnen und Kollegen in den Schulen jeden Tag diesen Spagat zwischen den eigenen Idealen und den äußeren Anforderungen, der in der Tat schwierig und manchmal kaum auszuhalten ist. Das ist das »Ethos des Lehrers«. Im Jahresbericht des Bundes der Freien Waldorfschulen von 2020 war zu lesen: »Die allermeisten unserer Lehrer:innen haben sich während dieser monatelangen Ausnahmesituation unendlich viel Mühe gegeben, um mit viel Fantasie und Mehrarbeit das Beste für die Kinder und Jugendlichen zu tun, ihnen Anregungen für eigenes Lernen und neue Erfahrungen zu geben, den Kontakt zu ihnen zu halten und Waldorfpädagogik außerhalb der gewohnten Bahnen zu verwirklichen, auch mithilfe digitaler Technologien. Das ist die eigentlich wichtige Nachricht – überschattet von der Lautstärke der Besserwisser«

Die meisten dieser Besserwisser unterrichten gar nicht und haben es vielfach auch noch nie getan. Aber sie erteilen den Waldorfschulen ungefragt öffentlich Ratschläge. Es werden hehre Ideale verkündet, die andere befolgen sollen. Hört auf damit, die Besserwisser zu geben! Hier werden nur die Kämpfe der Vergangenheit gekämpft: »Wir hier drinnen, ihr da draußen«. Nein, wir arbeiten heute transparent und kompetent mit allen gesellschaftlichen Strömungen zusammen und suchen den wechselseitigen Dialog. Die schlichte Unterscheidung zwischen »spirituell« und »materialistisch« ist verführerisch, aber völlig unfruchtbar. Sie spaltet, statt zur Verständigung beizutragen und sie verdeckt nicht selten die eigene Unfähigkeit, aus übernommenem Offenbarungswissen selber einen substanziellen und praktischen Lösungsvorschlag zu erarbeiten. Wir sollten zeigen, dass wir engagiert Probleme lösen können, und nicht, was wir alles glauben, besser zu wissen. Diese Arbeitsteilung aber ist gerade schlecht. Das erstere machen die Kolleginnen und Kollegen jeden Tag praktisch und im Stillen in den Schulen. Das letztere intonieren ungefragt einige, die die reine Lehre vertreten, oder das zumindest vorgeben, aber in keinerlei praktischer Arbeit an Schulen stehen.

Ja, der Spagat ist gerade sehr groß. Aber wir leben in einem demokratischen Land mit demokratisch gewählten Regierungen. Die Schulen unterstehen wie wir alle den rechtlichen Vorgaben. Im Moment verwechseln aber zu viele das Geistesleben mit dem Rechtsleben. Es ist nicht die Aufgabe der Schulen, anderen Ratschläge zu erteilen. Unsere Aufgaben könnte man abschließend wie folgt formulieren: »Im Allgemeinen erlebt man den Ausdruck »zwischen zwei Stühlen sitzen« als nicht sehr positiv. Jetzt hat dieser Ausdruck einen großen Reiz: Erzieher und Pädagogen sollten sich in ihrem Urteil bezüglich der Pandemie und aller eingeforderten Maßnahmen gerade zwischen die Stühle setzen, damit sie den Kindern, Schülern und Eltern das bieten, wozu sie da sind: unter allen Umständen guten und noch besseren Unterricht.«

Literatur: H. Kullak-Ublick: Öffentlichkeitsarbeit vor und im Corona-Jahr. In: Bund der Freien Waldorfschulen, Jahresbericht 2020. | A. Schad, Albrecht: Gründungsimpulse und die Zukunft der Waldorfschule. In: Rundbrief der Pädagogischen Sektion am Goetheanum, Ostern 2018, Nr. 63. | R. Steiner: Die Erziehung des Kindes (GA 34) | R. Steiner: 7. Vortrag vom 12.12. 1918 (GA 186) | R. Steiner: Allgemeine Menschenkunde (GA 293) | Chr. Wiechert: Unterricht in schwierigen Zeiten oder das Ethos des Lehrens. In: F. Schmidt, T. Zdrazil: Die Waldorfschulen auf dem Weg durch die Corona-Krise, Beilage Erziehungskunst, April 2021

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