Erklärung der Bundeselternkonferenz im Bund der Freien Waldorfschulen zur Corona-Krise

Juni 2020

Mit Sorge betrachten wir die derzeitige Situation in den Schulen und Familien. Die außerordentliche Belastung der Familien und die auf reine Wissensvermittlung und Krisenorganisation reduzierte Lehrtätigkeit an vielen Schulen erfordert ein sensibles und zuverlässiges Vorgehen in den Planungen für die kommenden Monate.

Uns ist bewusst, dass die Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie großen dynamischen Schwankungen unterliegen, die eine längerfristige Planbarkeit des Unterrichts für die Schulen in Deutschland erschweren. Dabei müssen oder sollen die Kollegien und Krisenstäbe an den Schulen jeden Tag neue Wunder vollbringen und gehen mittlerweile oft über die Grenze der Belastbarkeit hinaus. Die Kombination von Präsenz- und Fernunterricht erlegt den Lehrkräften zusätzliche Arbeitsstunden auf, die in vielen Fällen noch durch vermehrte Konferenz- und Krisenstabarbeit ergänzt werden. Gleichzeitig müssen die Waldorfschulen zu einem großen Teil auf den so wichtigen Bereich im Musisch-Künstlerischen entweder ganz verzichten oder die Unterrichtsinhalte so verbiegen, dass sie den einzuhaltenden Vorgaben entsprechen können.

An dieser Stelle möchte sich die Bundeselternkonferenz ausdrücklich bei allen Lehrkräften und Mitarbeitern an den Waldorfschulen bedanken, die täglich versuchen, den Schülern ein Stück Normalität und Stabilität im Schulleben zu geben und einen ganzheitlich angelegten Unterricht nicht aus dem Bewusstsein verlieren, wenngleich Abstandsregelungen derzeit eine entsprechende Umsetzung nahezu unmöglich machen.

Was für die Schüler anfangs noch neu und vielleicht auch ein bisschen spannend war, gerät nun, zum Ende des Schuljahres, in eine Stimmung, die es, gerade in Bezug auf die jüngeren Schüler, den Lehrkräften immer schwerer macht, den Kontakt zu halten und nicht entgleiten zu lassen. Präsenzunterricht, der nur ein- oder zweimal in der Woche stattfindet, kann nicht die tägliche Begegnung ersetzen und für einen eigentlich im Waldorflehrplan vorgesehenen Tag/Nacht- Rhythmus keine Grundlage sein.

Die Eltern, gerade der jüngeren Kinder, sind ebenfalls an ihre Grenzen gekommen, Homeschooling, 24-Stunden-Betreuung und die eigene Berufstätigkeit unter einem Hut zu halten. Die Erschöpfung äußert sich mittlerweile nicht selten in Unmutsbezeugungen gegenüber der Handhabung in den Schulen und in den Regierungen oder in Resignation.

Ein bundeseinheitliches Maßnahmenbild ist nicht zu erkennen. Wo in dem einen Bundesland Abstandsregelungen aufgehoben werden, werden sie anderswo zur Farce, wenn gleichzeitig der Besuch von Schwimmbädern oder anderen Gemeinschaftseinrichtungen, sowie Spiel und Sport wieder gestattet werden und die Schüler in vollen Bussen und Bahnen zur Schule kommen müssen. Die in den Regionen unterschiedlich erlassenen Maßnahmen verstärken darüber hinaus das Ungleichgewicht der Bildungsmöglichkeiten unserer Kinder.

Davon abgesehen, weiß niemand, welche Folgen die letzten Monate für die seelische Entwicklung der Kinder und Jugendlichen haben werden. Selbst ein Präsenzunterricht in der Schule kann in dieser Zeit kaum ein »normaler Unterricht nach Plan« sein, wenn die Kinder da abgeholt werden sollen, wo sie sind: Mit ihren Ängsten, ihrem Redebedürfnis oder Bewegungsdrang und vor allem in den fehlenden Sozialkontakten mit den Mitschülern.

Derzeit kann es noch keine Rückkehr zur Normalität geben und wir werden uns wohl alle auf weiter bestehende Einschränkungen einstellen müssen. Was die Schulgemeinschaften jetzt brauchen ist eine zuverlässige und nachvollziehbare Planbarkeit für die Zeit nach den Sommerferien und Kreativität in der Umsetzung neuer Prozesse. Vor allem müssen Pädagogen und Eltern auf allen Ebenen in die Entscheidungsprozesse mit eingebunden werden. Wie sehen hier auch eine Chance, aus der Krise heraus gemeinsam mutige Wege zu finden und damit die Schulgemeinschaften zu stärken.

Kontakt: anke.pasternak(at)bundeselternkonferenz.org

Alle Nachrichten in dieser Kategorie

Die Virus-Väter

Robert Koch und Rudolf Virchow. Ein Plädoyer für Sozialmedizin. [mehr]

Zur seelischen Bewältigung der Coronakrise

Eine Geschichte für Kinder ab dem 9. Lebensjahr. [mehr]

Coronavirus: Praktische Anregungen für’s Lernen zuhause

Pädagogen sowie Eltern unterrichten wegen der Maßnahmen zum Sars-CoV-2-Virus Kinder und Jugendliche medial oder direkt zuhause. Tipps zur... [mehr]

Homeschooling-Aktion: VORHANG AUF unterstützt Familien mit kostenlosem Lern- und Bastelmaterial

Zusammen lernen, lesen, spielen und basteln – das ist jetzt wichtiger denn je! Der Waldow-Verlag unterstützt Eltern und Kinder in der schul- und... [mehr]

Ärzte ohne Grenzen fordern: »Kein Profit durch Patente in der Pandemie!«

Die internationale Hilfsorganisation »Ärzte ohne Grenzen« hat die Regierungen weltweit aufgefordert, den Zugang zu Medikamenten, Impfstoffen und... [mehr]

Corona – eine Weltprobe?

Alle sprechen dieser Tage von Corona. Jeder mit jedem, in der Partnerschaft, der Familie, am Arbeitsplatz, mit Freunden, alle Medien sind voll, das... [mehr]

Homeschooling in Corona-Zeiten

Innerhalb kürzester Zeit haben sich Waldorflehrer und -schulen in die neue Bildungslandschaft namens Homeschooling gestürzt. Nun aber kommt die... [mehr]

Corona – In eigener Sache

Liebe Leserinnen und Leser, liebe Abonnentinnen und Abonnenten der Erziehungskunst, [mehr]

Schule in Zeiten der Corona-Krise. Einige Anregungen

In den vergangenen Wochen haben verschiedene Schulen um Hilfe gebeten, die Corona Krise ohne Schulbetrieb zu meistern. Die Ratschläge, die gegeben... [mehr]

Corona-Virus: Was sagen die Statistiken aus?

Viele Darstellungen im Internet zeigen den Verlauf der Corona-Virus-Pandemie auf, bezogen auf die Staaten der Welt oder auf einzelne Gebiete. Die... [mehr]

Treffer 31 bis 40 von 43

< Vorherige

1

2

3

4

5

Nächste >

Folgen