Fernunterricht in der Mittelstufe

Von Martin Carle, April 2020

Glücklicherweise hatte ich mit meiner Klasse schon vor der coronabedingten Schulschließung gemeinsames Cloud-Computing eingeführt, so dass die Schüler mit den wichtigsten Anwendungen vertraut waren und wir damit nun online kommunizieren und arbeiten konnten.

Die Schulaufgaben für die nächste Woche stellte ich jeweils freitags zur Verfügung. Montags gab es dann einen verpflichtenden Videochattermin in kleinen Gruppen von jeweils fünf bis sechs Schülern, damit Überblick, gute Verständigung und persönliche Beziehung gewahrt blieben. Nach einem bisschen Smalltalk, wie es ihnen und ihren Familien mit dem Lockdown gehen würden, folgte dann der Einstieg, indem wir einen Text von John Maynard rezitierten. Danach folgte die Erläuterung der Aufgaben.

Ich beschränkte mich auf die Fächer Mathematik, Deutsch und Geographie. Zum Erklären einer Rechenoperation benutzte ich ganz klassisch Tafel und Kreide, einen Deutschtext lasen wir in verteilten Rollen »vom Blatt« mit der Funktion »Bildschirm teilen« und die Erdkundereferate wurden mittels eines für alle sichtbaren Präsentationsprogrammes abgehalten. Nach einer Stunde kam die nächste Gruppe mit demselben Programm an die Reihe. Jeweils mittwochs hatten die Schüler die Gelegenheit, nach Terminabsprache mit mir einen individuellen Videochat zu führen. Hier konnten sie Fragen zu den Aufgaben stellen, Zwischenergebnisse ihrer Arbeiten vorstellen und ein kurzes Feedback von mir erhalten. Außerdem war so auch noch ein Vier-Augen-Small-Talk möglich. Ungefähr ein Drittel der Klasse nutzte diese Möglichkeit. An den restlichen Tagen war ich vormittags immer per Mail oder Klassenchat für inhaltliche Fragen erreichbar. Aufgaben und Arbeitsprodukte wurden über die Cloud gepostet oder gemeinsam bearbeitet, handschriftliche Aufzeichnungen oder Bilder per Foto gesendet. Nicht zuletzt boten einige gute Angebote aus dem Internet wertvolle Hilfestellungen, auch Youtube-Erklärvideos haben wir ausprobiert. Eine neue Kreativaufgabe ist daraus entstanden: »Dreht selbst ein Erklärvideo zu einem Thema eurer Wahl!«

Erstaunlich war, wie selbstverständlich die Schüler mit der außergewöhnlichen Schulsituation umgingen und wie selbstverantwortlich die allermeisten schon nach kurzer Zeit in der Lage waren, ihre Arbeitszeit sinnvoll einzuteilen und zu nutzen. Die Kontrolle der Arbeiten und das Feedback durch mich funktionierte auf Grund der kleinen Gruppen und Einzelbetreuung fast besser als im Präsenzunterricht. Ein Schüler durfte seitens der Eltern nicht teilnehmen und wurde durch Arbeitsaufträge per Mailanhang versorgt, hier half das gute alte Telefon.

Zur Arbeitsentlastung trug wesentlich bei, dass ich seit Jahren meine Unterrichtsunterlagen fast ausschließlich auf dem Computer erstellt hatte und nun mit ein paar Klicks aus dem Vollen schöpfen konnte. Zusätzlich war es sogar möglich, die Schüler nach Auffassungs- und Leistungsvermögen relativ differenziert versorgen zu können.

Insgesamt war es eine sehr lehrreiche Erfahrung sowohl für die Kinder wie auch mich: Wie pflegt man die Beziehung zu anderen Menschen mit Hilfe von Technik, wie nutzt man elektronische Kommunikations- und Arbeitsmittel sinnvoll? Man stelle sich vor, dieser Lockdown wäre vor 10, 20 oder gar 30 Jahren passiert. Die Rückmeldungen der Eltern waren erstaunlich positiv. Und wenn ich ehrlich bin – ich hatte in diesen Wochen weniger Stress und mehr Zeit für die Familie und mich … Trotzdem erlebten alle, dass der direkte, persönliche Kontakt durch nichts zu ersetzen ist und ich bin froh, die Schüler bald wieder im Präsenzunterricht begrüßen zu dürfen.

Zum Autor: Martin Carle ist langjähriger Klassen- und Oberstufenlehrer in Deutschland und der Schweiz. Nebenbei führt er Fortbildungen für Klassenlehrer oder Kollegien durch. Literatur: »Praktische Medienkunde in der Mittelstufe«

www.lernenistbewegung.weebly.com  

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