Grenzen des Online-Unterrichts

Von Christoph Kühl, April 2020

Dr. Christoph Kühl von der Freien Waldorfschule Uhlandshöhe weist in einem Brief an die Elternschaft in der aktuellen »Schulpost« auf einige Schwierigkeiten des Online-Unterrichts hin, die mit der unmittelbaren Beziehung von Mensch zu Mensch zu tun haben, die für jede pädagogische Wirkung unverzichtbar ist.

Die Waldorfpädagogik ist, ihrem Wesen nach, eine Pädagogik, welche von der unmittelbaren Begegnung von Lehrern und Schülern lebt. Es gibt inzwischen auch genügend wissenschaftliche Untersuchungen, die eine solche Begegnung für eine wesentliche, ja entscheidende Grundlage des Lernprozesses halten. Ein Schwerpunkt unserer Tätigkeit besteht im Gestalten dieser Begegnung. Deshalb fällt es uns zum einen vielleicht schwerer, einen Lernprozess online befriedigend zu gestalten und zum anderen widerspricht er doch elementar dem, was wir wollen. Es geht in der Waldorfpädagogik eben nicht in erster Linie um die Vermittlung von abfragbarem Wissen.

Dazu kommt, dass bei uns mindestens die Hälfte des Unterrichtstages in der Schule von handwerklich-künstlerischen Aktivitäten geprägt ist (das beginnt schon im Hauptunterricht), die zum großen Teil nur gemeinsam getan werden können oder der unmittelbaren Korrektur der Lehrer (z. B. Rezitation, Eurythmie, Singen …) bzw. einer entsprechenden Ausstattung (Schreinern, Schneidern, Plastizieren, Malen …) bedürfen.

Dies ist der Hauptgrund, weshalb wir weiterhin den Unterricht per »Videokonferenz« oder im »virtuellen Klassenzimmer« nur in geringerem Umfang durchführen: in den Klassen 1-7 gar nicht und in den Klassen 8-12 auch nur, wenn Kollegen es für unbedingt notwendig erachten. Hinzu kommt, dass die bisher in den Oberstufenklassen gemachten Erfahrungen einige Schwierigkeiten zeigten:

  • Zum einen macht eine Videoschaltung nur bei Gruppen unter 15 Sinn, d.h. die Klassen müssen stark geteilt werden.
  • Für alle Beteiligten ist ein solcher Unterricht wesentlich anstrengender als gewöhnlich. Unterricht in einem Umfang wie sonst üblich ist nur schwer denkbar.
  • Für Familien bedeutet es, dass u. U. für jedes der »Kinder« ein internetfähiges Endgerät zur Verfügung stehen muss, da ein auf alle Geschwister abgestimmter Stundenplan unmöglich ist.
  • Schon jetzt waren in einigen Haushalten die technischen Möglichkeiten begrenzt und führten zu Benachteiligungen. Einige Schüler konnten diesem Unterricht zudem leicht ausweichen, weil die Eltern zeitlich keine Möglichkeit hatten, das zu kontrollieren. Auch lässt sich eine Teilnahme über das Einloggen hinaus von Lehrerseite nicht kontrollieren.
  • Dazu kommt: Sitzt ein Schüler bei einer Videoschaltung vor dem PC und ist dieser online geschaltet, ist der Wechsel zu einem Onlinespiel, sozialen Netzwerk ö.ä. nicht nur leicht möglich, sondern übt auch einen großen Reiz aus.

So wird der Schwerpunkt des »Unterrichts« weiterhin bei Aufgabenstellungen liegen, die per Mail o.ä. übermittelt werden. Hier ist natürlich der persönliche Kontakt auch nicht vorhanden, aber es wird wenigstens auch nicht so getan, als ob dies möglich sei. In der Oberstufe allerdings wird es sicherlich bis zu einem gewissen Grad »Onlineunterricht« geben, in den meisten Fällen aber ohne Kamera. In welchem Umfang hängt von verschiedenen Faktoren ab und wird im Moment erarbeitet.

Uns ist bewusst, dass sich auch bei Unterricht mit Hilfe von Aufgabenblättern schon Probleme gezeigt haben:

  • Auch hier spielt die technische Ausstattung zuhause eine Rolle (Drucker etc.). Die Schüler, deren Eltern in der momentanen Situation nicht die zeitliche Möglichkeit haben, ihre Kinder intensiv zu unterstützen, werden noch stärker vom Lernprozess abgetrennt. Auch fällt es vielen sehr schwer, ohne die unmittelbare Ansprache des Lehrers überhaupt zu arbeiten. Das bei uns sowieso oft sehr große Leistungsgefälle wird noch verstärkt.

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