Idealistinnen lebten für Frieden und Freiheit. Ausstellung »Friedensimpulse von Frauen« zu Gast in Schulen

Von Barbara Messmer, Mai 2020

Kurz vor der Schließung der Freien Waldorfschule Marburg wegen des Corona-Virus wurden noch Schautafeln der Ausstellung »Friedensimpulse von Frauen« in den Gängen aufgehängt. Nun blicken Rosa Mayreder, Renate Riemeck und Käthe Kollwitz aus großen Schwarz-Weiß-Fotos von ihren lila-weißen Postern in leere, stille Gänge. In der »Waldorf-Galerie«, einem früheren Einzelhandelsladen direkt an der befahrenen Straße oberhalb der Schule, sind Sophie Scholl und Petra Kelly durch das Glas zu sehen.

Ausstellung FWS Marburg. Foto von: Barbara Messmer

Was verbindet diese Frauen? Sie waren aktiv für den Frieden und Freiheit. Gerade die beiden zuletzt Genannten setzten ihr Leben dafür ein. Ebenso die jung hingerichtete Cato Bontjes van Beek, die weniger bekannt ist. Und wer kennt die Friedensnobelpreisträgerin Alva Myrdal aus Schweden? Ihre Biographien auf den Tafeln können seit Wochen leider nur ganz wenige Schüler kennenlernen. Aber die Frauen warten geduldig – ihr Tag wird noch kommen. Es ist geplant, dass sich auch die Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft Marburg, die in den Gebäuden der Schule einen eigenen Raum hat, mit diesen Friedensaktivistinnen näher befassen werden. 

Die Ausstellung wurde 2014 von zehn Anthroposophinnen im Frauenrat der Anthroposophischen Gesellschaft erstellt. Dass die Ausstellung im Februar 2020 nach Marburg wanderte, verdankt sie Ute Trautwein. Sie unterrichtet im Elisabeth-Gymnasium Marburg, das ganz nahe zur Waldorfschule liegt. Als sie die Broschüre zur Ausstellung in die Hand bekam, war sie sofort Feuer und Flamme, diese Tafeln in ihr Gymnasium zu holen. Da sie die Anthroposophie und die Marburger Waldorfschule schon lange kennt, entstand die Idee, die Ausstellung zu teilen und in beiden Schulen zu zeigen. Es war auch geplant, gemeinsam seminaristische Schülertreffen durchzuführen. Aufgrund der Corona-Beschränkungen wurden diese Vorhaben leider noch nicht realisiert.

Da die Schautafeln in Marburg gerade ein Retreat erleben, darf auf ihre glanzvolle Zeit in der Freien Waldorfschule Mainz zurückgeblickt werden. Vom 20. Oktober bis 22. November 2017 hingen in den Gängen dieser Schule alle 20 Tafeln und übten ihre Wirkung auf die Vorübergehenden aus. Oberstufenschüler hielten inne und vertieften sich in die Texte unter den Fotos. Die Kleinen betrachteten die großen Plakate neugierig, die Lehrer freuten sich am Anblick und sogar die Raumpflegerin erkundigte sich, ob es eine Veranstaltung hierzu gäbe? Keine der Tafeln wurde irgendwie beschädigt.

Durch die Lehrerin Eva Thömmes, die damals für Öffentlichkeitsarbeit verantwortlich war, kam nicht nur das Ausstellen, sondern auch eine Führung des Lehrerkollegiums in der Konferenzzeit mit Aussprache im Lehrerzimmer zustande. In Deutsch- und Ethikfachstunden der Oberstufe ließen Kollegen ihre Klassen zur Unterrichtszeit die Tafeln betrachten und Fragen stellen, die dann gemeinsam besprochen wurden. In anschließenden Unterrichtsgesprächen befassten sich die Lernenden mit dem Thema Frieden und dem Wandel der Rolle der Frau durch die Zeiten. Der Geschichtslehrer der damals 9. Klasse baute die Ausstellung in eine Epoche ein. Nach einer gemeinsamen Betrachtung der Tafeln beschäftigten sich die Schüler einzeln oder gemeinsam weitergehend mit einer Frau ihrer Wahl. Beim zweiten Gang durch die Ausstellung trugen die Jugendlichen ihre Kenntnisse und Überlegungen vor der jeweiligen Tafel zusammen. Das ergab ein buntes Mosaik. Die Kurzreferate erhielten auch eine schriftliche Form. Rückblickend entstanden so in Mainz zahlreiche Gesprächsanlässe und Anknüpfungspunkte für den Unterricht und, da die Ausstellung im Foyer und den umliegenden Fluren gehängt war, auch Eltern und Besucher der Schule.

Natürlich bieten die Frauen-Biographien für den Unterricht in Geschichte, Sozialkunde und Politikwissenschaft lebendige Informationen. Die deutsche Kriegs- und Friedensgeschichte im 20. Jahrhundert wird von der sonst unüblichen Frauenseite aus plastisch: Militarismus im Kaiserreich, sozialdemokratische Impulse, Widerstand in der NS-Zeit und in der DDR, Demonstrationen in der jungen BRD gegen Wiederaufrüstung und Atomwaffen. Aber welchen Sinn könnte eine Ausstellung, die von Erwachsenen für Erwachsene konzipiert wurde, außerdem für eine Waldorfschule haben?

Ein Aspekt: es sind Vorbilder für dauerhaften Idealismus enthalten. Begeisterung, und vor allem bei Jugendlichen, flaut schnell ab, wenn der Boden der Tatsachen sich meldet. Wie weit trägt der Idealismus, wenn die anderen einen auslachen oder anfeinden? Wenn Verzicht und Entbehrung der Preis, Ausgrenzung und Isolierung die Folge ist? Wenn er innerhalb einer Diktatur gefährlich wird? Wenn durch die Realität Enttäuschung aufkommt? Die Frauen der Ausstellung haben an ihm trotzdem festgehalten und umgesetzt, was ihnen möglich war. Petra Kelly, Sophie Scholl, Rosa Luxemburg und Simone Weil haben für ihren Idealismus mit dem Leben bezahlt. Christa Wolf, Clara Zetkin und Renate Riemeck sind überwacht und drangsaliert worden, Bertha von Suttner und Mutter Teresa waren Spott und Kritik ausgesetzt. Sie haben ihre Friedensideale im Erwachsenenleben bewahrt: in spiritueller Praxis, gesellschaftspolitischem Engagement oder aufrüttelnder Kunst.

Die fünfzehn Frauen der Portrait-Tafeln sind schon tot. Sie haben ihr Lebenswerk in Europa vollbracht. Auf einem Poster werden noch lebende Aktivistinnen aus aller Welt gewürdigt: Joan Baez oder Ute Krämer beispielsweise. Und es gibt Informationen über große Frauen-Meetings, Demonstrationen und Streiks für den Frieden, teilweise mitten im Krieg oder international – ohne Telefon, Flugverkehr, Autos, Computer oder Handy organisiert. Eine Tafel behandelt den Friedenseinsatz von Ita Wegman und Elisabeth Vreede – beide waren am Goetheanum in Dornach zusammen mit Rudolf Steiner Vorstandsmitglieder.

Die Ausstellung gastierte in einer Schweriner Kaufhausgalerie, im Frauenmuseum Bonn und in der Universität Kassel-Witzenhausen, in den Rudolf Steiner Häusern Berlin, Bonn, Frankfurt, Kassel und Hamburg, in den Räumen der Christengemeinschaft Darmstadt und München-West. Die fünfzehn Frauen blicken in Zukunft gerne auf weitere Schulbetriebe!

Seit März 2019 gibt es eine Broschüre zur Ausstellung (120 Seiten, reich bebildert). Sie enthält Aufsätze zum Frieden von Frauenrätinnen, Gruß- und Geleitworte von den Vorstandsmitgliedern Angelika Sandtmann und Gerald Häfner sowie Informationen für das Ausleihen. Es gibt kostenlos eine Literaturliste zur Ausstellung und eine Sammlung »Anthroposophisches zur Frauenfrage«. Dies alles kann beim Frauenrat bestellt werden.

Adresse des Frauenrats: Arbeitszentrum Frankfurt, Hügelstr. 67, 60433 Frankfurt/Main, Tel. 069 – 53 09 35 81, Mail: info(at)arbeitszentrum-ffm.de. Schutzgebühr der Broschüre 5 €, mit Versand 7 €. Eine Einzahlung auf das Konto des Arbeitszentrums mit Nennung der Adresse wird als Bestellung bearbeitet. Bankverbindung: DE04 4306 0967 0010 8468 01.

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