Kunst hilft!

November 2020

Liebe Waldorfeltern, ein paar Gedanken zur derzeitigen Lebenssituation unserer Gemeinschaft möchte ich Ihnen schenken.

Wir befinden uns innerhalb einer Pandemie und werden Tag für Tag mit dem Anstieg der Ansteckungskurve konfrontiert. Das ist ernst, das nehmen wir auch weiß Gott nicht auf die leichte Schulter. Wir versuchen, trotz aller Einschränkungen unser jeweiliges Schulschiff sicher durch die wogenden Wellen zu steuern. Die Kinder zeigen uns jeden Tag, dass sie froh sind, lernen zu dürfen, egal, was ringsherum so abläuft. Ihr Leben geht weiter, so normal wie möglich, so sicher wie nötig.

Wenn wir auch alle angeordneten Regeln treu befolgen, so fragte ich mich in den letzten Tagen, Wochen und Monaten doch immer wieder und seit einigen Tagen klar und deutlich, welche erstarkenden Möglichkeiten uns als Waldorflehrern, Anthroposophen, Waldorfeltern und einfach auch als Menschen denn eigentlich gegeben sind, um uns gegen dieses Virus zu wehren. Und da gibt es ganz, ganz viel! Verfolgt man mal einige Stunden die Ausbreitung der Pandemie in den Nachrichten, Zeitungen und sozialen Medien, so meldet sich plötzlich ein ganz anderes Bedürfnis:

Spiel doch mal ein bisschen Klavier! Lass die Farben auf dem Papier sich entfalten und schaue ihnen dabei zu!

Kaum gibt man sich dieser künstlerischen Tätigkeit eine Weile hin, so wird die Seele weit, ruhig, gelassen, es zieht beim Anschauen der leuchtenden Farben, beim Erlauschen eines voll tönenden Klanges eine innere Freude durch die Seele, ein wärmendes Lichterlebnis stellt sich ein. Nach einer gewissen Zeit der künstlerischen Betätigung, und wenn sie noch so einfach, das Ergebnis noch so bescheiden ausgefallen ist, fühlt man sich auf geheimnisvolle Weise gestärkt. Das mache ich jetzt jeden Tag!, sagt man sich froh. Etwas zu malen oder musikalisch tönen zu lassen, eurythmisch zu bewegen oder auch dichterisch in Worte zu fassen, gibt mir Kraft und Schwung und Mut.

War es das, was Rudolf Steiner meinte, als er die Bedeutung der Kunst für die Entwicklung jedes Menschen immer und immer wieder betonte? Wollte er wegen dieses Erlebnisses der inneren Kraftentfaltung die künstlerischen Tätigkeiten in seiner Waldorfschule so stark beachtet wissen? Alle Erstklässler sollten aus dem Farb- und Formerleben die Buchstaben entwickeln, sollten jeden Tag singen und musizieren, um im gemeinsamen Klang die Gemeinschaft zu fühlen. Singen dürfen wir ja gerade nicht – und wie das fehlt, spürt man physisch! Also summen, ganz schön die Melodien zu summen, erzeugt auch einen feinen, wunderschönen Gesamtklang! Und malen, ja, das dürfen wir aber nun wirklich! Auch stricken mit bunter Wolle! Und wenn man sieben-, achtjährige Zweitklässler innig vertieft sich mit ihrem leuchtenden Strickzeug beschäftigen sieht, das sie hin und wieder vor sich auf den Tisch und das Gesicht vorsichtig auf die weiche Wolle legen, dann wieder zart mit den Fingerchen über die gestrickten Reihen streicheln sieht und plötzlich einen Sprung von der Bank tun, nach vorn kommen bemerkt und flüstern hört: »Jetzt will ich ROT stricken« (oder eine andere Farbe), dann kann man direkt erfühlen, wie wohl es den Kleinen dabei ist, etwas herzustellen, das vor ihren eigenen Augen wächst, vor ihren Augen farbig leuchtet, in ihren Händen weich und warm sich ausbreitet. Das ist nicht nur Handarbeit,

das ist Erlebnis am künstlerischen Tätigsein.

Wenn der Mensch künstlerisch tätig ist, ist er ganz Mensch, sagt Steiner, dann fügt er der Natur etwas Neues hinzu, dann wird er selbst zum Schöpfer, auch wenn es noch so bescheiden sein sollte, was er erschafft. Aber er schafft, und das erfreut ihn schon als kleines Kind.

Nimmt man im Frühling eine sich erwärmende, aufblühende Stimmung draußen wahr, sonnenbeschienene Wiesen und Gärten, so fallen einem schnell die Dichterworte ein:

»Wie herrlich leuchtet mir die Natur, wie glänzt die Sonne, wie lacht die Flur!« (Goethe)

Und jetzt im Herbst in der Spätsommerwärme hört man die Worte Rilkes in sich aufsteigen:

»Befiehl den letzten Früchten, voll zu sein, gib ihnen noch zwei südlichere Tage, dränge sie zur Vollendung hin und jage die letzte Süße in den schweren Wein.«

Zu jeder Stimmung, die die Natur darbietet, gibt es Dichterworte, die wie eine Antwort des künstlerisch schaffenden Menschen auf die Geschenke der Natur erlebt werden können ... und es ist wichtig, dass diese Antworten kommen von uns Menschen, das fühlen wir irgendwie.

Jeder Mensch kann zusammen mit seinen Kindern, Eltern, Freunden oder auch allein in irgendeiner der vielfältigen Möglichkeiten künstlerisch tätig werden und damit in sich und um sich herum eine Sphäre der Freude und der Zuversicht erzeugen.

Kunst ist eine Kraft, die wir in uns haben und ausleben können, in jedem Alter, als Mensch, so, wie wir gerade sind. Und die uns ein bisschen und eine kleine Weile erhebt über unseren Alltagsmenschen mit seinen Sorgen.

Diese Gedanken wollte ich Ihnen, liebe Waldorfeltern, einfach mal zu lesen geben, vielleicht beflügeln sie Sie ja, gleich mal ein schönes Bild zu malen mit den Wachsblöckchen Ihrer Waldorfschulkinder :-)

Intensive Farberlebnisse ermöglichen dem Malenden übrigens auch und vor allem die Aquarellfarben, die sich im feuchten Papier leuchtend entfalten. Auch das dürfen die Kleinen jede Woche in der Waldorfschule erleben und sie tun es in atemloser Hingabe.

Mit herzerfrischenden Grüßen, Claudia von der Decken (Klassenlehrerin einer 2. Klasse)

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