Online-Lernen aus der Perspektive einer Waldorf Lerntheorie

Von Martyn Rawson, April 2020

Angesichts der gegenwärtigen Situation, die es erforderlich macht, die Kinder und Jugendlichen zu Hause zu »beschulen«, lohnt es sich, einen Blick auf die Grundlagen des Lernens aus waldorfpädagogischer Sicht zu werfen. Seit einigen Jahren arbeite ich an der Formulierung einer Lerntheorie für die Waldorfpädagogik. Diese Arbeit ermöglicht es mir, einige vorläufige Ideen zum Online Lernen zu Hause – aus der Waldorfperspektive betrachtet zu umreißen.

Ich habe selber in den letzten vier Wochen in zwei Oberstufenklassen online unterrichtet und bin gleichzeitig auch im engen Kontakt mit Kollegen, die in anderen Jahrgangsstufen tätig sind. Darüber hinaus hatte ich beim Schreiben dieses Artikels die Gelegenheit, auf die Erfahrungen von chinesischen Waldorf-Kollegen zurückzugreifen, die bereits seit sechs Wochen in einer ähnlichen Situation ihre Schüler zu Hause unterrichten.* 

Lernen aus anthroposophisch-menschenkundlicher Sicht

Ich möchte mit einer Definition des Lernens beginnen, die sowohl für die Kindheit als auch das Jugendalter relevant ist. Lernen ist ein Prozess der Individuation, in dem der geistige Kern des Menschen, das Ich, sich mit dem belebten Körper verbindet und danach strebt, eine Beziehung zu den Anderen und der Welt aufzubauen. Diesen Prozess nennen wir Selbstbildung: die Person bildet sich in der Auseinandersetzung mit dem Anderen, mit der Natur, der belebten Welt und den sozialen und kulturellen Strukturen, in die ein Mensch eingebettet ist. Dies geschieht in dem Bestreben, stabile und kohärente Identitäten aufzubauen und handlungsfähig zu werden – d.h. die Fähigkeit zu erlangen, in der gegebenen Situation, in der ein Mensch sich befindet, autonom handeln zu können. Wir nennen diesen Prozess transformatives Lernen. Er umfasst den ganzen Menschen.

Beim Lernen greift die Seele die Erfahrungen auf, die ein Mensch durch seine Sinne und seine emotionale Resonanz auf diese erlebt, und prägt sie sich als Erinnerungen ein. Im Lauf der Zeit erntet der Geist die Früchte dieser einverleibten Erfahrungen und extrahiert aus ihnen die Kräfte, die notwendig sind, um Dispositionen und Fähigkeiten aufzubauen und anzureichern. Das Ich wächst sich durch diese Kräfte und entwickelt erweiterte und dauerhafte Fähigkeiten. Deshalb sprechen wir vom transformativen Lernen. Dieses Lernen führt nicht nur zum Anwachsen von Wissen oder Fertigkeiten, sondern verändert grundlegend, wer wir sind und werden können.

Lernen und die Rolle der Motivation

Kinder und Jugendliche lernen ständig informell und beiläufig. Durch formale, strukturierte Anweisungen und sorgfältig gestaltete Lernrhythmen wird das Lernen systematisch. Wenn Menschen lernen, weil sie interessiert und intrinsisch motiviert sind, expandiert ihr Lernen und ihre Fähigkeit des Lernens steigert sich enorm. Dieses sogenannte expansive Lernen wird dadurch motiviert, dass es als biografisch relevant erlebt wird. Das oberflächliche Lernen beinhaltet das kurzzeitige Erinnern von Fakten, Vokabeln, Wörtern, während beim tiefen Lernen die Erfahrungen in einem sinnvollen Zusammenhang stehen und Teil eines langfristigen Verstehensprozesses sind. Tiefes Lernen entwickelt sich durch das Anwenden und die Anbindung des Gelernten an einen breiteren Kontext. Lebendige Konzepte entwickeln sich und wachsen ein ganzes Leben lang durch immer neue Erfahrungen. Jede bedeutende neue Erfahrung beeinflusst, welche folgenden Erfahrungen wir machen, indem sie uns ein noch breiteres Verständnis ermöglicht.

Vorbedingungen des Lernens

Aus der Waldorf Perspektive gibt es eine Reihe von Faktoren, die das Lernen positiv beeinflussen. Dazu gehören:

  • entspannt sein und sich sicher fühlen;
  • sich in der Lernsituation willkommen fühlen;
  • in einer lernenden Gemeinschaft eingebettet sein und an dieser teilnehmen können;
  • sich unterstützt fühlen und über das zum Lernen notwendige Handwerkzeug verfügen;
  • das Gefühl haben, dass die Aufgaben verstehbar sind;
  • das Gefühl haben, dass es sinnvoll ist sich anzustrengen und teilzunehmen;
  • sich mit der Situation im Einklang fühlen und in den wichtigen Sinnen wach sein.

In der Schule investieren die Lehrkräfte im Hauptunterricht und in den Fachstunden viel Zeit, um diese Bedingungen jeden Tag wieder herzustellen – das wird oftmals als der rhythmische Teil des Unterrichts bezeichnet.

Was heißt das für das Online-Lernen?

Es bedarf guter Kommunikationskanäle zwischen Lehrkräften und Schülern, Lehrkräften und Eltern sowie Schüler n untereinander, die zu dem kollektiven Erleben beitragen, dass wir in all dem, was wir tun, verbunden sind. Vor allem muss sichergestellt werden, dass alle einen ausreichend guten Zugang zu diesen Kommunikationskanälen haben.

Kinder sollten den »Zuhause-Unterricht« mit einer kurzen Abfolge von Koordinationsübungen beginnen: Strecken, Hüpfen, Dinge, die die Körpersinne und den Balancesinn aktivieren; das Einmalseins üben, ein Gedicht aufsagen oder ein Lied singen, auch wenn sie alleine sind. Die weitere Lernzeit sollte regelmäßig durch körperliche Bewegung unterbrochen werden: Treppen rauf- und runterlaufen; Hüpfen, Springen, Klatschen …

Selbst wenn wir uns nicht treffen können, sollte es doch eine Möglichkeit zu täglichem Kontakt zwischen Lehrkraft und Klasse geben, egal über welches Medium das ermöglicht wird. (Hier gilt es, altersgemäße Wege zu finden.)

Klare Anweisungen sind ebenso wichtig wie die Unterstützung derjenigen, die unsicher sind.

Schüler sollten ermutigt werden, miteinander in Kontakt zu bleiben und sich gegenseitig zu helfen.

Aus Sicht der Lehrkräfte sind diese Vorbedingungen in dem enthalten, was Steiner »Seelenökonomie« nennt. Gesundes Lernen kann dann stattfinden, wenn die größtmögliche Menge an Material in einem Minimum an Zeit eingeführt wird und die einfachsten Mittel dazu benutzt werden.

Allerdings sollte das in so einer Art und Weise geschehen, dass kein Kind (Jugendlicher) den Überblick über die Situation verliert. Gesundes Lernen setzt ein Minimum an ungesunden Aspekten und ein Maximum an Wohl-Fühlen voraus.

Lernende brauchen grundsätzlich ein Kohärenzgefühl, das Gefühl, dass sie verstehen, was von ihnen verlangt wird, die Aufgaben bewältigen können und über die notwendigen Werkzeuge und Mittel verfügen sowie das Gefühl, dass die Aufgaben bedeutungsvoll für sie sind.

Praktische Aspekte

Stellen Sie genügend Material zur Verfügung; halten Sie es gleichzeitig technisch einfach. Klare Aufgabenstellungen und eine regelmäßige Wiederholung der Ziele und Arbeitsweisen helfen. Schüler sollten ein Feedback geben, dass sie die Aufgabe verstanden haben und am Arbeiten sind.

Es braucht klare Angaben dazu, wie lange die Schüler an den Aufgaben arbeiten sollen. Setzen Sie klare Zeiträume – das sollte nicht mehr sein, als an Unterrichtszeit zur Verfügung steht – eher weniger. (Sonst sorgen Kinder und Eltern sich, ob sie genug und das Richtige tun.)

Ermutigen Sie Kinder dazu, aufzuhören und etwas anderes zu tun, wenn sie müde sind.

Wegen des fehlenden Kontaktes brauchen die Schüler viel mehr Zuspruch und Bestätigung als normalerweise in der Klasse.

Die Seelenökonomie wird von den folgenden Faktoren wesentlich beeinflusst:

Die Qualität des Lernens hängt von der Tiefe der Vorbereitung der Lehrkraft ab – sie muss schon im Vorweg wissen, was die Schüler lernen sollen, was die wesentlichen und zentralen Punkte sind und einen Input bereitstellen, der diese Punkte für die Schüler deutlich macht. (Dazu gehört es auch, die Dinge wegzulassen, die in dieser Lernsituation nicht gelernt werden können.)

Die Lehrkraft braucht eine starke innere Verbindung sowohl mit dem Thema und Fach, als auch mit den Schülern, die sich in einem enthusiastischen Interesse manifestiert.

Die Materialien und die Lernprozesse sollten so künstlerisch wie möglich präsentiert werden, so dass zum Ausdruck kommt, dass die Teile zu einem bedeutenden Ganzen gehören.

Das Material sollte auf die spezifischen Lernbedürfnisse und Interessen der Lerngruppe zugeschnitten sein.

Die Aufgaben sollten ein breites Spektrum an Möglichkeiten bieten, so dass die einzelnen Schüler sich auf unterschiedlichem Niveau und mit verschiedenem Interesse damit beschäftigen können.

Regelmäßiges individuelles Feedback und konkrete Vorschläge für nächste Schritte sind sehr wichtig. Das setzt natürlich voraus, dass die Schüler wissen, was von ihnen erwartet wird.

Daraus ergeben sich für das Online-Zuhause-Lernen folgende Konsequenzen:

Suchen Sie oder entwerfen Sie Material, das den Bedürfnissen und Beschränkungen der gegenwärtigen Situation Rechnung trägt. (Bitten Sie um Hilfe bei digitalen Präsentationen, wenn nötig.)

Koordinieren Sie Ihre Aufgaben mit denen der anderen Lehrkräfte, so dass die Schüler weder zu viele noch zu wenige Aufgaben bekommen.

Stellen Sie sicher, dass die Aufgaben eine differenzierte Herangehensweise ermöglichen. Sie sollten im Idealfall ohne die Hilfe der Eltern machbar sein. (Einige Eltern haben mehr Zeit und Möglichkeiten als andere! Verlassen Sie sich nicht darauf, dass die Eltern zu Lehrkräften werden.)

Das Lernen geht durch verschiedene Phasen – die Übersicht zeigt neben den Implikationen dieser Phasen für den »normalen« Unterricht Vorschläge auf, wie diese Aspekte beim Online Lernen berücksichtigt werden könnten:

Lernprozess / Lernaktivität

Implikationen für den »normalen« Unterricht

Konsequenzen für das Online- / Fern-Lernen

Reiche Erfahrung / Teilnahme an einer Lerngemeinschaft

Direkte Erfahrung / Erlebnis durchs Tun oder durch eine Erzählung, die starke Vorstellungen und innere Bilder hervorruft.

Allgemein sollten wir soweit wie möglich vermeiden, neue Materialien und Themen einzuführen; es ist besser, wenn wir uns darauf konzentrieren, bestehende Fähigkeiten und vorhandenes Wissen durch Üben zu vertiefen.

Sollten wir dennoch neue Erlebnisse einführen, dann sollten diese durch eigene Beobachtungen, das Lesen interessanter Texte und Materialien, gute Bilder oder das Anschauen angemessener Filme geschaffen werden. (Fernseh-Dokumentationen erklären normalerweise die Konzepte und erzählen der Zuschauern, was er/sie zu denken hat.)

Gelegenheiten zur Teilnahme, v.a. in den Sprachen, der Eurythmie und Musik, sind eingeschränkt. In einigen Fällen ist es vielleicht besser, das Fach einfach für eine gewisse Zeit auszusetzen. Jüngere Schüler könnten von einem geteilten Stundenplan für bestimmte Aktivitäten profitieren, (z.B. »wir beginnen alle damit, zu einer bestimmten Zeit ein bestimmtes Gedicht aufzusagen«). Selbst Schüler in höheren Klassen brauchen einen regelmäßigen gemeinsamen Kontakt. (z.B. einmal die Woche ein Klassentreffen per Video-Konferenz.)

Das Vergessen

Über Nacht werden die Erfahrungen sortiert und im Unterbewusstsein mit anderen Erfahrungen in Verbindung gebracht. Dieser Prozess kann dadurch verstärkt werden, dass die Lehrkraft während der Vorbereitung das ganze Phänomen im Bewusstsein hat und dieses dadurch bei der Einführung implizit anwesend ist.

Das Vergessen bleibt ein wesentlicher Teil des Lernrhythmus und gehört unbedingt zur Lernroutine dazu, selbst beim Fernunterricht. Vielleicht muss die Lehrkraft noch stärkere und klarere Gedanken während ihrer Vorbereitung haben, um das Unterbewusstsein der Kinder anzusprechen.

Sich erinnern, Erinnerungen teilen und Bedeutung formulieren

Jeder Lernende bekommt die Gelegenheit, die eigenen Erfahrungen – angereichert durch das Unbewusste – individuell zu erinnern und sie dann in der Klasse zu teilen.

Individuelles Erinnern, Notizen machen zu Kernerlebnissen, schriftliche Beschreibungen, sich mit einem Partner per Telefon austauschen.

Selbst Diskussionen können organisiert werden, auch wenn das technisch etwas kompliziert ist.

Abhängig von der Altersstufe und der gemachten Erfahrung können sowohl Bilder als auch Wörter zum Erinnern genutzt werden; das Teilen ist eventuell schwieriger.

Ältere Schüler können auch schon Bedeutungen und Ergebnisse formulieren; allerdings ist ein moderiertes Gespräch hier sicherlich sinnvoller. In der Oberstufe könnten die Schüler erst schriftlich reflektieren, dann online diskutieren.

Das Üben

Übphasen im Unterricht und in Form von Hausaufgaben

Her liegt wohl unser Hauptbetätigungsfeld in dieser Online-Phase. Schüler brauchen phantasieanregende, kreative Vorschläge, wie sie das, was sie schon wissen und können, in vielfacher Weise anwenden können. Vielleicht können sie sich sogar selber füreinander Aufgaben ausdenken.

Wichtig ist es, die Aufgaben so vielfältig und differenziert zu strukturieren, dass alle Schüler teilnehmen können.

Regelmäßiges Feedback kann z.B. per Mail gegeben werden. Es ist hilfreich, wenn die Kinder (Jugendlichen) die Gelegenheit haben, der Lehrkraft direkt Fragen zu stellen oder um Hilfe zu bitten, per Mail, Telefon oder Video.

Hier bieten sich auch längerfristige Aufgaben wie Beobachtungen, Lern- und Lesetagebücher, Portfolios oder künstlerische Arbeiten an, die über einen festgelegten Zeitraum bearbeitet werden können.

Fähigkeiten entwickeln

Im Laufe eines Monats intensiven Übens können meist erste Zeichen eines nachhaltigen Lernens festgestellt werden.

Nach einem Monat können wir damit rechnen, dass sich die Schüler (und wir) an diese Art des Lernens gewöhnt haben.

Transformierendes Lernen

 

Diese Erfahrung wird uns sicher verändern.

 

Es wird deutlich, dass beim Online Lernen und Zuhause-Lernen zentrale Elemente des Waldorfunterrichts fehlen, wie z.B. das Lernen von jemandem (der Lehrkraft), das Lernen durch die Teilhabe an einer Lerngruppe, die reiche Erfahrung durch direkte Erlebnisse, und die Einstellung auf die jeweilige Lernumgebung. Nichtsdestotrotz wird es das Lernen unter diesen Umständen sicherlich fördern, wenn die Lehrkräfte sich die grundlegenden Waldorf-Prinzipen bewusst machen und sich bemühen, die Lernsituationen so weit wie möglich entsprechend zu gestalten.

Hinweis:

* Wer an längeren Ausführungen zum Lernen interessiert ist, findet diese u.a. auf der Website www.learningcommunitypartners.eu, allerdings überwiegend in englischer Sprache. Ein entsprechender deutscher Text findet sich, in zwei Abschnitte unterteilt, im Lehrerrundbrief. Der vorliegende Text stellt eine knappe Zusammenfassung der wesentlichen Prozesse des Lernens dar. Jedem Aspekt folgt eine kurze Diskussion der Implikationen, die sich daraus für das Online-Unterrichten und das »Homeschooling« ergeben. Es ist allerdings nicht Ziel dieser Darstellung, die einzelnen Prozesse genau zu rechtfertigen oder durch Argumente zu belegen – das geschieht in der unten aufgeführten Literatur.

Literatur:

M. Rawson: Sieben Lernprozesse (Teil 1). Ein Beitrag zur Waldorflerntheorie, in: Leherrundbrief Nr. 109, S.108 fff. (2019) | M. Rawson: Lernprozesse (Teil 2), in: Leherrundbrief Nr. 110, S. 76 ff.

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