Spielerisch in die Zukunft. Wie retten wir das Lebendige?

Von Bernhard Hanel, Mai 2020

Mit dem Ziel, möglichst viele Leben in der Corona-Krise zu retten, riskiert man, dass das Lebendige untergeht. Ohne Zweifel: Jedes einzelne Leben ist an sich schützenswert!

Was aber bedeutet Leben? Nicht tot zu sein? Lange und immer länger zu leben? Was, wenn wir – um Leben zu retten – auf das falsche Pferd setzen und im Blindflug auf einen Abgrund zu galoppieren? – Heißt Leben nicht, möglichst viele wahrhaftig und intensiv erlebte Momente, viele liebevolle und existenzielle Begegnungen, echte Trauer, echte Freude? Ist Lebenszeit nicht nur in Stunden und Jahren zu messen, sondern die Summe intensiver Lebensmomente? Ist ein Leben gelungen, wenn man uralt wird? Was aber, wenn es leer und einsam war?

Kinder, die systemrelevanteste Gruppe schlechthin (bei Schiffs- und Flugunglücken gilt noch immer der Grundsatz aus dem Jahr 1852: Kinder und Mütter zuerst), sind  in den Corona-Wochen nicht die ersten, sondern die letzten. Erst nach Wochen dringen ihre Nöte an die Öffentlichkeit. Viele Erwachsene glauben an die Notwendigkeit digitaler Bildung und zukünftiger zusätzlicher Betreuungsangebote. Wenn wir aber über Zukunft sprechen, dann müssen wir vor allem darüber reden, was die Kinder brauchen, damit sie sich zu freien gestaltungsfähigen Persönlichkeiten in einer immer komplizierter werdenden Welt entfalten können. Dafür brauchen sie vor allem Liebe – in ihrem familiären und betreuerischen Umfeld – und elementare Erfahrungen. Nur so können sie das nötige Weltvertrauen aufbauen, das sie durchs Leben trägt. Elementare Erfahrungen heißt, mit Wind und Wetter, der Natur, den Elementen, allen Lebewesen, Gefahren und Herausforderungen in Berührung zu kommen. Kinder brauchen das freie Spiel.

Was schon lange Zeit Trend war und nun in der Corona-Krise vermehrt geschieht, ist genau das Gegenteil davon: Isolierung und Digitalisierung. Erlebnisärmer geht es kaum. So schaden wir den Kindern nicht nur jetzt, nein, wir nehmen auch in Kauf, dass unsere Zukunft, eine lebenserfüllte Zukunft gefährdet ist. Wollen wir denn wirklich in einer leblosen, sterilisierten, isolierten und kontrollierten Zukunft immer länger leben? Ist das unser Ziel? Wenn man in die leuchtenden Augen der Kinder schaut, die in ihrem Spiel untertauchen und die Welt erobern, bemerkt man: sie drängen ins Leben, sie wollen keine Isolation. Was ist das Ziel? – Die Ausmerzung von Tod und Krankheit? Machen wir uns nicht schuldig, wenn wir den Kindern ihre lebendige, erfahrungsreiche und elementare Zukunft verbauen und auf dem Altar der Unsterblichkeit opfern? Die Freiheit einer Gesellschaft zeigt sich in der Freiheit der Kindheit. Eine offene Gesellschaft zeichnet sich dadurch aus, dass sie verschiedene Meinungen, Ideen und Wege zulässt und sie in einen konstruktiven, lebendigen Austausch bringt. Sind Hygiene- und Abstandsregeln, Überwachung und Sozial-Druck, digitale Schulen und Kindergärten mit Impfpflicht darauf die richtige Antwort?

Wir vergessen: Unser Leben war einst das eines Kindes. Unser Leben ist sinnlos, wenn wir nicht gleichzeitig alles daransetzen, das Leben der Kinder auf der ganzen Welt zu schützen und zu hüten. Dieses Leben ist mehr denn je in Gefahr. Solange Kinder noch durch Hunger und Kriege sterben, auch in sogenannten Wohlstandsgesellschaften vernachlässigt oder durch häusliche Gewalt in Mitleidenschaft gezogen werden, schmeckt es bitter, wenn wir eine Krankheit zu bannen versuchen, durch Maßnahmen, die die Kinder – unsere Zukunft – gefährden.

Zum Autor: Bernhard Hanel ist ehemaliger Waldorfschüler und Begründer der KuKuk-GmbH.

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