Zweite Gemeinsame Stellungnahme des Bundes der Freien Waldorfschulen und der Medizinischen Sektion am Goetheanum zur Covid-19-Pandemie

November 2020

Corona ist, soviel wird immer deutlicher, kein vorübergehender Albtraum, der bald wieder verweht sein wird. Wir werden lernen müssen, damit zu leben wie mit anderen gefährlichen Krankheitserregern auch. Mittelfristig wird uns das gelingen, zunächst einmal hat die Pandemie aber die meisten unserer eingespielten gesellschaftlichen, kommunikativen, sozialen, kulturellen und hygienischen Gewohnheiten durcheinandergerüttelt – und wird das wohl auf absehbare Zeit auch weiter tun.

Mit den bei abnehmender Sonnenwirksamkeit [1] seit Herbstbeginn europaweit wieder steil ansteigenden Infektionszahlen nehmen die Verunsicherungen, Ängste, Frustrationen und Spannungen weiter zu, die unsere Gesellschaft insgesamt, in besonderer Weise aber die mit immer neuen Einschränkungen konfrontierten Erzieher:innen, Lehrer:innen und Eltern in den Kindergärten und Schulen belasten. Die verantwortlichen Gremien dieser Einrichtungen stehen vor der schwierigen Aufgabe, einerseits die behördlichen Verordnungen umsetzen zu müssen und gleichzeitig sicherzustellen, dass sich ein pädagogisches Leben entfalten kann, das den Kindern die Begegnungen mit ihrer Umgebung durch Sinneserlebnisse, durch ihr Mit-der-Welt-Fühlen-Wollen und ihren Bewegungsdrang, aber genauso mit ihrer Phantasie, ihrer Neugier und ihrem Denkwillen eröffnet. Das führt vermehrt zu Konflikten, die nur zu bewältigen sein werden, wenn in den kollegialen Gesprächen auch widersprüchliche Gesichtspunkte in ihrer Teilberechtigung erkannt und dann kreative Lösungen gesucht werden. Die Waldorfpädagogik bietet eine unerschöpfliche Vielfalt an Möglichkeiten, situativ neue Wege zu bahnen. Genau genommen macht sie das überhaupt erst aus.

Masken- und Distanzregeln

Aktuell nehmen die Masken- und Distanzregelungen einen großen Raum in der Debatte ein. Der bekannte Neurologe Manfred Spitzer [2] fasst die medizinische Literatur dazu wie folgt zusammen:

• »Gesichtsmasken verringern prinzipiell die Ausbreitung von Viren während der Pandemie«. Das gilt z.B. für die Gesichtsmasken vom chirurgischen Typ, wie sie allgemein jetzt häufig getragen werden. In ungünstigen Fällen können sie »unter bestimmen Bedingungen auch verschlimmern«. Das gilt bei falscher Handhabung, wie sie bei jüngeren Kindern zu erwarten ist, oder kann auch der Fall sein, wenn Maskenträger zum Beispiel bei Anstrengung verstärkt tief atmen.

• Das längere Tragen von Masken kann bei vielen Menschen zu körperlichen Beschwerden, vor allem Kopfschmerzen führen. Diese werden meist als leicht eingestuft, können aber auch stärker sein. Da gerade im Schulalter bei vielen Schüler:innen neu Kopfschmerzen oder gar Migränebeschwerden auftreten – auch vor Corona – während sie im Vorschulalter sehr selten sind, gilt es hier zu differenzieren. Maskenbedingte Kopfschmerzen verschwinden in der Regel rasch im Rahmen einer Maskenpause. Augen werden vermehrt gereizt, weil die Ausatmungsluft an den Augen vorbeiströmt. In diesem Zusammenhang weisen wir auf ausreichende Trinkmengen hin, die sowohl Kopfschmerzen lindern wie die Feuchtigkeit der Schleimhäute verbessern können.

• In Berufen, wo das Tragen von Gesichtsmasken Pflicht ist, sind Maskenpausen von der Dauer einer Schulpause mehrmals täglich vorgeschrieben. Es sollte in jeder Waldorfeinrichtung darüber nachgedacht werden, wie Maskenpausen regelungskonform realisiert werden können. Sie können die genannten Nebenwirkungen der Masken erheblich reduzieren und beugen bei sachgemäßer Trocknung während der Maskenpause auch einer Durchfeuchtung der Maske vor, die wiederum negative Effekte hat.

• Der bereits oben zitierte Manfred Spitzer weist deutlich auf die Beeinträchtigung der Sprachverständlichkeit, der emotionalen Kommunikation und der Gesichtserkennung hin. Diese Gesichtspunkte gilt es entsprechend zu berücksichtigen und nach Möglichkeit auszugleichen, durch deutliches (nicht unbedingt lauteres) Sprechen, durch Anregung der Körpersprache, durch entsprechende Rücksichtnahme.

• Nach wie vor weist die wissenschaftliche Literatur darauf hin, dass der Begriff »Kinder« nicht geeignet ist, auf die unterschiedliche Situation jüngerer Kinder bis zu 10 Jahren und älterer Kinder ausreichend einzugehen. Jüngere Kinder haben sich in Bezug auf Erwachsene (Lehrer:innen, Erzieher:innen) als sehr wenig ansteckend gezeigt (z.B. Daten der laufenden »Co-Ki-Studie« www.co-ki.de). Sie sind selbst auch bei Ansteckung nicht in relevantem Ausmaß gesundheitlich gefährdet. Sie haben auch mehr Schwierigkeiten, Masken sachgemäß zu handhaben, was Ansteckungen begünstigen kann. Das Problem der wieder eingeatmeten Restluft in der Maske (»Totraum«) ist relativ größer. So gibt es nach wie vor keine ausreichende wissenschaftliche Evidenz, dass das Maskentragen von Kindern im Grundschulalter oder darunter medizinisch begründet und in der Nutzen-Risiko-Abwägung positiv zu bewerten ist. Vergleichsstudien in dieser Altersgruppe fehlen vollständig, niemand kann sich hier auf eine gesicherte Evidenz berufen. Das sollte zu einem besonders intensiven Dialog darüber führen, Masken in dieser Altersgruppe (Grundschule und darunter) zu vermeiden.

Notwendige Konsequenzen

Wir fordern daher, dass Schutzmaßnahmen für Schulen und Kindergärten von einem interdisziplinären, fachlich breit aufgestellten Gremium erarbeitet werden, altersgemäß umsetzbar sind und die Begegnungs- und Bewegungsnotwendigkeiten von Kindern und Jugendlichen nicht unverhältnismäßig einschränken. [3] Damit einhergehende Einschränkungen von Grundrechten bedürfen einer engen zeitlichen Begrenzung sowie der regelmäßigen und zeitnahen Legitimation durch die Parlamente.

Anmerkungen zum »Trotzdem«

Schulen sollen Orte sein, in denen die Kinder und Jugendlichen in einem geschützten Raum praktische, soziale, emotionale und Erkenntniserfahrungen machen können. Ein innovativer Kerngedanke der Waldorfpädagogik ist es, durch die entsprechende Gestaltung der Pädagogik zugleich die Gesundheitsentwicklung der Schüler:innen zu fördern. Was in der aktuellen Lage darüber hinaus spezifisch zur Gesundheitsförderung getan werden kann, fasst ein Merkblatt zusammen. [4] Grundsätzlich gilt, dass insbesondere die jüngeren Kinder die Sicherheit brauchen, dass ihre Eltern und Lehrer:innen zusammenarbeiten, sie deshalb beschützt sind und am Ende alles gut wird. Die Frage lautet daher, wie sie trotz der Verordnungen ihre Selbstwirksamkeit erfahren, der Welt und anderen Menschen begegnen und die Gewissheit erlangen, dass sie ihre Erfahrungen auch denkend verstehen können?

Diese Grunderfahrungen sind in jedem Alter notwendig und möglich. Waldorfpädagogik bedeutet, dafür Gelingensbedingungen herzustellen – mit oder jenseits von traditionell eingeübten Lehrplänen.

Einige Praxisbeispiele

Einige Beispiele, die allesamt aus der Praxis stammen, mögen das erläutern: Wenn Klassenräume zu klein oder schwer zu belüften sind, kann Unterricht möglicherweise in Säle oder leerstehende Hallen ausgelagert werden, die Bewegung, Musik und andere Aktivitäten mit dem gebotenen Abstand zulassen. Schulgärten, Parks, Scheunen oder Wälder bieten viele Gelegenheiten für Sinneserfahrungen und Bewegung an der frischen Luft, für praktische Arbeit, soziale und ökologische Projekte, Forschungs- oder Kunstprojekte. Vor allem für die jüngeren Kinder ist das essenziell. Spannende Outdoor-Entdeckungsreisen sind allemal fruchtbarer als die wiederkehrende Erfahrung, jetzt gar nichts »richtig« machen zu können. In Hamburg hat ein Sport- und Geografielehrer deshalb von 60 Unterrichtstagen nur zwei nach innen verlegt. Die norddeutsche Regel, dass es kein schlechtes Wetter, nur falsche Kleidung gibt, hilft auch in einer Pandemie.

Die Erfahrungen zu Hause, auf der Straße, miteinander und in den Medien bieten in allen Altersgruppen Anlässe, um daran zu arbeiten. Da, verstärkt durch die Kontaktbeschränkungen, immer jüngere Kinder über soziale Medien kommunizieren, ist es wichtig, mit ihnen anzugucken, was da passiert. Wie schützen sie sich und andere? Woran merken sie, wer mitliest? Wie kriegen sie raus, wem sie auf diesen Plattformen vertrauen können? Die Broschüre »Medienpädagogik an Waldorfschulen« des BdFWS [5] bietet viele praktische Anregungen, die von hier bis zum Verständnis der Künstlichen Intelligenz in den Oberstufenklassen führen. Eine gründliche Quellenanalyse und -kritik von Online-Medien sollte sowieso zur Grundausstattung in der Oberstufe gehören, hat aber angesichts der aktuellen Debatten über die Deutungshoheit zu verifizierten oder »Fake«-News eine unmittelbare gesellschaftliche Brisanz. 

In den natur- und geisteswissenschaftlichen Fächern können die Beziehungen von Viren und Bakterien zum menschlichen Immunsystem [6] und zu der gequälten Natur [7] ebenso erarbeitet werden wie grundlegende ökonomische Begriffe, die Gewaltenteilung, die Menschenrechte und den Freiheitsbegriff moderner Zivilgesellschaften.

Die bedeutende Rolle der Kunst und handwerklicher Arbeiten wird durch die Abstandsregeln noch offensichtlicher, weil diese Tätigkeiten die Bildung individueller Fähigkeiten mit Gemeinschaftserfahrungen verbinden und so einen aktiven und erfahrungsgestützten Gegenpol zu den derzeitigen Spaltungstendenzen bilden.

Die Pandemie fordert jedem Menschen sehr viel ab. Daher bedarf es verstärkter Anstrengungen bei allen Beteiligten in den Schulen und Kindergärten, in den Elternhäusern und bei den politischen Entscheidungsträgern, die aktuelle Situation mit Augenmaß zu meistern und den Kindern und Jugendlichen einen angstfreien Raum zu schaffen, der mit pädagogischer Phantasie und lebendiger Kreativität zu einem stärkenden Lernort für unsere Schüler:innen wird.

Henning Kullak-Ublick und Georg Soldner

Bund der Freien Waldorfschulen Medizinische Sektion am Goetheanum

PDF der Stellungnahme

Anmerkungen:

[1] Coronaviren sind nachgewiesenermaßen sensibel auf UV-Licht und umgekehrt besonders ausbreitungsfreudig in feuchter Kälte.

[2] Spitzer, M.: Gesichtsmasken im Unterricht. Vor- und Nachteile der Bedeckung der unteren Gesichtshälfte in Zeiten der Corona-Pandemie. ,ZSchr f Nervenheilkunde 2020, 39, S. 522- 532. Weitere wissenschaftliche Literatur: Ines Kappstein: Krankenhaushygiene up2date, 2020;15(03):279-295, DOI: 10.1055/a-1174-6591. Sie zieht ein kritisches Resümee. Entgegengesetzt die Stellungnahme des Robert Koch-Instituts: Mund-Nasen- Bedeckung im öffentlichen Raum als weitere Komponente zur Reduktion der Übertragungen von COVID-19. Strategie-Ergänzung zu empfohlenen Infektionsschutzmaßnahmen und Zielen (3. Update). Epid Bull 2020;19:3– 5, DOI: 10.25646/6731

[3] Vergl. Stellungnahmen des BdFWS vom 13. August und 5. Oktober 2020: https://www.waldorfschule.de/ueber-uns/corona-faq

[4] https://medsektion-goetheanum.org/fileadmin/user_upload/GAAD_Gesundheit_Kinder_Corona_de.pdf

[5] https://www.waldorfschule.de/paedagogik/medienmuendigkeit

[6] Vgl. Hardtmuth, Th.: Die Rolle der Viren in Evolution und Medizin – Versuch einer systemischen Perspektive. Tycho de Brahe Jahrbuch, Naturwiss. Sektion am Goetheanum, 2019, S. 125 - 184

[7] Ein trauriges aktuelles Beispiel bildet die Tötung von 17 Mio Nerzen Anfang November 2020 in Dänemark, nachdem dort das SARS-CoV-2-Virus erneut von Mensch auf Tier und zurück übergesprungen und dabei weiter mutiert ist. https://www.srf.ch/news/panorama/mutation-des-coronavirus-daenemark-toetet-millionen-nerze-aus-sorge-um-impfstoff. Vergleiche grundlegend zu diesem Gesichtspunkt G. Soldner, Was lernen wir medizinisch in der Pandemie? https://goetheanum.co/de/nachrichten/covid-19-was-lernen-wir-medizinisch-in-der-pandemie. Auch als pdf verfügbar unter www.medsektion-goetheanum.ch

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