Recht auf Kindheit – die Verantwortung liegt bei uns!

November 2016

Waldorfpädagogen fordern individuelle Freiräume im geschützten Raum der Kindertageseinrichtung. Frühe Intellektualisierung und digitale Medien behindern die individuelle Entwicklung und ein gesundes Aufwachsen von Kindern

Die Waldorfkindergärten haben am Wochenende vom 19.-20.11. in Hannover einen deutlichen Kontrapunkt zur einseitigen intellektuellen »Frühkindlichen Bildung« gesetzt, die Kinder als kleine (unvollständige) Erwachsene wahrnimmt und diese bereits in der Kita in einen eng getakteten Tagesablauf mit starrem Anforderungs- und Bewertungskorsett pressen möchte. Unter dem Leitbild »Recht auf Kindheit – die Verantwortung liegt bei uns!« hatte die Vereinigung der etwa 600 deutschen Waldorfkindergärten zu einem hochkarätig besetzten Symposium Frühkindliche Bildung am Sonnabend in das Hannover Congress Centrum eingeladen. Rund 1000 Pädagogen, Wissenschaftler und Gäste gedachten in Hannover des Mitbegründers der Vereinigung der Waldorfkindergärten, Dr. Helmut von Kügelgen, der in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden wäre. Darüber hinaus standen die aktuellen Chancen, Perspektiven und Herausforderungen der Frühen Waldorfpädagogik im Zentrum des Kongresses.

Vor der Bildung kommt die Begegnung, vor der Erziehung die Beziehung

Michael Wetenkamp, Vorstandsmitglied der Vereinigung der Waldorfkindergärten, erinnerte daran, wie groß die Versuchung in jeder pädagogischen Strömung ist, sich durch geeignete Methoden das kleine Kind gefügig zu machen. »Man glaubt, zum Besten des Kindes zu handeln, wenn man ihm Gewohnheiten beibringt, die seinen eigenen weltanschaulichen Wünschen und der Moral des Mainstreams entsprechen. Dabei wird verkannt, dass sich in der Interaktion mit Kindern genau wie unter Erwachsenen Individualitäten begegnen. Diese wachsen aneinander. Die absichtslose Geistesgegenwart der Erzieherin und des Erziehers befördert den Entwicklungsraum, der jedem Kind zusteht. Vor der Bildung kommt die Begegnung, vor der Erziehung die Beziehung«, betonte Wetenkamp. Aktuelle neurologische Studien bestätigten den nahezu 100-jährigen Ansatz der Waldorfpädagogik, dass nur eine sichere Bindung des Kindes und ein Entfaltungsraum, der die Autonomie des Kindes zulässt, dessen individuelle Entwicklung entscheidend fördert.

Gesundes Aufwachsen braucht Freiraum, Zeit und Respekt

Aus Sicht der Kinder- und Schulärztin Dr. Michaela Glöckler, einer von fünf Töchtern von Kügelgens, ist die Grundlage für eine individuelle und gesunde Entwicklung von Kindern, dass diese dabei unterstützt werden, ihre körperlichen und seelischen Bedürfnissen selbst wahrzunehmen. »Was ist für Kinder gewonnen, wenn sie sich in der digitalen Welt bewegen können und ihre Eltern sie mit immer neuen Spielsachen überraschen, anstatt Zeit zu investieren?«, fragte Glöckler in ihrem Vortrag über Bedingungen für eine gesunde Kindheit. Glöckler leitete von 1988 bis 2016 die Medizinische Sektion am Goethenaum (Freie Hochschule für Geisteswissenschaften in Dornach/Schweiz). Zum »Mensch werden« brauche es phantasievolles freies Spiel, das nicht durch technische Vorgaben gelenkt sei. Statt großer Spielzeugangebote sollten Erwachsene Respekt vor der Autonomie und Entdeckerfreude des Kindes haben, mit liebevoller Wahrnehmung die kleinen täglichen Fortschritte begleiten, also nach dem Grundsatz »Ich möchte, dass Du du selber wirst« handeln.

Grenzenloser Austausch – aktueller Gründungsboom in Ostasien

»Obwohl die pädagogische Bewegung annähernd 100 Jahre alt ist, ist sie durch die offene Form der Zusammenarbeit aller engagierten Pädagogen und anderen tragenden Persönlichkeiten eine, die sich immer wieder neu dem Zeitgeist stellt und den aktuellen menschlichen Gegebenheiten bzw. den veränderten Entwicklungsbedingungen der Kinder anpassen kann«, betonte Dr. Wolfgang Saßmanshausen, langjähriger Leiter des Rudolf Steiner Berufskollegs Dortmund. Der Lehrer, Erziehungswissenschaftler und Fachbuchautor ist weltweit in der Aus-, Fort und -weiterbildung von Pädagogen tätig. Sicherlich einzigartig sei, dass auf allen geographischen Ebenen, in Nachbarschaften, in den Bundesländern, europaweit, aber auch interkontinental regelmäßig die Zusammenarbeit der verantwortlichen Menschen bzw. der Repräsentanten größerer Zusammenhänge stattfindet. Auf allen Kontinenten in vielen Ländern dieser Erde seien mittlerweile Waldorfkindergärten aktiv. Waren es 1969 zur Gründerzeit von Kügelgens 24 Kindergärten in Deutschland und vielleicht 50 in der ganzen Welt, gebe es inzwischen in Deutschland rund 600, in der ganzen Welt vielleicht 2000 Waldorfkindergärten. »Derzeit ist ein gewaltiger Gründungsboom in Ostasien zu verzeichnen, besonders in China. Auch hier ist das treibende Motiv die Sorge um eine menschenwürdige Kindheit ohne den Menschen verachtende Leistungsforderung bereits in den ersten Jahren«, berichtete Saßmannshausen.

Digitale Medien behindern die Entwicklung und den Lernerfolg

Zum Abschluss des Symposiums referierte der Psychiater und Bestseller-Autor Prof. Dr. Dr. Manfred Spitzer über die negativen Auswirkungen der fortschreitenden Nutzung digitaler Medien auf die geistige und seelische Gesundheit von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen. »Digitale Medien sind aus der modernen Welt nicht mehr wegzudenken. Über die Risiken und Nebenwirkungen ihrer Anwendung, insbesondere bei Kindern und Jugendlichen, wird jedoch bislang kaum gesprochen, obgleich diese in mittlerweile sehr vielen Studien nachgewiesen wurden«, betonte der Ärztliche Direktor des Psychiatrischen Universitätsklinik in Ulm und Gründer des dortigen Transferzentrums für Neurowissenschaften und Lernen (ZNL). Erneut führte Spitzer seine Kernthesen aus: Digitale Medien behindern die körperliche, geistige, seelische und auch die soziale Entwicklung von Kindern und Jugendlichen. Der Gebrauch von Computern im Unterricht an Schulen oder während Vorlesungen und Seminaren an den Hochschulen vermindert den Lernerfolg. Multitasking ist keine lernbare Fähigkeit, sondern eine ineffektive Arbeitsorganisation, die zu längerfristig gestörter Aufmerksamkeit führt. Hinzu komme, dass digitale Medien ein Suchtpotential besitzen und längerfristig zu Ängsten, Unzufriedenheit und Depression führen. Aus diesen Gründen müssten Kinder geschützt werden. Bei Jugendlichen sei grundsätzlich immer zwischen dem Nutzen und den Risiken abzuwägen. »Den Umgang mit den Medien eigens lernen, wie oft behauptet wird, braucht man nicht, sofern man denken gelernt hat«, sagte Spitzer.

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