Die Akademisierung der Frühpädagogik. Eine Zehnjahresbilanz

November 2015

Im deutschen Bildungssystem treffen Heranwachsende auf umso geringer qualifiziertes pädagogisches Personal, je jünger sie sind. Auf diese Situation reagierten seit 2004 zahlreiche Initiativen zur Etablierung frühpädagogischer Hochschulstudiengänge. Die Expansion ist mittlerweile zum Stillstand gekommen – Peer Pasternack von der Universität Halle zieht in einer neuen Publikation Bilanz.

Mit den Akademisierungsinitiativen waren konkrete Erwartungen verbunden: Qualitätssteigerung der pädagogischen Arbeit, Höherwertigkeit des Berufs (höheres Sozialprestige und bessere Vergütung), Aufstiegschancen, steigende Verbleibquote im Beruf, mehr Männer in Kitas und intensivierte Forschung zur frühen Kindheit.

Diese Erwartungen werden von Pasternack mit den bisherigen Ergebnissen abgeglichen:

Qualitätssteigerung

Eher indirekte Wirkungen auf die Qualität in der Frühen Bildung gehen von Studienangeboten für Kita-Management und der Master-Stufe aus: über verbesserte Anleitung, Führung und Organisation sowie über intensivierte Forschung. Direkte Qualitätswirkungen hingegen können dann eintreten, wenn akademisiertes Personal in der Gruppenarbeit mit den Kindern tätig wird. Tatsächlich kommt ein großer Teil der Studienabsolventen dort an: 70 Prozent von ihnen sind zumindest auf ihrer ersten Stelle nach dem Studium unmittelbar in der Gruppenarbeit tätig.

Sozialprestige

Das Sozialprestige des Berufs der Erzieherin (bzw. Frühpädagogin) hat sich in den letzten Jahren zwar verbessert, allerdings unabhängig von der Teilakademisierung. Vielmehr war diese Entwicklung eine Folge der intensivierten gesellschaftlichen Debatten um den Stellenwert der frühkindlichen Bildung. Die Einordnung des Fachschulabschlusses »Staatlich anerkannter Erzieher« auf Niveau 6 des Deutschen Qualifikationsrahmens stellt eine symbolische Aufwertung dar – allerdings ausdrücklich jenseits der Akademisierung, denn auf Niveau 6 ist auch der Bachelor platziert.

Einkommen

Die Einkommen der Erzieher entwickelten sich in den letzten Jahren zwar positiv: Sie stiegen seit 2009 um etwa 20 Prozent. Grund war jedoch nicht die Teilakademisierung. Ursächlich wirkten vielmehr die hohe Nachfrage nach Fachkräften und der Tarifdruck der Gewerkschaften. Bislang erreichen lediglich 16 Prozent der Bachelor-Absolventen auf ihrer ersten Stelle eine Einstufung, die angewandte wissenschaftliche Kenntnisse voraussetzt. Die Hochschulabsolventen verdienen nur dann mehr als andere Fachkräfte, wenn sie höhere Berufspositionen bekleiden – was aber auch für Fachschulabsolventen zutrifft.

Aufstiegschancen

Die Fachschulausbildung zum staatlich anerkannten Erzieher galt als (weitestgehende) Karrieresackgasse. Hier haben die neuen Hochschulstudiengänge Aufstiegschancen eröffnet, die auch wahrgenommen werden. Drei Viertel der Bachelor-Studierenden haben bereits einen Abschluss in einem Erziehungsberuf, und von diesen erhoffen sich 94 Prozent berufliche Aufstiegschancen durch das Studium. 48 Prozent der bisherigen Bachelor-Absolventen haben auch bereits leitende Tätigkeiten erreicht.

Verbleibquote

Seit Jahrzehnten gibt es eine vergleichsweise hohe Fluktuation aus dem Berufsfeld Frühe Bildung hinaus. Hier ist die Erwartung, dass die akademisierten Fachkräfte eine steigende Verbleibquote im Beruf realisieren werden. Belastbare Aussagen dazu werden sich erst in etwa zehn Jahren gewinnen lassen. Sobald die akademisierten Frühpädagogen aber den gleichen Berufsverbleib realisieren wie sonstige Pädagogen mit Hochschulabschluss, korrigieren sich auch deutlich die Kosten der verschiedenen Ausbildungs- bzw. Studienvarianten: Die Kosten für eine dem Berufsfeld tatsächlich zur Verfügung stehende FH-Fachkraft fallen dann um 29,5 Prozent günstiger aus als die für eine Fachschulfachkraft.

Geschlechteranteile

Mit der Einführung frühpädagogischer Studiengänge war die Hoffnung verbunden, mehr Männer für Kitas gewinnen zu können. Der Befund ist vorerst ernüchternd: Der Männeranteil in den Studiengängen ist konstant niedrig und beträgt acht Prozent. An den Fachschulen für Sozialpädagogik hingegen liegt er mittlerweile bei 18 Prozent. Damit hat sich dieser Ausbildungsweg einstweilen als leistungsfähiger hinsichtlich der zusätzlichen Gewinnung von Männern erwiesen.

Forschung

Die Erwartung, dass die Hochschulstudiengänge auch mehr wissenschaftliche Ressourcen bedeuten und damit zu einer intensivierten Forschung zur frühen Kindheit führen, ist in Teilen eingetreten. Eingeschränkt wird dies dadurch, dass sich die Teilakademisierung der Frühpädagogik auf die Fachhochschulen konzentriert hat. Die mit mehr Forschungsressourcen ausgestatteten Universitäten sind, was die Einrichtung frühpädagogischer Angebote betrifft, vorerst sehr zurückhaltend geblieben. Gleichwohl ist es von 2003 auf 2014 zu einer Versechsfachung der Forschungsressourcen für das Themenfeld Frühe Bildung/Frühe Kindheit gekommen – was angemessen nur zu bewerten ist, wenn man sich das niedrige Ausgangsniveau vor Augen hält.

Peer Pasternack: Die Teilakademisierung der Frühpädagogik. Eine Zehnjahresbeobachtung, unter Mitwirkung von Jens Gillessen, Daniel Hechler, Johannes Keil, Karsten König, Arne Schildberg, Christoph Schubert, Viola Strittmatter und Nurdin Thielemann, Akademische Verlagsanstalt, Leipzig 2015, 393 S.

Inhaltsverzeichnis und zentrale Ergebnisse unter http://www.hof.uni-halle.de/publikation/die-teilakademisierung-der-fruehpaedagogik

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