Lesenlernen formt das Gehirn selbst bei Erwachsenen

Mai 2017

Lesen ist eine derart junge kulturelle Errungenschaft, dass im Gehirn noch kein eigener Platz für sie vorgesehen ist. Während wir lesen lernen, werden daher Hirnregionen umfunktioniert, die bis dahin für andere Fähigkeiten genutzt wurden.

Zwei Dörfer in Indien: Zu Beginn des Trainings konnten die meisten Teilnehmerinnen kein einziges Wort entziffern. Ein halbes Jahr später hatten sie bereits das Niveau von Erstklässlerinnen erreicht. © Max-Planck-Institut für Psycholinguistik, Nijmegen

Wissenschaftler der Max-Planck-Institute in Nijmegen und Leipzig haben herausgefunden, dass dabei grundlegende Veränderungen in evolutionär sehr alten, tiefverborgenen Strukturen des Organs vorgehen. Zu diesen Erkenntnissen gelangte das Team anhand einer Studie in Indien, in der Analphabetinnen sechs Monate lang lesen und schreiben lernten.

Im Zuge des Lesenlernens werden Hirnareale, die für die Erkennung von Gesichtern und ähnlicher komplexer Objekte zuständig waren, von der neu entstehenden Fähigkeit genutzt, Buchstaben in Sprache zu übertragen. Dadurch entwickeln sich einige Regionen des visuellen Systems zu Schnittstellen zwischen dem Seh- und Sprachsystem. 

Anders als bisher angenommen werden durch diesen Lernprozess Umstrukturierungen in Gang gesetzt, die bis in den Thalamus und den Hirnstamm hineinreichen. Im Vergleich zur verhältnismäßig jungen Schrift des Menschen verändern sich Regionen, die evolutionär gesehen recht alt sind.

Indien ist ein Land mit einer Analphabetenrate von etwa 39 Prozent. Hier wird vor allem Frauen der Zugang zu Schulbildung und damit zum Lesen und Schreiben verwehrt, sodass an der Studie ausschließlich Frauen im Alter zwischen 24 und 40 Jahren teilnahmen. Ein Großteil der Teilnehmerinnen konnte zu Beginn des Trainings kein einziges Wort der Sprache Hindi entziffern. Nach sechs Monaten Unterricht erreichten die Teilnehmerinnen bereits ein Niveau, das sich mit dem von Erstklässlern vergleichen lässt.

Die erstaunlichen Lernerfolge der Studienteilnehmer sind nicht nur ein hoffungsvolles Signal an erwachsene Analphabeten. Sie werfen auch ein neues Licht auf mögliche Ursachen der Lese-Rechtschreib-Störung (LRS). Bisher wurden Fehlfunktionen des Thalamus diskutiert, die zu grundlegenden Defiziten in der visuellen Aufmerksamkeit führen könnten. »Da wir nun wissen, dass sich der Thalamus bereits nach wenigen Monaten Lesetrainings so grundlegend verändern kann, muss diese Hypothese hinterfragt werden«, so Michael Skeide vom MPI Leipzig. 

Orginalpublikation: Skeide, M., Kumar, M., Mishra, R. K., Tripathi, V.N., Guleria, A., Singh, J.P., Eisner, F., & Huettig, F. (in press). Learning to read alters cortico-subcortical cross-talk in the visual system of illiterates. Science Advances

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