Der Sound einer Schule

September 2017

Der ehemalige Waldorfschüler Viz Michael Kremietz über das Aufwachsen im Internationalen Kulturzentrum Achberg und das Experimentieren mit Musik.

Foto: © Pit Hartmann

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Erziehungskunst | Herr Kremietz, wie klingt eine leere Schule um Mitternacht?

Viz Michael Kremietz | Um es vorsichtig auszudrücken: Sie atmet. Als ich unser Schulgebäude in der heiligen Nacht 2015 bei Vollmond betrat, wollte ich die Essenz des »Klangraums Waldorfschule Wangen« einfangen. Auch wenn niemand im Gebäude war, so vernahm ich doch Geräusche, Laute, leises Brummen und Klänge, die mir unerklärlich waren. Dann spürte ich ganz deutlich die Schwingung im Haus, und diese Schwingung formte sich in mir zu einem eigenen »Sound« – es war der »Sound« eines lebendigen Organismus.

Man muss es selber erleben, nachts im Dunkeln in einem großen Gebäude zu lauschen. Irgendwann hört man ihn ganz deutlich, den »Klang der Stille«. Ich schaltete mein Aufnahmegerät an und verließ dann das Gebäude. Das Interessante ist, alle hörten bei diesem Stück »Stille« etwas anderes. Die Bandbreite reichte von »Nichts« über »Heizung« bis »Herzschlag«.

EK | Was kann das Ohr an einer Schule hören, was das Auge nicht sieht?

VMK | In meiner 20jährigen Tätigkeit als Musiker begleitete mich die indische Weisheit: »Das Auge führt den Menschen in die Welt, das Ohr die Welt in den Menschen.« Natürlich machen wir mit allen unseren Sinnen Erfahrungen und diese lösen dann Emotionen oder Reaktionen in uns aus. Meiner Ansicht nach aber dringen die Schwingungen von Sprache, Musik, Geräuschen und Klängen tiefer in uns hinein, berühren vielleicht auch mehr das Seelische in uns. Um seinen Weg zu finden, muss man nach innen lauschen, bis das Wesentliche übrigbleibt. Ein Lehrer sagte einmal in meiner Schulzeit: »Musik wäscht den Alltagsstaub von der Seele.« Und der ist mit dem Auge nicht sichtbar.

EK | Wie kamen Sie zu diesem Experiment?

VMK | Schauplatz Waldorfschule Wangen in den 1980er

Jahren. Mittwoch, dritte und vierte Stunde, Chorsingen. Ich mochte es nicht. Weder für mich, noch für Hans Niessen, unseren Musiklehrer, eine erbauliche Situation. Hätte mir damals jemand gesagt, ich würde einmal gemeinsam mit ihm ein Konzert geben, hätte ich ihn schlichtweg für verrückt erklärt. Ich wollte zwar damals nicht singen, es war aber für mich doch ein gutes Gefühl, einfach im Klang zu sitzen. Vielleicht war das der Anfang, denn drei Jahrzehnte später hatte ich den Impuls, gemeinsame Konzerte zu machen, was wiederum der Anstoß für das Klangraum-Projekt war. Hans Niessen ist ein großartiger Musiker und Klangkünstler, der viele tausend Schüler unserer Schule musikalisch begleitet hat. So entstand aus Anlass des 40-jährigen Jubiläums unserer Schule und nach zweijähriger Arbeit diese CD mit 25 Stücken und über 150 Mitwirkenden. Wir haben sie in Klassenzimmern, im Musiksaal, im großen Saal, im Treppenhaus, auf dem Pausenhof, im Atombunker und im Lehrerzimmer aufgenommen. Zu hören sind Chorlieder, Gedichte, die Morgensprüche, Solostücke, Instrumentalstücke, Improvisationen und andere Klangexperimente. Es ging mir darum, den Räumen ihre spezifischen Klangqualitäten zu entlocken.

Gestalterisch begleiten wollte ich das Projekt, indem ich die schöne Architektur der Schule durch »Farbtöne« sichtbar machte. Spontan griff Pit Hartmann zur Kamera und ich experimentierte mit drei Farbscheinwerfern.

EK | Wenn Sie auf Ihre eigene Schulzeit zurückblicken: Was haben Sie mitgenommen?

VMK | Höhen und Tiefen. Die letzten Schuljahre waren etwas aufreibend. Wir waren die ersten Punks und Grufties an unserer Schule, schwarze Gestalten, die für kontroverse und absurde Diskussionen sorgten. Mit dem Klangraum-Projekt möchte ich der Schule etwas zurückgeben, was ich von ihr bekommen habe. Denn ich profitiere von dieser Zeit: den kreativen Fächern, dem Theaterspielen, der Musik. Dass wir Waldorfschüler »goldene Hände« haben, ging bei mir voll auf.

EK | Was verbindet Sie mit Ihrer Schule heute?

VMK | Meine Eltern gründeten neben der Schule den Naturkostladen Ceres. So ist die Verbindung nie abgebrochen. Unsere Kinder Ronja und Timo besuchen die 10. und 7. Klasse. Zudem arbeite ich im Arbeitskreis für Öffentlichkeitsarbeit mit. Die letzte große Sache war die Bundeskonferenz und Delegiertentagung des Bundes an unserer Schule. Das war ein tolles Erlebnis, Vertreter aller Waldorfschulen an der unsrigen zu empfangen.

Die Aufgaben und Herausforderungen unserer Schule werden in dieser technisch schnell fortschreitenden Zeit nicht einfacher. Ich glaube, wir alle brauchen viel Energie, Mut, Kreativität und Humor, um die Gedanken und Impulse der Anthroposophie in das digitale Zeitalter zu transformieren.

EK | Sie sind als ein Kind des Achberger Kreises aufgewachsen. Wie lebt dieser Kreis in Ihrer Erinnerung?

VMK | Am Internationalen Kulturzentrum (Inka) Achberg machte ich meine ersten musikalischen und klanglichen Erfahrungen. Das war in den 1970er Jahren. Abends lag ich in meinem Bett und über mir ertönte fast jeden Abend das Klavier. Über meinem Zimmer war der große Saal des Humboldthauses. Viele spielten auf diesem Klavier. Gute und weniger gute Spieler musste ich mir anhören. Was jeder aber anscheinend spielen konnte, war der »Flohwalzer«. Oft, zu oft, musste ich dieses Stück hören. Wenn meine Kinder Ronja und Timo mich ärgern wollen, spielen sie den »Flohwalzer«.

Meine Mutter Dagmar Kremietz-Fuhl arbeitete damals im Naturkostladen »Kornkämmerle« in Basel. Dort lernte sie meine spätere Erstklasslehrerin Katrin Dieterle kennen, sowie Uli Rösch mit seiner Frau Coni und Gerd de Vries. Alle zusammen zog es dann nach Achberg.

Ein buntes Treiben herrschte auf dem Hügel in Esseratsweiler. Meine Mutter arbeitete in der Teestube des Inka. Ich fühlte mich wohl unter so vielen Menschen. Ich verstand zwar nicht, um was es ging, doch erlebte ich die Menschen voller Energie, Humor und Eifer. Bedeutende Tagungen und Symposien fanden dort statt, mit Joseph Beuys, Wilhelm Schmundt, Peter Schata, Rainer Rappmann, Wilfried Heidt, Jutta und Fred Lauer.

Viele Initiativen entstanden in jenen Tagen – wie die der Gründung einer Waldorfschule. Zusammen mit meinem ersten und ältesten Freund Ole Puppe hatten wir eine Menge Spaß im Inka, und über so manche Streiche können wir heute noch lachen. Einmal standen 30 fertig gegrillte Hähnchen bereit für die Tagungsgäste; da die knusprige Haut so lecker war, kamen die Hähnchen nackt oben an – Max und Moritz lassen grüßen. Wir hatten unseren ersten Schultag noch im Humboldthaus. Mit völliger Verwunderung griff ich in meinen Geschenkbeutel und hatte Eurythmieschuhe in der Hand und wusste nicht, für was die gut sein sollten.

Ursprünglich war geplant, die Waldorfschule auf einer Wiese neben dem Humboldthaus zu bauen. Da diese Wiese zu sumpfig war, konnte dieser Plan leider nicht umgesetzt werden. Die ersten drei Jahre hatten wir in der alten Grundschule in Neuravensburg Unterricht. Als diese zu klein wurde, wurden zwei Holzbaracken errichtet, damit der Unterricht für die höheren Klassen weitergeführt werden konnte. Ende der 1970er Jahre wurde mit dem Bau der Schule in Wangen begonnen. 1981 zogen wir nach Wangen um.

EK | Was ist das Anliegen des Internationalen Kulturzentrums?

VMK | Inka sucht den »dritten Weg«, eine Alternative jenseits von Kapitalismus und Kommunismus. Mit dieser Idee knüpfen die Mitarbeiter an den Impuls der »Dreigliederung des sozialen Organismus« an, den Rudolf Steiner am Ende des Ersten Weltkriegs den Menschen zu vermitteln versuchte. Es ist ein wundervoller und kraftvoller Ort, mit einer fantastischen Aussicht auf den Bodensee und die Alpen. Es finden dort nach wie vor Tagungen und Seminare statt. Auch die Cafeteria mit leckerem Nusskuchen ist zu empfehlen.

EK | An welchem Projekt arbeiten Sie gerade?

VMK | Neben meinem normalen Unterricht hier auf dem Summhof in Zenmeditation und Kampfkunst gebe ich Workshops an Schulen in Stockkampf und Klang & Hören. Zur Zeit arbeite ich mit der Schauspielerin Stephanie Blau zusammen, die Geschichten und Weisheiten aus der Wüste erzählt, die ich musikalisch untermale.

Eine zweite CD habe ich mit Hans Joachim Irmler von der legendären Krautrockgruppe Faust eingespielt. An Ostern gab es ein Konzert in der Suchtklinik Sieben Zwerge in Salem. Zum Abschluss des Jubiläumsjahres unserer Schule wird es ein gemeinsames Konzert mit Alexander Lauterwasser geben. Dabei werden dessen beeindruckende Live-Wasserklangbilder zu sehen sein.

Die Fragen stellte Mathias Maurer.

Kommentare

Elfriede Puppe Nehls, Wangen Im Allgäu, 01.09.17 14:09

Lieber Michael, dein Bericht über Achberg und Waldorfschule aus deiner persönlichen musikalischen Perspektive ist der beste, den ich über diesen Zusammenhang kenne.
In Achberg konnte ich damals an vielen Konferenzen lernend und übend teilnehmen und die Gründung der Waldorfschule ganz nah mit Begeisterung begleiten. Letztenendes war ich bei der Improvisation im Treppenhaus mit meiner Stimme dabei, ohne es selber direkt geplant zu haben.
So schließt sich ein mit Enthusiasmus, viel Freude und Entwicklung ausgefüllter Kreis und mag aufgehen zu neuen Inhalten.
Auf ein Neues! Elfriede Puppe Nehls.

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