Zeit für Stille

Von Ute Hallaschka, Dezember 2017

Am 30. November startet ein Film, den man ein wichtigstes Kulturzeugnis nennen könnte. »Zeit für Stille« ist eine Meditation, eine Sinneslehre, eine Weltreise nach innen.

Der Regisseur Patrick Shen hat in den USA unzählige Auszeichnungen erhalten. Sein Regie-Statement zu seinem aktuellen Meisterwerk lautet, »... der Unbeschreiblichkeit der Stille zu huldigen. Die Dreh- und Schnittarbeit des Films spiegelt unsere Wahrnehmung der Welt wider, wenn wir still sind. Es gibt keine Kranfahrten, schwungvolle Drohnenaufnahmen oder Kameraschwenks. Der Film folgt einem behutsam komponierten, am menschlichen Stoffwechsel orientierten Rhythmus.«

Es beginnt mit einem Tribut an John Cage – eine experimentelle Stille von vier Minuten. Dazu sehen wir Naturbilder, wogendes Gras, rauschendes Meer – ein unglaublich synergetischer Eindruck. Man beginnt zu leiden am Verlust des Gehörs. An der Entbehrung der Stimmen der Natur. Damit wird dem Zuschauer von Anfang an bewusst: Stille ist nicht die Abwesenheit von Klang oder Geräusch, im Gegenteil. Stille ist der Aufmerksamkeitsraum, die Sphäre des Hörens. Der rund 80-minütige Film wird in OV mit deutschen Untertiteln gezeigt, er lässt uns alles erfahren, was die menschliche Hörfähigkeit ausmacht. Das ist weitaus mehr, als uns gewöhnlich bewusst ist. Unser Gehörsinn ist eigentlich draußen, jenseits der Grenzen des Körpers, ist im Weltbewusstsein.

Gedreht wurde über zwei Jahre in acht Ländern. Wir reisen von einem Trappistenkloster in Iowa über die echofreie Kammer der Orfield Labs (stillster Ort der Welt) nach Mumbai (lauteste Stadt der Welt), von Alaska zur Teezeremonie im berühmten Urasenke Teehaus in Kyoto, zu einem Zenkloster und zu einer New Yorker Schule, direkt neben den Hochgleisen, wo alle drei Minuten die vorüberdonnernden Züge dafür sorgen, dass die Schüler selbst bei geschlossenen Fenstern kein Wort verstehen können.

Die kurzen Interview-Passagen mit den jeweiligen Protagonisten sind schmiegsam in den Stilleprozess gebettet – auch das in großartiger Konsequenz: Das Filmteam legte vor jeder Gesprächssequenz mit dem Dialogpartner eine Schweigeminute ein. So wird beredte Stille zur Quelle guter Worte und führt zu einem Verständigungsgeschehen, das viel tiefer geht als gewöhnlich. In dieser Hinsicht ist »Zeit für Stille« ein eminent politischer Film, denn es wird in Zukunft das Verständnis immer mehr von Gesprächsbereitschaft und der entsprechenden Hörfähigkeit abhängen. Diese zu schulen nicht als Rhetorik oder irgendein Kommunikationstraining – und sei es noch so gewaltlos –, sondern als Ausbildung des inneren Gehörs im Schweigen – das ist sicher eine neue Übung. Wer den Film gesehen hat, versteht am Ende ganz selbstverständlich, was einem zu Beginn vielleicht noch skurril vorkommen mochte: Creg Hindy, der ein Schweigegelübde abgelegt hat und ein Jahr still durch ganz Nordamerika wandert. Ach, man bekommt Lust es ihm gleich zu tun!

Zeit für Stille (In Pursuit of Silence), USA  2016, Regie: Patrick Shen, Kinostart in D.: 30. November 2017, Regie: Patrick Shen, Englisch mit Untertiteln, FSK: o. Altersbeschränkung, Laufzeit:  81 Min., DVD ab April 2018