»Ach, wir Armen!« Waldorflehrer setzen andere Prioritäten – auch beim Gehalt

Von Norbert Handwerk, April 2010

An Geld mangelt es überall, auch an Waldorfschulen. Dem Vorurteil, dass man bei »Waldorfs« schlecht verdient, ist allerdings mit Vorsicht zu begegnen. Der Vergleich mit dem lukrativen Staatsdienst ist zu pauschal. Das Lamento schwächt den Elan, ganz abgesehen von der abschreckenden Wirkung für die Gewinnung von Lehrernachwuchs.

Soziale Utopien haben ihren Preis. Foto: Charlotte Fischer

Die Gehaltssituation an den Waldorfschulen muss mit neuen Bewusstsein durchdrungen werden. Denn viele Entscheidungen über Gehaltsordnung und Stundentafel sind lange Zeit vor dem eigenen Eintritt in das neue Kollegium getroffen worden. Sie sind mit dem Profil der Waldorfschule so fest verknüpft, dass gar nicht mehr bewusst ist, dass es sich einst um freie Entscheidungen handelte. Wofür haben sich die Lehrerkollegien denn eigentlich entschieden?

 

  • Waldorfschulen lehnen Hierarchien ab und vermeiden Klassenunterschiede zwischen den Pädagogen – ob Kindergärtnerin, Hausmeister, Sekretärin, Klassenlehrer, Fachlehrer, Oberstufenlehrer, Schulleitung oder Geschäftsführer. Die meisten Waldorfschulen haben sich entschieden, allen Angestellten das gleiche (Grund-) Gehalt zu zahlen.
  • Das Waldorf-Grundgehalt ist oft deutlich niedriger als ein vergleichbares im Öffentlichen Dienst. Trotz oft sogar höheren Familienzuschlägen (Kinder, Familienstand) müssen Waldorflehrer Konsumverzicht üben.
  • Im Öffentlichen Dienst wird je nach Ausbildungsvoraussetzung in verschiedene Besoldungsgruppen differenziert. Bei Waldorflehrern zählt nur die Tätigkeit. Es wird nicht unterschieden, ob ein Waldorflehrer beide Staatsexamina als Gymnasiallehrer oder als Fachlehrer »nur« eine Ausbildung als Handwerker hat. Im ersten Fall liegt das Waldorf-Gehalt niedriger, im zweiten höher.
  • Im Öffentlichen Dienst steigen die Bezüge mit dem Alter, die Waldorfschulen lehnen eine »automatische« Gehaltserhöhung in der Regel ab. Aufstiegschancen gibt es als Waldorflehrer nicht, ebenso wenig besondere Zulagen für Engagement, Verantwortung, Fachkompetenz oder Arbeitsbelastung: Geld soll kein Anreiz für Leistung sein.
  • An Waldorfschulen umfasst ein volles Deputat im Durchschnitt 22 Wochenstunden. Lehrer an staatlichen Schulen haben im Vergleich mehr Stunden (je nach Bundesland verschieden, z.B. Grundschule 29, Sek.I 24-26, Sek.II 24 Wochenstunden).
  • Auch wenn die Klassen an Waldorfschulen meist größer sind, so sind doch die Lerngruppen nach dem Hauptunterricht deutlich kleiner, was die Unterrichtssituation für Schüler und Lehrer verbessert. Die Lehrer-Schüler-Relation beträgt an Waldorfschulen etwa 1 zu 14 (statt mindestens 1 zu 17 bis 26 in staatlichen Schulen).
  • Die rechtliche, wirtschaftliche und pädagogische Selbstständigkeit haben ihren Preis. Die Lehrer engagieren sich auch im Schulverein, befassen sich mit den wirtschaftlichen Grundlagen, erarbeiten eigene Gehaltsordnungen und planen Neubauten. Interessant ist hier ein Vergleich mit den Deputats-Entlastungsstunden, die einer vergleichbar großen Schule in staatlicher Trägerschaft zugestanden sind (ca. 40 Stunden für Schulleitung oder Personalrat bei 400 Schülern). Wenn Waldorfschulen wegen der vielfach als zeitaufwändig und belastend erlebten Tätigkeiten in Konferenzen, Gremien und Arbeitsgruppen für ihre Selbstverwaltung mehr Entlastungsstunden gewähren, so muss sich diese Entscheidung bei gleich bleibendem Personaletat gehaltsmindernd auswirken.
  • Für die Zufriedenheit mit dem Gehalt ist nicht nur dessen Höhe oder die des gesellschaftlich Vergleichbaren relevant. Attraktiv wird die Waldorfschule für Lehrer vor allem wegen ihres ganzheitlichen pädagogischen Konzepts, des angenehmen Schulklimas und der gepflegten Umgebung, wegen der netten Schüler und der engagierten, bildungsinteressierten Elternschaft, wegen der Möglichkeit, in einer wirklichen Schulgemeinschaft den Erziehungs- und Bildungsprozess gemeinsam gestalten zu können. All dies ist mit Geld nicht zu bezahlen.

Die Verwirklichung von sozialen Utopien hat ihren Preis!


Kommentare

Julia , 26.04.10 12:04

Ich habe vollen Respekt vor Norbert Handwerk und seiner Arbeitsleistung für die Waldorfpädagogik, aber dieses Thema hat wirklich mehr Tiefgang als sein Artikel wiedergibt!

Sein Abschlussslogan ist so deplaziert wie eine Discokugel am Christbaum. Utopia ist eine sehr abwertende Beschreibung für die Lebensräume, Sinnesräume, Spielräume, die wir jeden Tag neu und REAL erschaffen. Utopia liegt für mich woanders, nicht in unserer Realität. Unser Preis ist doch das "Sozialkapital", das wir mit unserem antizyklischen Verhalten generieren und in das wir jeden Tag neu investieren, von Camphill bis Waldorfschule geben wir der Sozialen Dreigliederung unser Leben, jeder Einzelne, jeden Tag wieder von Neuem. Es mag auch immer wieder frustrieren, aber indem wir es jeden Tag anders machen, auf der ganzen Welt, integrieren wir das antisoziale Wesen in uns selbst und in der Menschheit bis zu seiner Auflösung und darauf kommt es an. Jeden Tag immer wieder neu. Einen besseren, lebendigeren Schulungsweg kann ich mir gar nicht denken als das tägliche Tun in und mit unserem Geistigen. Zigtausende von uns jeden Morgen auf der ganzen Welt, mit den Herzen denkend bei Morgensprüchen, Wochensprüchen, Fachmeditationen in allen unseren Einrichtungen, Lehrer, Erzieher, Sozialtherapeuten, Heilpädagogen, Ärzte, Eurythmisten, ALLE und dazu noch der Dodekaeder. Das kann man doch spüren, wenigstens ein Teil unserer Bewegung nimmt das wahr.

Wäre schön, wenn dieser Artikel eine Entwicklung erfahren würde mit weiterführenden Aspekten wie Biographisches, Umverteilung von Wirtschaftsressourcen, Grundeinkommen und nicht zuletzt unserem Individualitätsbegriff im Spannungsfeld von Ideal und Leben...denn das Ideal, das sollte man ja zumindest kennen.

Manfred , München, 04.09.10 08:09

"Da mihi facta - dabo tibi ius." Rück die Zahlen heraus (Bruttojahresgehälter samt Altersversorgung; Bilanz/Gewinn-und Verlustrechnung der Schule) erst dann reden wir weiter. So einfach ist das. Oder mußt Du was verstecken....?

Peter , 03.12.10 10:12

Alles hat seinen Preis, auch gute Arbeit!
Aber ohne gutes Entgeld wird es in der Zukunft keine guten Lehrer (mehr) geben.

Max Meyer, DE, 22.06.11 14:06

Ja, es ist gut das wir hier besprechen, was ein angemessenes Gehalt ist. Dazu gehört auch die Frage, ob wir nach Leistung oder Bedarf bezahlen.
Einerseits steht das Gehalt im Verhältnis zu den Grundbedürfnissen und zum Existenzminimum und andererseits zu anderen Gehältern.
Was brauchen wir mindestens, um nicht zu verhungern und zu erfrieren? Kaum jemand fordert, den Grundfreibetrag im Einkommensteuerrecht von derzeit 8000 Euro abzusenken.
Darüber hinaus haben Berufstätige noch früher sogenannte Standesbedürfnisse. Von einem Lehrer werden bestimmte Dinge erwartet: Er bildet sich zu Hause und auf Reisen fort, ist anständig angezogen und nimmt am Kulturleben teil. Was zu diesen Standesbedurfnissen zählt und was Luxus ist, lässt sich im Einzelfall nicht sagen. Wahrscheinlich schaffen es nur sogenannte Sparfüchse oder Lebenskünstler, in Deutschland mit weniger als 1500 Euro im Monat als Lehrer zu leben, ohne als ärmlich bedauert zu werden oder als geizig zu gelten.
Während das Existenzminim sich an den Kosten für Nahrungsmittel und Unterkunft orientiert, beziehen sich die 'Standesbedürfnisse' auf den relativen Wohsltand.
Noch schwieriger wird es, wenn wir fragen, wie wir Lehrer Teildeputaten, mit Unterhaltspflichten bzw. Familienangehörigen bezahlen wollen. Inwiefern gehört die Vorsorge für Krankheit und Alter mit zum Gehalt? Sollte dafür der Staat aufkommen, und vielleicht auch für das Existenzminimum in Form eines bedingungslosen Grundeinkommens?
Die Frage nach der Teilzeitarbeit impliziert, dass es ein Verhältnis gibt zwischen leistungsabhängiger und bedürfnisabhängiger Bezahlung. Dankbar wäre ich für Infos, welche Gedanken sich andere Menschen zu einer GeHALTsordnung machten, die die Mitarbeiter gesund und leistungsfähig erHAELT.

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