Genderbewusstsein

Von M. Michael Zech, Juni 2017

Die Genderthematik steht in einigen Vorträgen Rudolf Steiners zur Geschlechtsreife zentral. Dabei hatte er in den 1920er Jahren weder die heutigen Kenntnisse z.B. von der genderspezifisch unterschiedlichen, neuronalen Verarbeitung, noch konnte er auf einen Diskurs über die zahlreichen Möglichkeiten zurückgreifen, sich sexuell und geschlechtlich zu definieren.

Foto: © Charlotte Fischer

Er unterschied eine männliche und weibliche Konstitution und leitete von ihr die Differenzierung einer männlich oder weiblich geprägten Selbst-Welt-Beziehung ab. Dabei stellte er aber schon 1894 in seiner »Philosophie der Freiheit« die Individualität das Menschsein über die Geschlechtszuordnung und kritisiert: »Der Mann sieht im Weibe, das Weib im Manne fast immer zuviel von dem allgemeinen Charakter des anderen Geschlechts und zu wenig von dem Individuellen.«

Auch im Zusammenhang mit karmischen Betrachtungen charakterisierte er die Inkarnation der geistigen Individualität, also des Wesens des Menschen, jenseits der Geschlechtlichkeit, in einer weiblichen Konstitution als einen biographischen Prozess der Verinnerlichung, in männlicher Konstitution als ein Leben in Auseinandersetzung mit der Außenwelt. Zweifelsohne stehen solche Typisierungen in der Tradition patriarchaler Kulturen. Diese aber mit Steiners Genderverständnis gleichzusetzen, greift zu kurz, war er doch überzeugt, dass der weiblichen Konstitution und Psyche – der er im Gegensatz zum Männlichen Umgebungswahrnehmung, Kommunikationsfähigkeit, soziales Bewusstsein und Offenheit gegenüber dem eigenen Organismus zuschrieb –, für eine Kultur des Individuellen (Bewusstseinsseele) tragende Bedeutung zukomme. So besetzte er innerhalb der anthroposophischen Bewegung konsequent verantwortliche und leitende Positionen mit Frauen. Dabei unterschied er aber die Genderrollen klar und wendete sich zum Beispiel gegen die Tendenz der Frauenrechtlerinnen, ihre gesellschaftliche Bedeutung durch die Übernahme männlichen Rollenverhaltens zu erkämpfen.

Weibliche und männliche Konstitutionen

In den Vorträgen zu Geschlechtsreife und Jugendpädagogik unterscheidet Steiner die weibliche und männliche Konstitution aufgrund eines unterschiedlichen Verhältnisses der Wesensglieder zueinander. Die Tatsache, dass sich die physische Transformation zur Geschlechtsreife bei Mädchen früher als bei Jungen vollzieht, führt er darauf zurück, dass sich das Seelisch-Geistige eher mit den Lebens- und Bildeprozessen – also dem Ätherleib – verbindet und deshalb nicht so tief in die Physis inkarniert. Daraus resultiere die Tendenz, für Prozessuales, Lebendiges, Atmosphärisches und für Lebensvorgänge aufgeschlossener zu sein. Da die intensivere Resonanz mit dem Organischen und der gesundheitlichen Befindlichkeit bei Mädchen zu einer stärkeren Identifikation mit dieser führe, entwickle sich daraus eine stabilere Grundlage für das Selbstvertrauen und die Persönlichkeitsentwicklung als bei Jungen. Die Herausforderung der weiblichen Konstitution liege darin, dass der seelisch-geistige Wesenskern die Tendenz habe, von den Lebensprozessen (Ätherleib) »aufgesogen« zu werden, weshalb die zur Bewusstheit und Reflexion beitragende Distanz zur umgebenden Welt, insbesondere zu der physisch-technischen Zivilisation, schwerer falle. Aus dem lebendigen Mitvollzug und den damit einhergehenden Resonanzerfahrungen entwickle sich daher beim heranwachsenden Mädchen ein differenziertes seelisches Leben und die Neigung sich zu identifizieren, was einerseits zu einem stabilen Selbstgefühl, andererseits aber zur Schwierigkeit beitrage, analytische Distanz auf­zubauen. Deshalb, so Steiner, werde den weiblichen Jugendlichen oft die Umgebung zum Rätsel.

Dem stellt er die männliche Konstitution gegenüber, die dazu beitrage, dass sich der Junge tendenziell selbst das größte Rätsel sei. Dies habe damit zu tun, dass das Eigenseelische, anders als beim Mädchen, später in eine schon ausgestaltete und verfestigte Physis eintauche und sich deshalb nicht mehr an das Prozessual-Lebendige, sondern eher an die verfestigte Stofflichkeit binde. Während beim Mädchen das Seelisch-Geistige, der Astralleib im Ätherleib aufgehe, bleibe diese Qualität dem Jungen eher fremd. So orientiere er sich eher an den physischen Gegebenheiten und gestalte daran seine Subjekt-Objekt-Beziehung aus. Das Ich, der individuelle Geist aber wird so gar nicht wirklich in die Lebensprozesse integriert, ja er fühle sich gegenüber dieser Ebene außen vor. Deshalb könne der männliche Jugendliche sein Selbstbewusstsein weniger aus sich selbst, dafür mehr in Beziehung zur Außenwelt, z.B. aus seiner Stellung in der Gesellschaft generieren. Für das eigene Befinden, für das Prozessuale und Atmosphärische fehle ihm der Sinn, weshalb ihm seine Lebenszusammenhänge rätselhaft bleiben, während er die physischen Bedingungen des Daseins leichter gedanklich durchschaue.

Gender und Sexualität als Entscheidung

Mit diesen Zuschreibungen meint Steiner nicht: Der Junge ist so, das Mädchen ist so. Wie in der »Allgemeinen Menschenkunde« dient die Begriffsbildung der Begründung eines heuristischen Instrumentariums bzw. allgemeiner Kategorien, mit denen das Besondere erfasst werden kann. Die Typisierungen zielen nicht auf geschlechtsspezifische Festschreibungen. Stattdessen können sie als charakterisierende Beschreibungen aufgefasst werden, die erklären, wie sich das Besondere und Individuelle ausgestaltet. In naiver Rezeption können daraus Rollenkonzepte entwickelt werden, wendet man aber die an der Konstitution der Wesensglieder entwickelte Terminologie heuristisch an, wird klar, dass sie nicht nur das biologische Geschlecht, sondern die große Vielfalt von Genderkonzepten im Spannungsfeld von körperlichen, organisch-lebendigen, seelischen und mentalen Aspekten beschreibbar machen. Eine weitere Differenzierung des Genderaspekts folgt aus Steiners Darstellung, dass der männlichen Physis ein weiblich konstituiertes und der weiblichen Köperlichkeit ein männlich konstituiertes Lebensgefüge (Ätherleib) zugrundeliegt. Demnach trägt potenziell jeder Mensch das Gegengeschlecht in sich.

Aus den individuell diversen Verhältnissen, die sich aus der unterschiedlichen Relation der physischen und ätherischen Prägungen des Leibes ergeben, sowie aus der jeweils individuellen seelischen Beziehung zu diesen Prägungen auf unterschiedlichen Ebenen müssen prinzipiell unendliche Ausgestaltungen der individuellen Genderidentität im Spannungsfeld des Weiblichen und Männlichen angenommen werden. Diese Differenzierung kann auch als anthroposophische Begründung zu selbstbestimmter Entscheidung und damit zur Überwindung eines Geschlechterdeterminismus gesehen werden.

Gender und Sexualität werden gegenwärtig nicht als biologische Gegebenheiten, sondern als Entscheidung gesehen. Insofern sind zu den klassischen Kategorien der Hetero- und Homosexualität die Anerkennung der biologischen und psychologischen Intersexualität und in nicht kategorisierbarer Vielfalt Transgenderkonzepte getreten.

Da sie häufig in Spannung zu den Selbst- und Umgebungserwartungen realisiert werden und auch in der Entscheidungsfindung für die Betroffenen oft mit Unsicherheit und Krisen verbunden sind, werfen sie immer Fragen nach der Verstehbarkeit und Lebbarkeit auf. Auch wenn Steiners Begriffe an der klassischen Polarität von Weiblichkeit und Männlichkeit entwickelt wurden, bergen gerade die von der Konstitution der Wesensglieder abgeleiteten Differenzierungen, wenn man sie nicht bloß mit Frausein und Mannsein identifiziert, das Potenzial, differenzierte Genderkonzepte zu beschreiben und in ihrer Besonderheit zu verstehen.

Das moderne Genderbewusstsein resultiert aus dem Respekt vor der Individualität. Es ist eine Herausforderung an unser Differenzierungsvermögen sowie an unser Vermögen zu Selbstfindung und Selbstbestimmung. Es erweitert auch die oben erläuterte moderne Auffassung von Identitätsbildung. Denn hier handelt sich das Ich nicht nur in der Selbst-Welt-Beziehung ständig neu aus, sondern u.U. auch innerhalb mehrerer Schichten des eigenen Daseins. Inwiefern hier die anthroposophische Differenzierung von Wesensgliedern und Seelenmodi Orientierung geben kann, müsste weiter untersucht werden.

(Vorabdruck aus: Angelika Wiehl/ M. Michael Zech: Jugend. Studien­buch zur Waldorfpädagogik, Kassel 2017)

Zum Autor: Prof. Dr. M. Michael Zech ist Dozent am Lehrerseminar für Waldorfpädagogik in Kassel und Juniorprofessor für Geschichtsdidaktik an der Alanus Hochschule.

Literatur: R. Steiner: Philosophie der Freiheit. Grundzüge einer modernen Weltanschauung. Seelische Beobachtungsresultate nach naturwissenschaftlicher Methode (GA 4), Dornach 1973; ders.: Erziehung und Unterricht aus Menschenerkenntnis (GA 302), Vortrag vom 16.6.1921, Dornach 1993; ders.: Die gesunde Entwicklung des Menschenwesens (GA 303), Vortrag vom 4.1.1922, Dornach 1987; ders.: Die geistig-seelischen Grundkräfte der Erziehungskunst (GA 305), Vortrag vom 9.8.1922, Oxford 1991

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