Identität ist individuell

Von Henning Kullak-Ublick, Dezember 2017

Seit einiger Zeit geistert eine »Gegenerklärung« der Philosophin und Waldorfmutter Caroline Sommerfeld zu der 2007 verabschiedeten »Stuttgarter Erklärung« und der wortgleichen »Wiener Erklärung« der jeweiligen Waldorfschul-Bünde durch Teile der anthroposophischen Medienlandschaft.

Sie wendet sich insbesondere gegen den Satz: »Die Anthroposophie als Grundlage der Waldorfpädagogik richtet sich gegen jede Form von Rassismus und Nationalismus. Die Freien Waldorfschulen sind sich bewusst, dass vereinzelte Formulierungen im Gesamtwerk Rudolf Steiners nach dem heutigen Verständnis nicht dieser Grundrichtung entsprechen und diskriminierend wirken«, und sieht die gesamte Erklärung als Unterwerfung unter die Gesinnungsdiktatur der herrschenden Eliten und als Verrat an Rudolf Steiners Freiheitsimpuls.

Die Autorin bekennt sich zu der rechtsextremen »Identitären Bewegung«, die unter anderem die »ethnokulturelle Identität« im Grundgesetz verankern und Angehörige anderer Ethnien und Kulturen in ihre jeweiligen Ursprungsländer »remigrieren« will. Die plötzliche Konfrontation mit den Lebensbedingungen eines Siebtels der Weltbevölkerung, als Millionen Flüchtende an die Türen unserer heilen europäischen Enklave klopften, hat zuerst Ratlosigkeit, dann Angst und in der Folge jene Welle des Nationalismus erzeugt, die derzeit durch Europa schwappt und dessen Vorreiter sich immer offensiver anschicken, Volk und »Identität« wieder blutsmäßig (»ethnokulturell«) zu definieren.

Die Debatte über den Weg, den Europa gehen muss, um den Herausforderungen unserer Zeit im Geiste der Freiheit, der in Jahrhunderten erkämpften Menschenrechte und einer solidarischen Weltwirtschaft zu begegnen, darf die Begriffsbestimmungen von Heimat, Volk, kultureller Identität und Grenzen nicht denjenigen überlassen, die sich über die Ausgrenzung alles Fremden definieren.

Die Stuttgarter und Wiener Erklärungen stehen zu dieser Art kollektiver Schein-Identitätsbestimmung allerdings in diametralem Widerspruch, weil sie den einzelnen Menschen, um den es in der Pädagogik immer geht, in ein Verhältnis zur Gemeinschaft stellen, das Rudolf Steiner 1923 so formulierte: »Sie werden gesehen haben, dass es sich wahrhaftig, wenn auch das Waldorfschul Prinzip einem ganz bestimmten Sprachgebiete entstammt, dabei durchaus nicht um etwas Nationales handelt, sondern um etwas im besten Sinne Internationales, weil Allgemein-Menschliches. Nicht den Angehörigen irgendeiner Klasse, nicht den Angehörigen irgendeiner Nation, nicht den Angehörigen überhaupt irgendeiner Einkapselung, sondern den Menschen mit den breitesten, herzhaftesten menschlichen Interessen wollen wir erziehen.«

Genau diese Weltoffenheit ist der Grund, warum sich die Waldorfpädagogik seither um die ganze Welt verbreiten konnte: In jeder Schule, wo sie auch beheimatet sein mag, geht es um die Entwicklung des individuellen Menschen, damit er als Erwachsener in Freiheit Verantwortung für sich und die Welt übernehmen kann. Völkische oder nationalistische Reinhaltungsprogramme haben damit nichts zu tun.

Henning Kullak-Ublick, von 1984 – 2010 Klassenlehrer an der FWS Flensburg; Vorstand im Bund der Freien Waldorfschulen, den Freunden der Erziehungskunst Rudolf Steiners, der Internationalen Konferenz der Waldorfpädagogischen Bewegung – Haager Kreis sowie Koordinator von Waldorf100 und Autor des Buches Jedes Kind ein Könner. Fragen und Antworten an die Waldorfpädagogik.

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