Warum Praktika an Waldorfschulen?

Von Christian Boettger, Juli 2014

Der Doktor der Politischen Philosophie Matthew B. Crawford war einige Zeit Direktor eines Think Tanks in Washington, wechselte dann in einen handwerklichen Beruf und wurde Motorradmechaniker. Er beschreibt in seinem Buch »Ich schraube, also bin ich – Vom Glück, etwas mit den eigenen Händen zu schaffen« (2011), wie wichtig es gerade für Jugendliche ist, durch handwerkliches, eigenständiges Handeln Lebenszusammenhänge vertieft zu verstehen. Crawford zeigt, dass in einer handwerklichen Tätigkeit Rationalität, Gestaltungsfähigkeit, moralische Aspekte der Wahrnehmung, Gemeinschaftsgefühl und beurteilende Aufmerksamkeit gefördert und gelernt werden können.

Foto: © Charlotte Fischer

Am 16. Januar 1921 spricht Rudolf Steiner in einer Konferenz mit den dort versammelten Lehrern über die Ausrichtung der Oberstufe und den Schulabschluss:

»Wir stehen immer vor der Schwierigkeit, dass man die Kinder bis zum Abiturientenexamen bringt. Das ist eine sachliche Schwierigkeit. Da müsste man einen Ausweg suchen. Möglich wäre es trotzdem, die Kinder zum Abiturientenexamen zu bringen, wenn sie auch praktisch arbeiten. Es müssten diejenigen, die für praktische Arbeit geeignet sind, mehr für das Praktische unterrichtet werden, ohne dass man die Schule gabelt.«

Diese Worte nehmen nun seit über 90 Jahren die Lehrerinnen und Lehrer der Waldorfschulen ernst und versuchen, mit einem hohen Anteil an handwerklichen Unterrichten, insbesondere durch vielfältige Praktika, allen Jugend­lichen der Oberstufe lebendige Erfahrungen in diesen praktischen Arbeitsfeldern zu vermitteln. Damit allerdings die Konzepte der Schulen greifen, ist es sinnvoll, wenn diese in regelmäßigen Abständen hinterfragt und durch das Oberstufenkollegium oder die Pädagogische Konferenz bearbeitet werden.

Wenn dann das Kollegium mit den Eltern die Entwicklungs- und Lernherausforderungen für die Jugendlichen formuliert hat und die Praktika gut vorbereitet, begleitet und nachbereitet werden, kommen die Schüler nach drei Wochen erfüllt und begeistert wieder in die Schule zurück.

Folgende Abfolge der Praktika hat sich an vielen Schulen etabliert:

8. Klasse: Forstpraktikum (oft die ganze Klasse gemeinsam)

9. Klasse: Landwirtschaftspraktikum

(Einzelhöfe oder Klasse gemeinsam)

Eventuell: Handwerkspraktikum (einzeln,

in Kleinbetrieben mit unter zehn Beschäftigten)

10. Klasse: Betriebspraktikum (einzeln, in Betrieben

mit mehr als zehn Mitarbeitern)

Feldmesspraktikum (ganze Klasse)

11. Klasse: Sozialpraktikum (einzeln, oft auch in

Kombination mit Auslandsaufenthalten)

Industriepraktikum (einzeln, in industriellen

Großbetrieben)

Eventuell: Ökologiepraktikum (ganze Klasse)

Allerdings gibt es auch gute Erfahrungen mit ganz anderen Zuordnungen der Praktika zu den Klassenstufen. Viele Schulen führen nur ein Praktikum pro Schuljahr durch. Die Erfahrungen mit zwei Praktika pro Jahr zeigen, dass der andere Unterrichtsstoff unter der längeren Abwesenheit der Schüler nicht leidet, weil die Motivation, wieder in der Klasse gemeinsam an den anderen Unterrichtsthemen zu arbeiten, sich deutlich verbessert. Einzelne Schulen (Hibernia, Kassel und in der Schweiz Jura Südfuss) haben die Zeiten in produzierenden Betrieben in den wöchentlichen Stundenplan integriert. Im Gespräch mit Schulen, die andere Zuordnungen praktizieren, zeigt sich, dass eigentlich nicht das Praktikum als solches, sondern die Lern- und Entwicklungsherausforderung, die die Schule den Jugendlichen in Zusammenarbeit mit den Betrieben und Einrichtungen stellt, der pädagogisch wirksame Kern ist. Die zentrale Frage ist: Wie steht das Praktikum in Beziehung zu der persönlichen Entwicklung der Jugendlichen im jeweiligen Alter? Diese Herausforderungen liegen manchmal gar nicht auf fachlichem Feld, vielmehr geht es darum, soziale und persönliche Kompetenzen zu schulen.

Herausforderung Hofgemeinschaft

Wenn die Jugendlichen in der 9. Klasse sich allein oder manchmal auch zusammen mit einem Mitschüler in die Hofgemeinschaft eines landwirtschaftlichen Betriebes begeben, ist das eine große Herausforderung. Sie müssen sich in neue Arbeitsabläufe und Zeitstrukturen integrieren, anstrengende körperliche Arbeit verrichten und sich dazu in fremden familiären Gewohnheiten zurechtfinden. Gerade dieser Bereich erfordert manchmal die intensivste Unterstützung durch die Praktikumsbetreuer der Schule.

Die Arbeitsabläufe und die Zeitstrukturen werden in der Regel als erfüllend erlebt, weil sie unmittelbar durch die Natur oder die Tiere vorgegeben werden. In einigen Schulen, insbesondere in der Schweiz, wird dieses Praktikum in der 11. Klasse angeboten. In dieser Altersstufe ist es für die Jugendlichen viel besser möglich, die Besonderheiten des biologisch-dynamischen Anbaus zu hinterfragen und zu verstehen, während in der 9. Klasse eher die körperliche Arbeit im Vordergrund steht.

Einstieg in Fertigungsprozesse

Wenn Schulen in der 9. Klasse ein zweites Praktikum durchführen, ist es meistens ein Handwerkspraktikum. Hier kann der Jugendliche in der Regel zu Hause wohnen und ist nur zu den normalen Arbeitszeiten in den noch recht überschaubaren Betrieben. Ein sinnvoller Aufbau wäre dann, in der 10. Klasse in einem größeren Betrieb und in der 11. Klasse in einem wirklich großen Industriebetrieb die Organisation kennen zu lernen. Wichtig ist allerdings, dass Bereiche gefunden werden, in denen die Jugendlichen tatsächlich in den Fertigungsprozess einsteigen können.

Die Erfahrung zeigt, dass sich die Jugendlichen nur in der Tätigkeit selber – und natürlich auch in den neuen sozialen Beziehungen – mit dem Betrieb verbinden. Durch die eigene Tätigkeit entsteht das Gefühl, wirklich gebraucht zu werden – eine Erfahrung, die der normale Unterricht nur selten bietet. In vielen Schulen wird nur eines dieser drei Praktika angeboten. Man kann aber an dem Aufbau besonders gut erkennen, wie die Aufgabe an den Entwicklungshorizont der Jugendlichen angepasst werden kann.

Sonderrolle des Feldmessens

In der Auflistung der Praktika spielt das Feldmesspraktikum in der 10. Klasse eine Sonderrolle. Schon allein, weil dieses Praktikum in der Regel als eine Klassenfahrt mit der ganzen Klasse unternommen wird. Die Herausforderung für die Jugendlichen ist in diesem Alter – neben den vielen vermessungstechnischen Aufgaben – vor allem eine soziale. Es kommt auf die Zusammenarbeit in der Arbeitsgruppe an. Anders als bei allen Gruppenarbeiten, die man in der Schule einrichten kann, wird in den Arbeitsgruppen dieses Praktikums jeder Einzelne unbedingt gebraucht. Es entstehen neue Freundschaften.

Wenn das Praktikum gelingt, erleben die Jugendlichen ihre Mitschülerinnen und Mitschüler aus einer neuen Perspektive. Genauso wie auch die Vermessungsaufgaben als solche eine neue Perspektive auf die wahrgenommene Landschaft ermöglichen. Die fachlichen Aufgaben selbst, die in der Regel von den Mathematiklehrern gestellt werden, führen in das Gebiet der Messtechnik. In der Regel werden Verfahren verwendet, die vollständig verstanden werden können und zu exakten Ergebnissen führen müssen. Meist werden Gebiete gewählt, für die ein konkreter Messauftrag vorliegt.

Berührt im Sozialpraktikum

Das Sozialpraktikum in der 11. Klasse wird sehr oft in Verbindung mit der so genannten Parzival-Epoche gebracht. Die Jugendlichen begegnen hier sozialen Randgruppen, seien es Menschen mit Einschränkungen irgendeiner Art oder sozial Benachteiligten. Sie müssen sich in die entsprechende Einrichtung einbringen und können Verantwortung für andere Menschen übernehmen. Zutiefst berührt berichten sie von ihren menschlichen Begegnungen. Daneben lernen sie aber auch die berufliche Problematik dieser Berufsfelder kennen und reflektieren. In einigen Schulen haben die Schüler die Wahl zwischen dem Industrie- und dem Sozialpraktikum.

Findet in der 11. Klasse ein weiteres Praktikum statt, geschieht dies meist wieder im Zusammenhang mit der Natur. Allerdings muss dann im Gegensatz zur 9. Klasse ein größerer Wert auf die Reflexion der Zusammenhänge gelegt werden. Insofern kann dort durchaus auch ein vertieftes Landwirtschaftspraktikum, ein Forstpraktikum oder Ökologiepraktikum liegen. Insbesondere Letzteres dient der Wahrnehmung und Reflexion eines Ökosystems.

Mit dieser Übersicht über die Praktika in der Oberstufe wurden die inhaltliche Themenstellung und die persönliche oder soziale Herausforderung für die Schülerinnen und Schüler angedeutet. Man kann den Gang durch die Praktika auch unter dem Aspekt der Kulturentwicklung ansehen und bemerken, dass in den Praktika unsere Kulturentwicklung von der Entwicklung der Land­wirtschaft über das Handwerk bis zur Industrie nachvollzogen und reflektiert wird.

Hier gehört selbstverständlich die Vermessung der Erde dazu, wie auch die ganz besondere Erfahrung im Sozialpraktikum, in dem die Jugendlichen bei den tiefsten Fragen der Menschheit ankommen.

Zum Autor: Christian Boettger ist Geschäftsführer beim Bund der Freien Waldorfschulen. Er war Oberstufenlehrer für Mathematik und Physik an der Waldorfschule in Schopfheim.

Literatur: Erhard Fucke: Grundlinien einer Pädagogik des Jugendalters, Stuttgart 1991; ders.: Der Bildungswert praktischer Arbeit, Stuttgart 1996