Das Kind wird uns lehren, was Heimat ist

Von Henning Köhler, Dezember 2017

Noch gelingt es der extremen Rechten hierzulande nicht, parlamentarische Mehrheiten zu mobilisieren, doch sie bestimmen inzwischen fast nach Belieben den öffentlichen Diskurs. Deshalb rücken die etablierten Parteien ängstlich nach rechts, um Wählerabwanderungen zu vermeiden und um zentrale Themen »nicht den Ultrarechten zu überlassen«.

Rechtslastige Ideologen gehen mit der Legende hausieren, man wolle ihnen das Wort verbieten. Sie stilisieren sich unter Ausnutzung ihrer enormen Medienpräsenz zur unterdrückten Minderheit. Der Mainstream sei »links-grün-versifft« (AfD-Jargon), während konservative Positionen ausgegrenzt würden. Dabei existieren linke Großmedien praktisch nicht mehr, wie jeder nachprüfen kann. Andererseits beansprucht die Rechte, »das Volk« zu repräsentieren. Ja, was nun. Spricht sie für die Mehrheit oder widersetzt sie sich derselben heldenhaft? Zu den Aufregern, die das rechte Lager geschickt lanciert, gehört der Begriff »Heimat«. Und alle fallen darauf herein. Halb Deutschland schlaumeiert um die Wette, damit das »sensible Thema« keinesfalls, nun ja, den Ultrarechten überlassen bleibe. »Wir holen uns unser Land, unser Volk zurück!«, tönte der AfD-Frontmann Alexander Gauland über sämtliche Medienkanäle. Ich für meinen Teil habe dem »Volk«, das Gauland meint, schon als Jugendlicher gekündigt. Nationale Identität interessiert mich nicht. Den Heimatbegriff so zu deuten, ist die am wenigsten plausible aller Möglichkeiten.

Wir nähern uns der Weihnachtszeit. Welch ein Bild: Die Heilige Familie zieht auf Geheiß des Kaisers gen »Heimat« und wird überall abgewiesen. Was heißt schon »nach Hause kommen«, wenn dort niemand ist, der einen freudig empfängt? Und was heißt »zu Hause bleiben«, wenn es nur bedeutet, an dem Ort zu bleiben, wo man sich halt auskennt? Wie viele Leidensgeschichten sind Geschichten des langsamen Verschwindens in einer schrecklich vertrauten Umgebung! Wie quälend fremd kann uns das Gewohnte, Angestammte werden! Wie lodert oft der Hass unter Verwandten! Welche Mobbing-Tragödien spielten und spielen sich in vermeintlich idyllischen Dorfgemeinschaften ab! Nein, so einfach ist das nicht mit der Heimat. Und Nationalstaaten – man muss es immer wieder sagen – sind Kunstgebilde, »mit Blut und Eisen geschmiedet« (Jakob Augstein).

Also was bedeutet Heimat? Ich kehre gern an die Orte meiner Kindheit zurück und gebe mich wehmütigen Erinnerungen hin. Einige alte Bäume von damals stehen noch. Wo das urige Tabakgeschäft war, ist jetzt ein Immobilienbüro. Dort umherzustreifen ist traurig schön und hat etwas mit Heimat zu tun. Aber man muss ja weiterkommen. »Heimat ist ein geistiger Raum, in den wir mit jedem Jahre tiefer eindringen«, schrieb Reinhold Schneider. Das sagt mir etwas. Hier, so, meine ich, spricht die Bewusstseinsseele. »Heimat ist der Mensch, dessen Wesen wir vernehmen und erreichen«, meinte Max Frisch. Das sagt mir noch mehr.

Maria, Joseph und das Jesuskind müssen vor Herodes fliehen. Am Anfang der großen Erzählung, die den Humanismus begründet, steht ein Flüchtlingsdrama, und im Mittelpunkt des Dramas steht ein Kind. Dieses Kind wird später lehren, dass Heimat ist, wo zwei oder mehrere in seinem Namen, also im Namen der Liebe, beisammen sind.

Empfehlenswerte Lektüre: Cornelia Koppetsch: Ich Globus, du Dorf, Freitag 42/17; Jakob Augstein: Viva La Sezession, Spiegel 24/17; Oya, Heft 45/17, Schwerpunkt Ab nach Hause; Amin Maalouf: Mörderische Identitäten; sowie: Rudolf Steiner über den Nationalismus, zusammengestellt und kommentiert von Karl Heyer.

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