Gesellschaft statt Nation

Von Henning Köhler, Dezember 2016

Vor rund 30 Jahren begann die neokonservative Groß­offensive gegen den 68er-Impuls. Mit durchschlagendem Erfolg.

Viele Vordenker der »geistig-moralischen Wende« (CDU-Slogan) wandten eine Diskursstrategie an, die Christian Baron am Beispiel eines bekannten Autors, dessen Namen ich hier höflicherweise verschweige, treffend beschrieb: »Sich fälschlich in der Minderheit wähnend, poltert er gegen eine behauptete Mainstreammeinung, und sein Heulen mit den Wölfen klingt wie das verzweifelte Bellen eines unterdrückten Terriers.«

Die neokonservativen Kulturkämpfer beklagen eine herbei­fantasierte antiautoritäre Kulturhegemonie und treten als Retter tradierter Werte auf. Zu ihren großen Themen gehört der Patriotismus. Ich rieb mir damals die Augen, als plötzlich landauf, landab erörtert wurde, ob und warum ein Deutscher stolz darauf sein könne/solle, Deutscher zu sein.

Inzwischen beantworten hierzulande rund 85 Prozent die Nationalstolzfrage mit ja. Doch der Gegenstand patriotischer Seligkeit ist eine Schimäre. Nationalstaaten sind Kunstgebilde in willkürlich gezogenen und ständig sich verändernden Grenzen. »Die Deutschen« als ethnisch homogene Volksgruppe gibt es nicht. Deutschland als hermetischen Kulturraum zu definieren, entbehrt jeder faktischen Grundlage. Begriffe wie »nationale Identität« oder »deutsche Leitkultur« zerrinnen, sobald man sie näher untersucht. Außerdem mangelt es wahrlich nicht an historischen Gründen, jedweder Deutschtümelei tief zu misstrauen.

Rudolf Steiner hielt Vorträge über die »Mission einzelner Volksseelen«. (Einiges, was dort ausgeführt wird, hinterlässt mich ratlos.) Er wetterte aber auch gegen nationalistische Umtriebe, begrüßte den Niedergang alter »gruppenseelenhafter« Identitäten. Wenn ich ihn recht verstehe, sind die einst als Hüter des Volkstums wirksamen hohen Geister nunmehr bestrebt, das Zusammenwachsen der Menschheit im Zeichen von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit voranzubringen. Heute geht es darum, zeitgemäße Formen demokratischer Selbstorganisation in pluralistischen, kosmopolitisch offenen, vielfältig miteinander verflochtenen Gesellschaften zu entwickeln. Die völkische Verheißung ist eine gefährliche Mogelpackung. Man kann heimatver­bunden sein. Man kann traditionelle Kulturgüter pflegen. Man kann sich gegen die Zertrümmerung der Mutter­sprache wenden. Aber bitte ohne »Nationalstolz«.

Das Gift des neuen Nationalismus wabert schon lange durch Europa. Nicht erst seit der »Flüchtlingskrise«. Diese fördert nur zu Tage, was bis dahin unterschwellig gärte. Auf einer pädagogischen Tagung in der Schweiz, wo ich Vorträge hielt, war das anthroposophische Nachrichtenblatt Agora ausgelegt. Gleich einleitend erklärt die Herausgeberin, Antinationalismus sei schlimmer als Nationalismus. Dann lobt ein Autor den unsäglichen Jürgen Elsässer, Herausgeber der rechtsextremen Postille Compact. Das macht mir Angst.

Weihnachten naht. Das Fest der Allgemeinen Menschenliebe. Unseren Kindern bleibt nichts verborgen, was wir denken.

Kommentare

Stefan Oertel, 11.12.16 17:12

Lieber Herr Köhler,
wenn ich Steiners Darstellungen der Sozialen Dreigliederung recht verstehe, so schlägt er vor, Volkskultur und Staat voneinander zu trennen. Das wäre analog zur Trennung von Kirche und Staat zu denken. Es gäbe dann keinen "deutschen" Staat mehr, sondern nur noch einen Staat, der sich kulturell neutral verhält. Sein Gebiet wäre allein das Rechtsleben.

Freilich kann es dann keine "Leitkultur" oder vorgeschriebene Unterrichtssprache mehr geben. Ob man lieber Tradionalist sein will oder Kosmpolit ist die Frage einer individuellen, freien Entscheidung bei der eine Staatsmacht eigentlich nicht mitzureden hat. Sie hat nur die Freiheit von Individuen und von Menschengruppen zu schützen, ihre Kultur so zu entfalten, wie es ihnen entspricht.

Die Verklumpung von Volkskultur und Staat - also Geistes- und Rechtsleben - ist typisch für den Nationalismus. Bedauerlicherweise hat aber auch die sogenannte politische "Mitte" oder die Linke keinerlei Bewusstsein für die Notwendigkeit einer Trennung. Denn ebenso wenig, wie ich mir "Deutschsein" staatlich vorschreiben lassen will, will ich mir den "Kosmopolitismus" vorschreiben lassen. Die Linke hätte den Staat allzugerne als kulturelle Erziehungsanstalt...

Ob die alten Volkszugehörigkeiten und ihre Geister nun ganz oder halb unzeitgemäß sind, würde sich meiner Meinung nach von selbst zeigen, wenn alle kulturellen und volkskulturellen Fragen tatsächlich als Sache von Individuen und nicht als Sache des politischen Apparats begriffen würden!
Viele Grüße S. Oertel

henning köhler, 13.12.16 13:12

Lieber Herr Oertel,
ich stimme Ihnen zu. Man kann den Schritt in das reife Bewussteinsseelenzeitalter nicht staatlich oder sonstwie erzwingen, dies versucht zu haben (in einer Art Dämmerzustand hinsichtlich dessen, was Bewusstseinsseele überhaupt bedeutet), gehört zur historischen Tragik der Linken. Sie hat dem neuen Nationalismus damit ungewollt Schneisen geschlagen. Allerdings kann man, ausgehend von einem höheren Freiheitsbegriff, auch zu dem Schluss kommen, es sei heute ein Zeichen von Unfreiheit, sich "frei" für das "Volkstum" zu entscheiden. Steiner drückte das so aus: "In realer Weise werden wir Frieden und Harmonie erlangen, wenn wir von den Angelegenheiten unserer Erde, die Menschen in Rassen, Nationen und Religionen teilen, den Blick hinauf zu den Sternenwelten wenden, wo Geister zu uns sprechen, die für alle Menschenseelen, für jedes Menschenherz die gleiche Sprache sprechen."
Mit freundlichem Gruß
Henning Köhler

S. R., 13.12.16 18:12

Danke Henning Köhler für ihre offenen und klaren Worte!

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