Nicht kritisch beäugen

Von Claudia Geller, Juni 2017

Ich halte mich für einen toleranten Menschen, der die Ansicht vertritt »jeder so, wie er mag, solange er keinem Anderen damit schadet«. Und ob jemand jemandem schadet, das ist ja auch wieder Ansichtssache. Ich bin vorsichtig (geworden) mit solchen Urteilen.

Ich möchte mich dennoch heute mal einmischen in die Diskussion um berufstätige Mütter, denn da gibt es eine Entwicklung, die ich echt mit Sorge betrachte:

Selbst Mutter von drei Kindern habe ich naturgemäß viele Familien kennengelernt, die unterschiedliche Modelle leben, und folgendes festgestellt: Unter den berufstätigen Müttern sind so einige, die ihre Entscheidung für einen bezahlten Arbeitsplatz meiner Meinung nach aus einer VERMEINTLICHEN Notwendigkeit heraus getroffen haben, was ihnen aber anscheinend überhaupt nicht bewusst ist. Ich rede von Frauen, die ganz offensichtlich einen Lebensstandard aufrecht erhalten müssen, der mich staunen lässt - da brausen sie im Neuwagen mit dem Stern drauf vor die Schule, um die Kinder in ihr Eigenheim mit 3 Bädern zu fahren, wo die vollautomatische Küchenmaschine im Wert von über 1.000,- € schon das Essen zubereitet hat ...

Soweit, so gut. Aber: diese Frauen sind es, die am lautesten und unentwegt darüber stöhnen, und das auch noch im Beisein der Kinder, welchen Stress diese Doppelbelastung mit sich bringt! Fakt ist: Diese Mütter MÜSSEN nicht wirklich arbeiten, sondern sie haben gemäß ihres eigenen Anspruchs eine Entscheidung getroffen – was ich vollkommen okay finde – aber leider wollen sie für diese dann keine Verantwortung übernehmen! Sie stellen es so dar, als hätten sie keine andere Wahl. Kinder die in solchen Familien aufwachsen lernen doch vor allem eins: wir haben nie genug!

Noch einmal in aller Deutlichkeit: ich rede hier weder von Familien, in denen beide Eltern mit Freude ihrem Beruf nachgehen, noch von Familien, die ein 2. Einkommen bitter nötig haben, erst recht wenn sie sich ein klein wenig Luxus leisten wollen, wie gelegentlich mal ins Spaßbad oder in die Pizzeria. Solche Familien, so meine Erfahrung, nehmen es nämlich viel eher und vor allem auch unkommentiert (!) als gegeben hin, daß beide Eltern entweder gern arbeiten wollen - wirklich wollen! - oder es müssen – tatsächlich müssen! – und dann wachsen die Kinder wie selbstverständlich in dieser Situation auf. Hier besteht eine nachvollziehbare Notwendigkeit (weil es die Eltern zufriedener macht oder aus wirtschaftlichen Gründen) und es fühlt sich meist für alle Betroffenen stimmig an.

Mein Mann und ich haben gemeinsam die Entscheidung getroffen, dass wir auf ein 2. Einkommen verzichten, solange die Kinder davon profitieren und solange wir uns gut versorgt fühlen – und wir fühlen uns gut versorgt auch ohne Neuwagen, Eigenheim und einen ganzen Kellerraum voller Schuhe. Wir hatten und haben den Anspruch, dass ein Elternteil ganztags für die Kinder da sein soll, und so leben wir mit den Konsequenzen – ganz ohne Groll. Im Nachhinein darüber zu lamentieren, dass wir uns dieses und jenes nicht leisten können, hielte ich für eine falsche Botschaft. Und eben dies wäre auch all den »freiwilligen, aber gestressten Doppelverdienern« sehr zu wünschen: dass ihnen bewusst wird, dass es ihr eigener Anspruch ist, der sie zum immer-mehr-Geldverdienen antreibt, und dass sie objektiv betrachtet eben NICHT MÜSSEN. Vielleicht würde das ein bisschen Entspannung in diese Familien bringen, was den Kindern sicherlich zugute käme. 

Mein persönliches Fazit: weder Berufstätigkeit noch reines Hausfrauendasein sollten wir kritisch beäugen, sondern ob das gewählte Modell für die jeweilige Familie passend ist oder ob man sich und anderen bloß etwas vormacht.

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