»Prognose Hoffnung«

Von Freya Faust, Februar 2017

So lautet ein Buchtitel, der neulich meine Aufmerksamkeit auf sich zog – einer dieser Momente im Leben. Stille.

Wo und auf was kann ich hoffen, angesichts transatlantisch-fönfrisierter Drohgebärden, menschenverachtender Brandanschläge auf Flüchtlingsunterkünfte, nicht endender Selbstmordattentate, zunehmender Medienorientiertheit, alljährlich wiederkehrender Hungerkatastrophen, atomarer Endlagerrätsel, vor der Tür stehenden ökologischen Kollapses? In mir gewinnt eine bedrückende Lähmung die Oberhand. 

Dann fällt mir der Vortrag ein, den ich vor einigen Tagen besucht habe zum Thema »Rudolf Steiners Menschenkunde und unser Familienalltag – Was haben sie miteinander zu tun?« Der Vortrag wurde an der Waldorfschule gehalten, in die unser siebenjähriger Sohn letzten Sommer eingeschult wurde. Ein Vortrag, der mich begeisterte, enthielt er doch so wertvolle Informationen und Anregungen. Bezüglich der erläuterten Jahrsiebte fiel mein Blick auf mein Kind, unweigerlich auch auf meine eigene Biografie und auf die Welt – und sie kamen. Die Aha-Effekte.

Jetzt überrollen mich die Beispiele. Mir fällt z. B. ein, wie jüngst unser Sohn nach der Schule nach Hause kommt und sich über eine Bananenschale empört: »Was soll das denn? Die gehört doch nicht in die Hecke!«. Der kleine Mensch angelt die Bananenschale aus der Ecke und entsorgt selbige liebevoll in die Biotonne. »So!«. Ich lächle.

In einer Schulpause erlebe ich, wie zwei Erstklässler beim Toben zusammenkrachen – beide Kinder am Boden, beide weinen ... Meine Beinmuskulatur spannt sich an, bereit, zu Hilfe zu eilen ... Schneller als mein Impuls sind jedoch die Patenschüler der 7. Klasse. Eine Traube von Schülern umringt die beiden Erstklässler, stellt sie fürsorglich auf die Füße, ein Schüler besorgt ein Kühlkissen, einer zieht ein Taschentuch zum Tränentrocknen aus der Jackentasche, eine weitere Schülerin hat einen tröstenden Arm parat ... wieder so ein Aha-Effekt. 

Mein Kind liebt seine Schule, seine Klassenlehrerin, Eurythmie und dass er Wolle »frisch vom Schaf« entfusseln darf. Durch den regen Austausch mit Schule und Eltern, die Monatsfeiern, die Elternabende, das Staunen über Epochenhefte und Werkstücke, das tiefe Berührtsein von Aufführungen und musikalischen Werken, durch intensive Vorbereitung auf gemeinschaftliche Ereignisse und Feiern, schlicht – durch das gemeinsame Schulleben erkenne ich: Ein Kind wird hier zu einem Menschen begleitet, der die Welt vielleicht ein wenig besser machen hilft, mit weniger Drohgebärden, mit Empathie und Verständnis für seine Mitwesen, mit verantwortungsbewusstem Umgang mit sich und seiner Umwelt. Und wir machen mit. Und da ist sie: die Hoffnung ...

»Die beste Zeit einen Baum zu pflanzen war vor zwanzig Jahren, die nächstbeste Zeit ist jetzt.« – Unseren Baum haben wir in die Waldorfschule gepflanzt, er hat viele Gärtner, die ihn liebevoll gedeihen lassen. Prognose? Hoffnung!

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