Nur im Hier und Jetzt
Im Waldorfkindergarten gehen die Kinder mit Gewohnheiten und kleinen Ritualen durch den Tag. Auf wortreiche Erklärungen wird verzichtet. Die Dinge werden einfach getan. Der verfrühte Appell an die Intellektualität wird vermieden. Auch das gezielte »Hochholen« von Erlebtem – das Erinnern – wird so wenig wie möglich von den Kindern verlangt. Warum eigentlich?
Das Kind lernt durch Nachahmung, nicht durch Erklärungen
Montagmorgen im Waldorfkindergarten: Die Kindergärtnerin sitzt am Tisch und schneidet Äpfel. Es soll heute Apfelmus geben – wie jeden Montag. Kommt ein Kind mit seinen Eltern herein, so wischt sie sich kurz ihre Hand ab und wünscht einen guten Morgen. Die Kinder setzen sich zu ihr und helfen eine Weile, andere malen ein Bild oder beginnen sofort zu spielen.
Die Kindergärtnerin erklärt nicht, dass die Äpfel zunächst klein geschnitten werden müssen, damit sie schneller gar werden und noch rechtzeitig zum gemeinsamen Frühstück als Apfelmus serviert werden können. Sie schnippelt einfach. Die Kinder lernen das Schneiden von Äpfeln aus der Nachahmung heraus, nicht durch Erklärungen.
Heute ist heute und gestern war gestern
Dienstagmorgen im Waldorfkindergarten: Die Kindergärtnerin sitzt wieder am Tisch. Diesmal knetet sie den Brötchenteig – wie jeden Dienstag. Kommt ein Kind mit seinen Eltern herein, so verweist sie auf ihre klebrigen Hände, wünscht trotzdem einen guten Morgen und knetet weiter. Andere Kinder kommen. Sie setzen sich zu ihr und helfen eine Weile, andere malen ein Bild oder beginnen sofort zu spielen.
Auch heute keine Erklärung zum Sinn des Knetens oder ob das Mehl aus dem Bioladen besser ist als aus dem Supermarkt. Und noch etwas findet nicht statt: Die Kindergärtnerin fragt nicht, ob noch jemand weiß, was es denn gestern zum Frühstück gab, und ob sich noch jemand ans Äpfelschneiden erinnern kann. Die Kinder können sich mit ihrer Lebenskraft und Schaffensfreude ganz dem Brötchenteig hingeben – es steht ihnen keine Erinnerungsvorstellung im Weg, kein Appell an ihre Gedächtniskräfte.
Erinnern verbraucht Lebenskraft
Es gehört zu den zentralen Erkenntnissen der anthroposophischen Menschenkunde, dass die Erinnerung und die Gedächtnisleistung dieselben Kräfte anwenden, die als Lebenskräfte unseren Körper aufbauen und erhalten. Diese Lebenskräfte braucht das kleine Kind vor dem Schuleintritt aber noch dringend, um sich in seinem Körper zu beheimaten. Der Weg vom Säugling, der nur Milch zu sich nehmen kann und selbst im Sommer ein Mützchen braucht, zum Schulkind, das barfuß durch den Schnee hüpft und danach sofort wieder warme Füße bekommt, ist lang.
Den Leib zu ergreifen, den Körper geschickt zu machen, die Welt durch die Sinne kennenzulernen, zu wachsen, Fähigkeiten und Fertigkeiten auszubilden – all das braucht Lebenskraft. Und die wird den Kindern entzogen, wenn sie sich zu früh erinnern und alles mit dem Verstand begreifen sollen.
Gescheite Kinder sind blass und stolpern
Nach etwa zweieinhalb Jahren ist das Gehirn anfänglich so weit, dass es als Instrument expliziten Lernens dienen kann. Also etwas zu lernen, das sich nicht aus dem gegenwärtigen Lebenszusammenhang ergibt (implizites Lernen), sondern das extra erklärt, verstanden und erinnert wird. Und in dem Maße, wie man diese Möglichkeit bei kleinen Kindern benützt, verhindert man das Geschicktwerden des Körpers und das Kraftvollwerden von Atmung, Durchblutung, Stoffwechsel und Regenerationsfähigkeit.
Etwas überspitzt heißt das: Je gescheiter ein Kindergartenkind, desto mehr wird es zur Blässe neigen, und desto häufiger wird es stolpern. Klingt hart, trifft aber den Kern der Sache.
Man kann sich diesen Zusammenhang zwischen Lebenskraft und vorstellender, erinnernder Tätigkeit am Besten klar machen, wenn man bedenkt, wie es um die Fähigkeiten des Erinnerns und Vorstellens bei uns Erwachsenen bestellt ist, wenn wir durch Krankheit ganz auf unseren Leib zurückgeworfen werden. Dann ist so wenig Lebenskraft für das Denken frei, dass wir es schwer haben, einem komplizierten Sachverhalt zu folgen. Wir brauchen sie für die leibliche Regeneration. Auch wenn wir außer Atem sind, Verdauungsprobleme haben oder wenn uns kalt ist: Immer ist nicht genug Lebenskraft »über«, um sich in gewohnter Art etwas vorstellen oder an etwas erinnern zu können.
Wackeln die Zähne, ist das Kind lernbereit
Kommt ein Kind in den Zahnwechsel, dann wird die Lebenskraft, die bis dahin mit dem Aufbau des Leibes beschäftigt war, langsam frei von dieser Aufgabe. Den Körper, der aus der Vererbung hervorgegangen ist, hat sich das Kind nun mehr oder weniger zu eigen gemacht. Es kann seine Körpertemperatur halten, es kann ein Steak verdauen und auf einem Bein hüpfen. Nun wird ein Teil der Lebenskraft für Gedächtnisleistungen frei. Rudolf Steiner spricht daher nicht nur von Lebenskräften, sondern auch von Bildekräften: Die Lebenskraft, die den vererbten Körper so umbildete, dass er geschickt und kräftig wurde, dass in ihm kraftvolle Lebensprozesse in Atmung, Durchblutung, Wachstum und Regeneration verankert wurden, kann sich nun anderweitig entfalten; sie ermöglicht die seelische Tätigkeit der Vorstellungsbildung.
Einschulung mit fünf ist ungesund
Im Kindergarten kündigt sich dieser schrittweise Übergang vom Aufbau des Leibes hin zur vorstellenden Tätigkeit leise an: Die fünf- bis sechsjährigen Kinder fangen an zu planen, was sie spielen wollen, und greifen dabei auch das Spiel von gestern wieder auf. Dafür brauchen sie Zeit und Übung. Das Gefühl, dass es Intentionen durchsetzen kann, hängt davon ab, ob das Kind lange Zeit üben durfte, Spielvorstellungen zu einem Spiel werden zu lassen. Es ist gut und gesund, wenn auch Sechsjährige dabei nicht durch intellektuelle Nachfragen in diesen Prozessen gestört werden. Deshalb ist es gesund, wenn Kinder nicht unbedingt mit fünf Jahren eingeschult werden, weil ihnen sonst die Zeit im Kindergarten fehlt, die sie benötigen, um aufsteigende Vorstellungen in die Tat umsetzen zu lernen.
Mit Beginn der Schulzeit fängt das Kind an, explizite Erklärungen allmählich zu begreifen, vorzustellen und gezielt zu erinnern. Damit in der Schulzeit das Gedächtnis ausgebildet werden kann, ist der Schutzraum der gesamten Kindergartenzeit nötig. Was in der Schule kultiviert, gepflegt, gefördert und genutzt wird: die Kraft des Vorstellens und des Gedächtnisses, muss in der Kindergartenzeit seine leiblichen Grundlagen erhalten. Und diese leiblichen Grundlagen sind funktionierende Lebensprozesse sowie die differenzierte Ausgestaltung der Hirnstruktur durch wiederholte mannigfaltige Sinneserfahrungen. Hirnforscher nennen dieses Erfahren über die Sinne »Primärerfahrungen«. Sie sind es, die in den ersten sechs bis sieben Lebensjahren die Grundlage des Vorstellens und Erinnerns schaffen – und eben nicht das zu frühe Abschöpfen der intellektuellen Ressourcen! Das schwächt nur die Ausbildung des Gehirns und die Lebenskräfte.
Gesunde Kinder haben Zeit
Im Waldorfkindergarten geht es den Pädagogen vor allen Dingen darum, die körperliche Gesundheit als Grundlage der seelischen und geistigen Gesundheit zu fördern. Und dazu gehört auch, nicht an den Verstand der Kinder, nicht an ihre Intellektualität zu appellieren.
Die wortreiche Erklärung, dass es nett wäre, wenn ein Kind beim Äpfelschneiden helfen würde, weil das nun wichtig ist – schließlich kochen wir ja heute Apfelmus –, wird schlicht dadurch ersetzt, dass der Erwachsene Äpfel schneidet. Und wenn der Tee umkippt, so wird gewischt. Sonst nichts. Keine Ermahnungen. Es herrscht eine Tatsachenlogik. So kann die Lebenskraft im Körper bleiben und diesen mit Hilfe nachahmenswerter Vorbilder sowohl der Individualität des Kindes als auch den Anforderungen der Umgebung auf gesunde Weise anpassen. – Und dafür braucht es eben Zeit.
















Birgit , Dresden, 17.11.10 13:11
"Gescheite Kinder sind blass und stolpern" - und wenn dem so ist, kann die Lösung doch nicht darin bestehen, die "Gescheitheit" der Kinder für unerwünscht zu erklären, auszugrenzen und herabzusetzen - und das betroffene Kind gleich mit. Man braucht dartige Entwicklungen ja nicht zu forcieren, aber es gibt Kinder, von sich aus schon im Kindergartenalter intellektuell weit sind. In diesem Fall gebietet der Respekt vor der Individualität des Kindes,es seinem Entwicklungsstand gemäß zu behandeln und nicht einseitig auf eventuellen körperlichen Defiziten herumzureiten. Im übrigen kann ja auch eine bereits vollzogene Entwicklung nicht einfach rückgängig gemacht werden, jedenfalls nicht, ohne schwere seelische Schäden hervorzurufen. Gerade in der Waldorfpädagogik sollte doch Gedanke nicht abwegig sein, dass es Individualitäten gibt, die sich vorgenommen haben, in diesem Leben intellektuell ganz oben zu sein - und dafür eventuell den Preis körperlicher Ungeschicklichkeit zu bezahlen. Überhaupt sollte man nicht vergessen, dass auch "gescheite" Kinder Kinder sind, die eine Ablehnung eines Teil ihrer Persönlichkeit als Unerwünschtsein ihrer selbst erfahren. Soziale und seelische Isolation haben mit Sicherheit gravierendere negative Folgen, als eine gelegentliche Blässe und häufiges Stolpern.
Philipp Gelitz, Kassel, 20.11.10 23:11
Genauso wie Sie es schreiben, liebe Birgit, so ist auch meine Sicht der Dinge. Ich habe mich bemüht, die Folgen einer Intellektualisierung der frühen Kindheit kurz und prägnant darzustellen. Daraus darf aber in keinem Fall geschlossen werden, dass ein Kind in seinem So-Sein herabgesetzt werden darf. Vielmehr sollte es unser aller Interesse sein, die Verschiedenartigkeit des individuellen Weltzugangs zu beachten und zu bestaunen. Trotzdem hat ein solcher hier in Rede stehender verfrühter intellektueller Weltzugang einen Preis. Anthroposophisch gesprochen: Die individuelle Umgestaltung des von den Eltern vererbten Leibes wird in dem Maße behindert, in dem die ätherischen Kräfte vor dem beginnenden Zahnwechsel aus der Leibumgestaltung für Vorstellungs- und Erinnerungsleistungen abgezogen werden. Das ist aber lediglich eine Beschreibung - keine Wertung! Das bitte ich zu beachten. Schließlich bin ich Kindergärtner und fühle mich gegenüber jedem Kind in gleicher Weise verpflichtet, seinen individuellen Weltzugang zu achten. Das gewisse Einseitigkeiten aber Folgen haben, gehört auch zur ganzen Wahrheit. Und die Aufgabe der Pädagogik besteht auch darin, ein möglichst gesundes Umfeld anzubieten, in dem das Überwinden mitgebrachter oder umgebungsbedingter Einseitigkeiten möglich ist. Niemals aber darf eine Einseitigkeit abgewertet werden. Sie ist nämlich auf der anderen Seite auch eine Begabung.
Ich bin daher ganz auf Ihrer Seite. Und ich glaube auch nicht, dass man dem Artikel eine Wertung unterschieben kann, wie Sie es getan haben.
Birgit , Dresden, 01.12.10 12:12
Nein, lieber Herr Gelitz, mein Kommentar war nicht als Wertung gemeint, sondern vielmehr als Warnung. Und diese richtet sich gar nicht unbedingt an Sie persönlich, sondern in erster Linie an alle Lehrer und Erzieher, die diesen Artikel lesen und sich womöglich in ihrer Einstellung bestätigt fühlen, alles Intellektuelle strikt auszugrenzen.
Ich bin kein Theoretiker, der vom Schreibtisch aus argumentiert, sondern ich schreibe aus eigener leidvoller Erfahrung! Natürlich liegt meine Kindergartenzeit schon einige Jahre zurück, aber ich habe nicht den Eindruck, dass sich in dieser Beziehung fundamental etwas geändert hätte. Die Einstellungen/Verhaltensweisen, die ich in meinem ersten Kommentar kritisiert habe, habe ich genau so erlebt. Ich bin mir auch sicher, dass alle Beteiligten damals in bester Absicht gehandelt haben.
Die Erfahrung, mit einem "Nein" in den Gesichtern der Menschen aufzuwachsen, hat nicht nur meine Schulzeit überschattet, die Konsequenzen erstrecken sich auf das ganze Leben!
Mein Selbstwertgefühl, das schon in Kindergartentagen komplett zerstört worden war, musste ich in jahrelanger Kleinarbeit wieder aufbauen. Während andere Gleichaltrige schon eifrig an ihrem Lebensweg bastelten, war ich damit beschäftigt, meine unter vielen Schichten von Ignoranz und Ablehnung verborgenen Begabungen/"Einseitigkeiten" (auch das wäre ein diskussionswürdiges Thema) wieder freizukratzen und nutzen zu lernen. Aus einem "zu jung, zu weit, zu schlau" ist nun ein "zu alt, zu langsam, zu wenig vorzuweisen" geworden.
Die gutgemeinte Haltung (da fällt mir der Spruch ein: Gut gemeint ist das Gegenteil von gut gemacht)hat mir eine schwere Hypothek fürs Leben mitgegeben. Und ich kenne auch einige weitere Ehemalige, die ähnliche Erfahrungen machen mussten.
Kurz und gut: Die in Ihrem Artikel skizzierten Haltungen mögen für die meisten Kinder die Richtigen sein, es gibt aber auch immer Ausnahmen, bei denen sie das Gegenteil bewirken. Ich wünsche jedem Lehrer/Erzieher die Weisheit, den individuellen Weltzugang eines jeden Kindes zu erkennen und zu achten.
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