Nach Diktat verreist

Von Andreas Laudert, Juli 2017

Das Reisen kann man sich schenken. Es ist keine Pflicht, sondern eine innere Haltung, ein Modus, den ich im Alltag ebenso pflegen kann, wie im Urlaub.

Foto: © riskiers / photocase.de

Für Friedrich Hölderlin gehörte der Wunsch, ja das Vermögen des Menschen, »aufzubrechen / wohin er will« – wie es im Gedicht »Lebenslauf« heißt – zur Freiheit, die es zu verstehen gilt. Sich auf den Weg machen ist Teil unseres Selbstverständnisses, unserer Autonomie – und auch unserer Hoffnung, etwa wenn wir fliehen. So ist dieses Vermögen äußeres Können und innerer Reichtum. Wenn man aufbricht, um zu gehen und Neues wahrzunehmen, muss man zuerst einmal verarmen – sich nach etwas sehnen, Heimweh nach der Welt bekommen. Reisen aus Prinzip, freundlich diktiert vom Terminkalender, ist dagegen wie ein Programm, das man abspult, weil es eben dran ist, weil man in den Ferien eben Ferien macht. »Nach Diktat verreist« sozusagen.

Vor diesem Hintergrund ist es interessant, dass das englische Wort für reisen, to travel, eine etymologische Verwandtschaft mit dem französischen Wort für arbeiten aufweist, travailler. Was will uns das sagen, dass das »laufend beschäftigt sein mit etwas« – so das Lexikon – für die Ferien ebenso gelten kann, wie für den Arbeitsalltag und dass also Urlaub Stress sein kann und Produktivität Erholung?

Die große weite Welt

Wenn wir wirklich aufbrechen wollen, müssen wir etwas zurücklassen. Wir dürfen nichts mit uns nehmen – keinen zu schweren Rucksack an Erwartungen, nicht zu viele Knöpfe und Kabel um unsere Sinne, und vermutlich sollten wir auch nicht kalkulieren, was wir an den fernen Orten erfahren und »mitnehmen« werden. Erst die Armut der Offenheit führt zur Seligkeit der Fülle, der perfekte Urlaub ist eher ein Widerspruch in sich. Die Frage ist: Mache ich mich frei von dem Druck und der gesellschaftlichen Erwartung, beim Essen in großer Runde spektakuläre Schilderungen fremder Kontinente beisteuern zu müssen? Es mag wichtiger sein, wie Hölderlin schreibt, »danken für alles« zu lernen und auch das eines Blickes zu würdigen, wofür uns der Trott der Woche sonst blind macht.

Es würde bedeuten, danken zu lernen für den Kontinent des Bekannten: für die gespannt leuchtenden Augen des Kindes, für das eine Erkundung des nächsten Häuserblocks ein Ritt durch den Wilden Westen ist; für die Morgensonne, die durchs Fenster fällt, und den Espressoduft im Treppenhaus; für den Shampoo-Mix unserer Mitbürger, der uns in öffentlichen Verkehrsmitteln umweht, das Rasierwasser des Sitznachbarn im ICE, der seine Tasche in der Ablage verstaut, das Parfüm der Passantin im Hosenanzug, die an uns vorbei hastet auf dem Weg zum Bäcker. Pfirsich und Dior, Wild­rose und Hugo Boss – das ist der Duft der großen weiten Welt morgens um acht in der U-Bahn. Aber wo steckt die große weite Welt wirklich?

Willst du mit mir gehen?

Früher war das die Gretchenfrage oder doch die eine Frage, die bei 14-Jährigen das Herz höherschlagen ließ – auch wenn das Mädchen aus der Parallelklasse nicht Gretchen hieß, sondern Tanja. Willst du mit mir gehen, das hieß: Willst du mit mir zusammen sein, wollen wir Eindruck machen und ein Paar bilden? Wenn hingegen Goethes Gretchen den Stubenhocker Faust fragt: Wie hältst du’s mit der Religion, ist der Subtext weniger: Gehst du in die Kirche? Sondern: Gehst du mir nah oder gehst du zu weit? Gehst du auf mich ein oder bist du auf was aus? Faust geht die Frage irgendwie auf die Nerven, und am Ende geht Gretchen zugrunde.

Auch wenn die Achtziger vorüber und wir nicht mehr vierzehn sind – jeder neue Mensch fragt uns indirekt immer noch diese eine Frage: Willst du mit mir gehen? Willst du mit mir unterwegs sein, dich neu kennenlernen, mich und uns? Ob wir »zu dir oder zu mir« gehen, ist nicht wesentlich. Entscheidend wird sein, ob wir etwas erleben, das über uns hinausgeht.

Ob wir uns nur als Paar inszenieren – ginge gar nicht! – und uns noch in Rio ständig selbst bespiegeln – oder ob wir auch die Welt um uns herum wahrnehmen. Ob wir die Erde – und einander – in Pirmasens genauso liebhaben wie in Dubai. Begegnen ist Reisen. Jede Ehe ist ein Abenteuerurlaub, und für die Torschlusspanik gibt es Last-Minute-Angebote. Der erste Händedruck, die erste Umarmung, das ist wie die andere, würzigere Luft, wenn man aus dem Flieger steigt. Das erste lange Lächeln: Passkontrolle. Den Freundeskreis kennenlernen, das sind die fremdländischen Wortfetzen, die man in den Gassen aufschnappt, die ungewohnte Währung. Beieinander schlafen: der erste Ausflug ins Landesinnere. Willst du also, fragt der Lebens-, Reise- und Weggefährte, mit mir meine Lieschen-Müller-Welt erkunden, auch wenn ich nicht Lieschen Müller heiße, willst du sie achten lernen, du mein Max Mustermann, und ohne Ausweis eingehen in mein bescheidenes Haus? Wirst du mich spüren lassen, dass meine Lieben, meine Kreise und Dinge sehenswürdig sind?

Auch wenn ich weder eine Frau von Welt bin noch du ein Weltmann – von der Welt sind wir trotzdem und wir wohnen auf Erden wie alle.

Das Heimweh des Geistes

Vielleicht müssen wir lernen, mit unserem Ich zu reisen und nicht nur mit dem Körper. Was wäre das, ein Begriff des Reisens vor dem Horizont des modernen, gegenwärtigen Bewusstseins? Wir müssten dann nicht nur das Fernweh unserer Seele ernst – und als Antrieb nehmen, um Flüge zu buchen, Routen zu planen und Hotels zu googeln, sondern auch das Heimweh unseres Geistes.

Es ist ein nicht zu unterschätzendes Glück, Ja zu sagen zu dem Ort, an dem man biografisch gelandet ist, und es ist seelisch anstrengend, unentwegt weg zu wollen, in Wahrheit lieber anderswo wohnen und in Gedanken stets wegziehen zu wollen: »Hier gehe ich ein!« Man verdirbt sich durch solches Verlangen aus Prinzip und durch die verdrossene Polemik gegen sich selbst die Umgebung, in der man lebt. Man verdirbt sich die zukünftige Erinnerung an den Ort, wo man Zeit verbrachte. Dabei kann jede Lebensphase im Rückblick »irgendwie schön« gewesen sein. Wenn ich das Heimweh meines Geistes ernstnehme – dass er ankommen will im Hier und Jetzt –, dann kann ich (nein, muss ich) in Suhl so geistesgegenwärtig sein wie in Barcelona.

Sesshaft zwischen den Stühlen

Jede Woche fahre ich einige Male an den Rapsfeldern Norddeutschlands vorbei in die Hauptstadt und wieder zurück an die Ostsee. Ich führe ein Berufsleben zwischen den Welten, lehrend und schreibend, und erlebe dabei den Luxus der Selbstbestimmung. Ich verreise wenig, aber reise viel – um zweier Tätigkeiten willen, die im Herzen zusammenfließen und die ich nie Job oder Hobby nennen könnte. Bei der Sprache fängt Reisen an: Haben wir lebendige Begriffe von unseren Träumen, oder pflegen wir eine Art Pauschalsprache – Phrasen und Abkürzungen, Swimmingpool und Schlagworte inklusive?

Wir müssen nicht zwanghaft reisen, um uns zu entwickeln. Indem wir uns entwickeln, reisen wir. Wir müssen uns nicht »fort«-bilden, um da zu sein. Das Neue liegt im Blick, in der Art, wie wir sehen, und nicht nur im Was. Zwischen allen Stühlen sitzen zu können ist dabei kein Kinderspiel, birgt aber Vorteile bei der Reise nach Jerusalem: Das Heilige Land ist heute da, wo wir es gründen. Immer wenn ich mit meiner sechsjährigen Tochter unterwegs bin, lerne ich jenen Blick. Auch wenn wir nur durch Berlin flanieren, unser Jetlag in Heißhunger auf Pommes besteht und unsere Diashow ausfällt.

»Alles prüfe der Mensch« schreibt Hölderlin in seinem Gedicht. Ist es wichtig, dass der Lebenslauf viele Auslandsaufenthalte aufweist? Am Ende zählt nur, ob man mit der Welt wirklich verbunden ist und etwas zu erzählen hat: Ob Reisen gehobene Routine war oder tiefe Freude an Neuem, ob wir am Ende unserer Lebensreise als Verwandelte in unsere geistige Heimat zurückkehren – oder als Touristen.

Zum Autor: Andreas Laudert studierte Szenisches Schreiben an der Universität der Künste Berlin sowie Theologie an der Freien Hochschule der Christengemeinschaft. Heute arbeitet er als freier Autor und Dozent und unterrichtet Ethik an der Freien Waldorfschule Prenzlauer Berg.

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