Intuition – das Auge des Geistes

Von Lorenzo Ravagli, März 2017

»Ein richtig verfasstes anthroposophisches Buch«, so Steiner 1924 in seiner Autobiografie, »soll ein Aufwecker des Geistlebens im Leser sein, nicht eine Summe von Mitteilungen«. Diese Anforderung erfüllt in vollem Umfang Huecks Untersuchung zur Darstellung des intuitiven Erkennens im Werk Rudolf Steiners, ein Buch, von dem man sich wünscht, es wäre fünfzig Jahre früher erschienen.

Es ist in der Tat erstaunlichdass die Steinerforschung so lange auf eine solche Monografie warten musste, die einen zentralen – ja den zentralen – Begriff der geisteswissenschaftlichen Epistemologie durch eine Querschnittsanalyse aufarbeitet, die das gesamte Werk einbezieht. Zu Witzenmanns Studie Intuition und Beobachtung, die sich auf Steiners philosophisches Werk konzentriert und Zieglers systematischer Arbeit Intuition und Ich-Erfahrung, stellt Huecks Untersuchung aufgrund ihres umfassenden Einbezugs von Originaltexten eine wertvolle Ergänzung dar. Und es ist erstaunlich, dass sie gerade in einer Zeit erscheint, in der die Tendenz überhandnimmt, sich von Steiner zu verabschieden, weil man glaubt, eine »neue Anthroposophie« erfinden zu müssen.

Während andere Autoren sich am Projekt einer akademischen Reformulierung der Anthroposophie abarbeiten, lässt Hueck Steiner selbst zu Wort kommen und fördert dabei in vielerlei Hinsicht Bemerkenswertes zutage. Der Autor verfolgt das Motiv des intuitiven Erkennens quer durch Steiners gesamtes schriftliches Werk – von der ersten Einleitung zu Goethes Naturwissenschaftlichen Schriften bis zur Erweiterung der Heilkunst – und untersucht seine allmähliche Wandlung, die sich bei genauerem Hinsehen als Vertiefung und Ausweitung erweist. Die kontinuierliche Präsenz der Intuition durch diese 42 Schaffensjahre hindurch zeugt vor allem von einem: von der grandiosen Folgerichtigkeit, mit der sich die Anthroposophie aus ihren allerersten philosophischen Keimen heraus entwickelt hat – oder anders formuliert: von der Anwesenheit dieser Anthroposophie im Werk Steiners vom ersten Tage an, an dem er als Autor in Erscheinung trat.

Natürlich haben sich die Darstellungsformen und die Sprache der geisteswissenschaftlichen Erkenntnis im Lauf der Jahrzehnte gewandelt, haben die Tiefe ihres Inhaltes und ihre Weite zugenommen, aber die essenzielle Identität ihres Kerns ist nicht zu leugnen. Von der scientia intuitiva Spinozas, über Goethes anschauende Urteilskraft, Fichtes Tathandlung und Schellings intellektuelle Anschauung, die Selbstbeobachtung des Denkens und die moralische Intuition geht der Weg, der durch die geistige Selbsterweckung der Jahrhundertwende und die Ausbildung übersinnlicher Erkenntnisorgane zur Intuition als »Stufe höherer Erkenntnis« führt. Vom intuitiv erlebten Denken über die intuitive Geist-Erfahrung zur geistigen Wesenserkenntnis könnte man in Anlehnung an die drei Hauptkapitel des Buches sagen.

Bereits in den frühesten Schriften ist die Intuition durch jene vier Aspekte gekennzeichnet, die sich später in den höheren Erkenntnisstufen ausfalten und differenzieren: Produktivität, Objektivität und Realität, die in eins zusammenfallen (Identität). Was der Erkennende durch seine Tätigkeit hervorbringt, ist der objektive geistige Inhalt der Welt und zugleich das in den Erscheinungen wirkende Gesetz, mit dem er sich vereinigt. Es ist der geistige Weltinhalt, der uns später zum Beispiel in Gestalt der Hierarchien wieder begegnet. Wenn es in den Einleitungen heißt: »Indem sich das Denken der Idee bemächtigt, verschmilzt es mit dem Urgrunde des Weltendaseins; das, was außen wirkt, tritt in den Geist des Menschen ein: er wird mit der objektiven Wirklichkeit auf ihrer höchsten Potenz eins. Das Gewahrwerden der Idee in der Wirklichkeit ist die wahre Kommunion des Menschen«, dann ist hier die Anthroposophie bereits »in nuce« greifbar. Dieses Urmotiv, diese Urtatsache des Innenlebens, wandeln die philosophischen Schriften der folgenden Jahre, wie Hueck zeigt, auf vielerlei Weise ab, bleiben dem Kern jedoch treu.

Die Einleitungen zu Goethes Naturwissenschaftlichen Schriften, so Hueck, beschreiben die Intuition als Erkenntnisform anhand von Goethes Erkenntnispraxis, die Grundlinien ... entwickeln sie argumentativ aus ihm, Wahrheit und Wissenschaft begründet sie aus den Notwendigkeiten des Denkens und die Philosophie der Freiheit behandelt sie als Erfahrungsart des menschlichen Geistes, als Tätigkeit, die empirisch beobachtet werden kann. Immer wieder kommt Steiner auf diese spezifische menschliche Geisterfahrung zu sprechen. »Das Denken selbst ist ein Tun«, heißt es in Wahrheit und Wissenschaft, »das einen eigenen Inhalt im Momente des Erkennens hervorbringt ... Hier brauchen wir bloß zu beobachten; und wir haben das Wesen unmittelbar gegeben ... Beim Denken hört alles Beweisen auf. Denn der Beweis setzt bereits das Denken voraus«. »Das mit dem Gedankeninhalt erfüllte Leben in der Wirklichkeit ist zugleich das Leben in Gott«, in der Philosophie der FreiheitGoethes Weltanschauung legt die Betonung auf das Erlebnis der Zusammenschau der sinnlichen und der ideellen Welt: im erkennenden Bewusstsein kommt der Ideengehalt der Welt zur Erscheinung, was sinnlich scheint, ist in Wahrheit geistig: »Solange der Mensch das Wirken und Schaffen der Idee nicht fühlt, bleibt sein Denken von der lebendigen Natur abgesondert ... Sobald er aber fühlt, wie die Idee in seinem Innern lebt und tätig ist, betrachtet er sich und die Natur als ein Ganzes, und was als Subjektives in seinem Innern erscheint, das gilt ihm zugleich als objektiv«. Was verborgen in den Dingen wirkt, wird durch die erkennende Tätigkeit enthüllt, im Erkennenden schaut sich das gesetzmäßig Wirkende selbst an, das Prinzip der Dinge gelangt zum Selbstbewusstsein im Menschen. Hier, wie schon in den Grundlinien ist vom Denken als einem Auge oder einem geistigen Wahrnehmungsorgan die Rede: »Das Sehen mit den Augen des Leibes vermittelt die Erkenntnis des Sinnlichen und Materiellen; das Sehen mit Geistesaugen führt zur Anschauung der Vorgänge im menschlichen Bewusstsein ..., der lebendige Bund zwischen geistigem und leiblichem Auge befähigt zur Erkenntnis des Organischen, das als sinnlich-übersinnliches Element zwischen dem rein Sinnlichen und rein Geistigen in der Mitte liegt«.

In der Mystik ... wird die Intuition zum »höheren Sinn«, der die Erfahrung – die Auferstehung – des Göttlichen in der Seele des Menschen ermöglicht, die Theosophie lenkt den Blick auf die erschauten Inhalte, die geistigen Urbilder der Welterscheinungen, während Wie erlangt man ... beschreibt, wie dieser Sinn geschult werden kann und die Stufen der höheren Erkenntnis die bereits genannten vier Aspekte der Intuition zu höheren Erkenntnisstufen ausfalten. Die Produktivität – die hervorbringende Tätigkeit – wird zur Imagination, die Objektivität – die Selbstbestimmtheit der hervorgebrachten Inhalte – zur Inspiration, die Realität zum wesenhaften Geist, mit dem das erkennende Bewusstsein verschmilzt (Identität).

Ein weiteres Kapitel behandelt die »anthroposophische« Vertiefung der Intuition in den Schriften zwischen 1909 und 1925 und stellt die vielfältigen Anregungen zur Schulung dieser Fähigkeit dar. Sie hier im Einzelnen aufzuführen, würde den Rahmen einer Rezension sprengen. Als Beispiel seien die Ausführungen über die Geheimwissenschaft im Umriss herausgegriffen, die nicht nur in ihrem Schulungskapitel auf die Intuition eingeht, sondern auch im anthropologischen Teil. Hier scheint, was in den Werken vor der Jahrhundertwende erkenntnisphilosophisch abgehandelt wurde, in der Phänomenologie der Bewusstseinsformen auf, die zu den menschlichen Wesensgliedern in Beziehung steht. (Diese finden sich zwar bereits in der Theosophie, aber die Geheimwissenschaft schlingt die systematische und genetische Perspektive ineinander). Der phänomenologische Ort der Intuition ist die Bewusstseinsseele, in der sich der geistige Wesenskern des Menschen, das »Ich«, selbst erfasst. Die Passage, in der Steiner den Begriff dieser Seelenform entwickelt, erfährt durch Hueck eine erhellende Exegese: von der schlichten Beobachtung der Einzigartigkeit dieses Fürwortes, das nur vom jeweiligen Subjekt rückbezüglich verwendet werden kann, bis hin zur Entdeckung, dass der Gott spricht, der im Menschen wohnt, wenn die Seele sich als Ich erkennt, durchläuft der Leser, der die aufeinanderfolgenden Sätze beobachtend und erlebend mitvollzieht, einen stufenweisen Einweihungsweg »en miniature«. In der Bewusstseinsseele enthüllt und ergreift sich die wirkliche Natur des Ich. Dieses Ich kann sich nur durch eine Tätigkeit erfassen, die Steiner an dieser Stelle als »Selbstbesinnung« bezeichnet – es ist dieselbe Tätigkeit, auf die mit unterschiedlichsten Ausdrücken bereits im philosophischen Werk hingewiesen wird. Die Kraft aber, die sich in der Selbsterfassung des Ich kundgibt, ist dieselbe, die in der übrigen Welt wirkt, dort allerdings verschleiert, hier unverhüllt. Stufenweise durch die Wesensglieder geht es hinan, bis sie sich hüllenlos im innersten Seelentempel zeigt. Wie ein Tropfen aus dem Meer der Weltgeistigkeit erscheint dieses Ich, das »den Geist in aller Offenbarung« ergreifen kann, wenn es die Tätigkeit, durch die es ein Bewusstsein seiner selbst erlangt, auf den übrigen Weltinhalt anwendet und Schleier um Schleier vom im Kosmos verborgenen Geist wegzieht.

Ein eigenes Kapitel widmet Hueck im Zusammenhang der Diskussion des Schulungsweges den Wahrheitskriterien der Anthroposophie, hier hätte man sich auch eine Auseinandersetzung mit den »zwei Quellen der Täuschung« gewünscht.

Schließlich erweist sich die Intuition nicht nur als Organ, durch das sich der Mensch als geistiges Wesen selbst erkennt, er vermag durch sie auch andere geistige Wesen zu erkennen, so wie er sich selbst erkennt – durch Einswerden bzw. Einssein nämlich. Sie führt auch zu einer Erkenntnis des Christuswesens, das dem Geistesschüler nicht als Inhalt historischer Tradition begegnet, sondern als Inhalt seiner spirituellen Erfahrung.

Was Huecks Monografie auszeichnet, die sich eng an Steinertexten entlang bewegt, und insofern auch eine gut lesbare, konzise Einführung in die Anthroposophie und ihre Erkenntnismethoden bietet, sind die fortlaufenden Wechselbezüge, die zwischen den unterschiedlichsten Ausführungen Steiners hergestellt werden. Der chronologische Gang der Untersuchung, der sich Reihenfolge der Erscheinung der Schriften entlangbewegt, ist durchzogen von Vorblicken und Rückblicken, die eindrücklich zeigen, wie sich Gedankenmotive gleich bleiben und zugleich durch Vertiefung wandeln. So führt ein geradliniger Weg vom »Weltengrund«, mit dem sich das erkennende Bewusstsein vereinigt, zur Michaels- und Christuserkenntnis, die sich als Metamorphose und Konkretisierung des philosophischen Essentialismus erweist. Zu Recht kann daher der Autor in seinem Fazit schreiben: »Unsere Untersuchung zeigt, dass es keinen wirklichen Bruch zwischen Rudolf Steiners erkenntnisphilosophischen und anthroposophischen Schriften gibt. Vielmehr kann man eine sukzessive Entfaltung des Themas verfolgen, die wie organisch immer wieder neue Metamorphosen hervortreibt«.

In Huecks gesamter Untersuchung finden sich immer wieder Erkenntnisperlen, die der Autor mit leichter Hand verstreut. So etwa heißt es über die in den Einleitungen gewonnene Einsicht, dass in der Intuition der objektive Kern der Welt im Subjektivsten des Menschen zur Erscheinung kommt, und der Mensch damit die Manifestation der geistigen Einheit der Welt ist: »Das Wesen des Menschen ist identisch mit der Einheit des Weltganzen – ein zentraler Topos der Anthroposophie«. – Oder im Anschluss an Ausführungen in Goethes Weltanschauung wird ein Resonanzprinzip des Erkennens formuliert: »Die physikalische Natur wird durch innere, willenshafte Körpererlebnisse begriffen. Die lebendige, organische Natur erfasst man, indem man die äußerlich beobachteten Lebensbewegungen mit dem inneren Erleben der eigenen Lebendigkeit ... in Resonanz bringt. Für ein Erfassen der seelischen Welt anderer Wesen dient das innere Erleben des eigenen Seelischen als Resonanzraum, und die geistige Welt der wirkenden Ideen wird durch das Erlebnis der Selbstanschauung des eigenen Denkens erfasst. Gleiches wird durch Gleiches erkannt. In diesem Sinne ist das ganze Mensch (ein intuitives) Resonanz- und Wahrnehmungsorgan für die Welt in ihrer Vielschichtigkeit«. – In der Diskussion der Mystik ... heißt es über die Philosophie der Freiheit rückblickend: »Es wird also immer deutlicher, dass Rudolf Steiner bereits in der Philosophie der Freiheit die innere Erweckung gemeint hatte, aber erst in der Mystik explizit aussprach. Der Ausnahmezustand ist nicht die Beobachtung des Denkens als eines verobjektivierbaren Prozesses ..., sondern das Erleben des Denkens, während man es ausübt, von innen her ... Der Ausnahmezustand der Philosophie der Freiheit ist bereits mystisches Erleben«. Im Christentum metamorphosiert sich die »Wahrnehmung« der Philosophie der Freiheit zum in der Natur verzauberten Gott, sie als »eine besondere Form des Begriffs« zu erkennen, bedeutet dagegen, das Göttliche in ihr zu erkennen. – In den vier großen Abschnitten der Theosophie findet der Autor Korrespondenzen zu den vier Wesensgliedern des Menschen: der erste, anthropologische, beschreibt seine zeitlose Gliederung (physisch), der zweite, über Wiedergeburt und Schicksal, seine Entwicklung in der Zeit (ätherisch), der dritte, ontologische, führt in die seelische und geistige Innenwelt (seelisch) und der vierte, über den Pfad der Erkenntnis, zeigt, was das Ich tun kann, um sein Erkennen so zu gestalten, dass das Geistige für es wahrnehmbar wird. – Erhellend sind die Ausführungen über die Mittelstellung der beiden Werke Theosophie und Wie erlangt man ... (1904/1905) in Steiners Werkbiografie, »der Geistbiografie der Anthroposophie«, die in der zeitlichen Mitte der 42 Schaffensjahre erschienen sind (1884 bis 1925) und zugleich die zwei Seiten der Intuition: die selbstbestimmte Inhaltlichkeit und die Produktivität, ihren Denk- und Willensanteil widerspiegeln. »In der Theosophie«, schreibt Hueck, »wird ein Gedankenbild höherer Welten gegeben, während Wie erlangt man ... unmittelbar auf das ernsthafte und energische Tun zielt ... Die Theosophie erscheint wie das konzentrierte Ergebnis eines uralten Weisheitsstroms; Wie erlangt man ... greift weit aus in die Zukunft moralischer Selbstentwicklung«. – In den Stufen der höheren Erkenntnis legt sich laut Hueck die Zweiheit von Wahrnehmung und Begriff, die den Erkenntnisbegriff der Philosophie der Freiheit bestimmt, in die Vierheit von Wahrnehmung, Erinnerung, Urteil und tätig erkennendem Wesen auseinander. (Allerdings lassen sich diese vier Stufen, wie Witzenmann nachdrücklich gezeigt hat, bereits in der Philosophie der Freiheit finden). Das aktive, produktive Denken wird zur Imagination, die Selbstbestimmtheit seiner Inhalte zur Inspiration, das erkennende Ich zur Intuition. »Im Umkehrschluss«, so Hueck, erscheinen »die Vorstellungsbilder des gewöhnlichen Bewusstseins als abgeschattete Imaginationen«, »die gewöhnlichen Begriffe als verstummte Inspirationen« und »das alltägliche Ich als abgestorbenes Welt-Intuitions-Wesen«. Die Sensation oder Wahrnehmung erscheint schließlich ebenfalls »als intuitiv zu erfassender Geist«. – Wenn der Mensch im intuitiven Erkennen des geistigen Weltinhaltes tatsächlich seinem eigenen Wesen begegnet, dann wird laut Hueck begreiflich, warum es in der Geheimwissenschaft heißt, die Zusammenhänge von Reinkarnation und Karma seien nur durch Intuition zu erkennen: »Ein völlig erwachtes Selbst erkennt, dass das, was ihm von außen wie eine scheinbar fremde Macht entgegentritt, in Wirklichkeit mit ihm eins ist«. – Über das »erkenntnistheoretische Grundprinzip der Anthroposophie« heißt es: »Zum Wahrnehmen des Ich hat eine innere, bewusste Willenstätigkeit geführt, ein reiner, lebendiger Gedanke, der zugleich wirklich ist, weil und indem er bewusster Willensausdruck des sich äußernden Wesens ist. So wie die Ich-Intuition müssen also die Welt-Intuitionen auch bewusste, wesenhafte Willenshandlungen sein. Man kommt zu dem in der Welt verborgenen Geist, indem man die Welterscheinungen mit Willen durchdringt, nicht über sie denkt, sondern sich ihnen innerlich anverwandelt, sie zu eigenen Willenshandlungen macht, d.h. sie innerlich ... nachschafft. Das ist wahre Phänomenologie, wahre Naturanschauung im Sinne Goethes, die zur Geist-Erfahrung wird.« – Ein letztes Beispiel: Von der Sinneswahrnehmung zum Erkennen des in ihr schaffenden Geistes führt ein Weg über vier Stufen. Erlebt man die Wahrnehmungstätigkeit, die in den Gegenstandsvorstellungen erstorben war, beginnt sich die scharfe Trennung zwischen erkennendem Ich und erkanntem Gegenstand aufzulösen, »der in den Dingen erstorbene und zerstückelte Gott, beginnt, aus seinem Zaubergrab zu erwachen«. Wer nicht bei isolierten Sinneseindrücken stehenbleibt, sondern die Gegenstände der Wahrnehmungswelt in ihren Metamorphosen, ihren Wachstumsbewegungen, ihrer Entwicklung vorstellend nachverfolgt und die einzelnen Bilder ineinander übergehen lässt, beginnt im Leben der Vorstellungen zugleich das Leben der Welt zu erleben, in den Metamorphosen des Vorstellungslebens »wird der Gott lebendig«. Wenn diese Verwandlungen nicht nur in Bildern erlebt, sondern auch mitempfunden werden, empfindet sich der Erkennende in der Welt, die Welt in ihm, »Gott tritt ihm in der Innerlichkeit der Dinge entgegen«. Wer sich vollständig mit dem identifiziert, was er beobachtet, indem er es in sich nachschafft, geistig in es hineinversetzt, fließt mit den Wesen der Welt in eins zusammen, die Dinge denken sich in ihm, »der göttliche Geist wird eins mit ihm im Erkennen«.

Am Ende sei auch eine kritische Bemerkung erlaubt. Huecks Hauptinteresse ist, trotz des chronologischen Gangs der Untersuchung, systematisch. Die Texte, mit welchen er sich befasst, folgen aufeinander, so wie die Schriften Steiners, denen sie entnommen sind. An manchen Stellen allerdings werden Passagen zitiert, die erst zu einem späteren Zeitpunkt in die betreffenden Werke eingefügt wurden und daher für eine systematische Argumentation, die aus der Chronologie entwickelt werden soll, nicht taugen. Logisch betrachtet handelt es sich um ein »hysteron proteron«. Ein Beispiel: S. 61 bis 65 kommentiert Hueck Ausführungen der Philosophie der Freiheit über das intuitive Denken als »Wahrnehmungsorgan für Geistiges«. Zwar wird das betreffende Zitat als »Zusatz« gekennzeichnet, allerdings knüpft der Autor im Anschluss an die Behandlung des Textes aus dem Jahr 1918 die Bemerkung: »Damit hatte Rudolf Steiner seine erkenntniswissenschaftlichen Auseinandersetzungen bis zu dem Punkt geführt, an dem die übersinnliche, geistige Wahrnehmung nicht nur vor dem wissenschaftlichen Denken gerechtfertigt erschien, sondern auch eine Anleitung zu ihrer Praxis dargestellt war«. Von einer Rechtfertigung der »übersinnlichen, geistigen Wahrnehmung vor dem wissenschaftlichen Denken« kann im Zusammenhang der Erstauflage der Philosophie der Freiheit noch keine Rede sein, wohl aber von der Rechtfertigung des spirituellen Charakters der Denkerfahrung.

Und eine weitere Rückfrage: warum wird die Intuition eigentlich als »Auge der Seele« bezeichnet und nicht als »Auge des Geistes«?

Christoph Hueck: Intuition – das Auge der Seele. Die Darstellung des intuitiven Erkennens im schriftlichen Werk Rudolf Steiners, books on demand 2016, 312 S.

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