Ist die deutsche Bildung noch zu retten?

Von Marcus Andries, Oktober 2017

Josef Kraus, der 20 Jahre lang Schulleiter eines bayerischen Gymnasiums war und seit 30 Jahren Präsident des Deutschen Lehrerverbandes ist, hat ein neues Buch zur Bildung in Deutschland veröffentlicht.

Darin benennt er einleitend die ideologischen fünf »Fallgruben« und vier »Verirrungen«, welche seiner Auffassung nach als Glaubensgrundsätze der deutschen Bildungspolitik vor allem seit PISA zugrunde liegen. Es folgen drei Kapitel, die eine »bisweilen grimmige Untersuchung der Trümmer und Ruinen« darstellen, welche die Reformen der deutschen Bildungspolitik und Bildungswissenschaften hinterlassen haben: erstens falsche Strukturen, zweitens falsche Vorgaben und drittens falsche Sprache. Zwölf praktische Ratschläge als Appell an die Eltern bilden das vierte und letzte Kapitel »Was Eltern trotz allem tun können« und sollen zu einer bildungspolitischen, »bürgerlichen Revolte« von unten ermutigen.

Kraus nimmt sich in den drei zentralen Kapiteln der Reihe nach alle virulenten und umstrittenen pädagogischen und didaktischen Themen der vergangenen Jahre und Jahrzehnte vor: Die »Wohlfühl-Pädagogik«, die den Schülern keine wirklichen Leistungen mehr abverlangt und ihnen auch nichts mehr zutraue; die Gemeinschaftsschule, welche die an sie gestellten Erwartungen bei weitem nicht erfülle; den »Frontalunterricht«, der angeblich durch die »neuen Formen des Lernens« abgelöst werden müsse, bei denen der Lehrer nur noch Lernbegleiter und Moderator zu sein habe. Er kritisiert die »innere Differenzierung« im Unterricht, welche keine sonderlich positiven Lerneffekte hat; das empirisch belegte Phänomen der Bestnoteninflation in den letzten Jahren, die in ihrer Wirkung einer Abschaffung von Noten gleichkommt und die unheilvolle Kompetenzorientierung, die inhaltlich zu Leerplänen statt zu Lehrplänen und definitiv zu einer Niveauabsenkung geführt hat. Er nimmt die vollmundigen Heilsversprechen auseinander, die mit der Digitalisierung der Schule verbunden werden; die Ganztagesschule, welche nicht das Wohl der Kinder, sondern in erster Linie die Chancen für die volle Berufstätigkeit beider Elternteile und letztlich das Bruttoinlandsprodukt im Blick hat; die Inklusion, bei der häufig die Egalitäts-Ideologie gegen das Kindeswohl steht und schließlich den Verfall der deutschen Sprache – nicht nur durch die »Denglisch-Seuche« und Anglomanie, sondern auch durch den »Irrsinn der Gender-Linguistik«, die Rechtschreibreformen und die Fehlentwicklungen bei der Vermittlung der deutschen Sprache in der Grundschule. All diese Themen werden mit großem Sachverstand auf der Grundlage einer Fülle von Fakten beleuchtet und durch eigene Erfahrungen im Schulbetrieb angereichert.

Gewissermaßen als Sonderthema behandelt Kraus in einem Unterkapitel die vielfältigen und geradezu skandalösen Verflechtungen der Bertelsmann-Stiftung mit der deutschen Politik sowie deren massive, neoliberal ausgerichtete Einflussnahme auch auf die deutschen Bildungsreformen – alles mit vielen belastbaren Fakten unterfüttert. Wer wissen möchte, was Schule und Bildung in den letzten 30 Jahren in Deutschland bewegt hat, und wer durchschauen möchte, welche Entwicklungen in diesem Bereich abgelaufen sind, dem können die Analysen und Bewertungen des als Meister der Zuspitzung bekannten Kraus empfohlen werden. Sie sind pointiert und unterhaltsam geschrieben – insgesamt ein höchst lesenswertes Buch.

Josef Kraus: Wie man eine Bildungsnation an die Wand fährt – Und was Eltern jetzt wissen müssen, geb., 267 S., EUR 22,–, Herbig Verlagsbuchhandlung, München 2017

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