Malen, Häkeln, Wasserfälle und Silicon Valley

Von Griet Hellinckx, September 2015

Das altgriechische Wort aisthésis verweist auf die Wechselwirkung zwischen sinnlicher Wahrnehmung und ästhetischer Erfahrung. In der Kognitionswissenschaft sind manche Wissenschaftler inzwischen der Meinung, dass kognitive Prozesse und das Erfassen von Zusammenhängen nicht losgelöst von Motorik, Körper- und Sinneswahrnehmung angeschaut werden sollten. Erkenntnis – so heißt es dort – ist körperbasiert. Man spricht von »embodied cognition«.

Das Denken entsteht und formt sich im Zusammenspiel mit Bewegung, Haltung, Perspektive, Standort und so weiter. Die Interaktion von Mensch und Umwelt bekommt somit eine neue Bedeutung als Grundlage für die Intelligenz und die kognitiven Fertigkeiten. Nachweislich fördert Sinnesschulung Urteilsfähigkeit.

Ein weiteres, recht neues Forschungsfeld beschäftigt sich mit Transferuntersuchungen. Hier wird durchleuchtet, welche allgemeinbildende Wirkung Kunst auf den Menschen hat. Dabei wurde zum Beispiel festgestellt, dass es einen Zusammenhang zwischen dem Musizieren und mathematischen Fähigkeiten gibt und dass Theater und Tanz die Bildung sozialer Fähigkeiten unterstützen – zwei exemplarische Forschungsergebnisse, die für Waldorfpraktiker nicht überraschend sein dürften.

Dennoch ist es interessant, nachzuvollziehen, welche Denkmodelle diesen Untersuchungen zugrunde liegen und was für gesellschaftlich relevante Gestaltungs- und Handlungsräume hierdurch entstehen können.

Dieses Buch bietet Einblick in viele Studien dieser neuen Forschungsbereiche. Jedes Kapitel steht für sich und ist oft eine Überarbeitung eines Vortrags, eines Artikels oder eines Beitrags in einem Sammelband. Somit entsteht kein kohärentes Bild, dafür wird aber eine Vielzahl spannender Einblicke in verschiedenste Lebensbereiche und Themenkomplexe geboten, in denen jeweils ein Zusammenhang zwischen ästhetischer Wahrnehmung oder Erfahrung und körperlichen Resonanzen gezeigt wird.

Man staunt darüber, dass der Landschaftstyp, den man bevorzugt, tatsächlich etwas über die eigene seelische Disposition und Denkart aussagt und dass es nun wissenschaftlich nachgewiesen ist, dass beim Erleben eines Waldhains sich im statistischen Schnitt die Herzfrequenz beruhigt und bei der Betrachtung eines Wasserfalls erhöht.

Es wird nachvollziehbar, was nicht nur Mitarbeiter von Google, Apple und Yahoo dazu veranlasst, ihre Kinder in einer computerfreien Waldorfumgebung malen, häkeln und rezitieren zu lassen.

Christian Rittelmeyer: Aisthesis. Zur Bedeutung von Körper-Resonanzen für die ästhetische Bildung, brosch., 238 S., EUR 18,80, kopaed, München 2014